Willie Nelson würdigt seinen langjährigen Freund Merle Haggard auf "Workin' Man: Willie Sings Merle"
Country Music, zumindest die ursprüngliche Version des Genres, lebt von Emotionen. Von Gefühlen, die extrem sein können: von überschwänglich lebensfroh bis hin zu todtrauriger Gemütsverfassung. Wenn es einen Meister gibt, der die gesamt Gefühlspalette bis zum Anschlag auszuloten kann, dann ist das Willie Nelson.
Ikone ehrt Ikone: Willie Nelson singt elf Merle Haggard-Originale
Auf seinem neuen Album "Workin' Man – Willie Sings Merle" müssen allerdings fast zwangsweise die Blue Notes, die traurigen Töne, dominieren: Zum einen erinnert er in den elf Songs an seinen 2016 verstorbenen Buddy Merle Haggard. Zum anderen wurden die Aufnahmen im Pedernales Studio in Austin, Texas, die letzten Live-Sessions mit Willies Schwester Bobbie am Klavier und seinem langjährigen Drummer-Kumpel Paul English. Beide Mitglieder von Willies "Family Band" verstarben in den letzten Jahren.
Somit ist "Workin' Man – Willie Sings Merle" nicht nur ein großartiges Roots-Country-Album. Es ist gleichermaßen auch Vermächtnis und Andenken. Vor diesem Hintergrund hört man vielleicht noch etwas genauer hin. Man weiß: so etwas gibt es nie wieder. Das kann einen durchaus etwas rührselig stimmen. Doch schon bald überwiegt die Begeisterung. Dafür sorgen schließlich die fantastischen elf Haggard-Originale in diesen hingebungsvollen Versionen.
Laut Co-Produzent und Harmonica-Virtuose Mickey Raphael sind die Aufnahmen ziemlich genauso auf Band gebracht worden, wie man sich das von einem obercoolen Dude wie Willie Nelson vorstellt. Er, Willie, sei inmitten des Studios mit seiner heißgeliebten Trigger gesessen (wer es nicht wissen sollte: Trigger ist seine Akustikgitarre), alle anderen haben sich kreisförmig um ihn herum gruppiert. Willie hat die Songs angesagt – und los gings.
Komplizierte Arrangements oder viele Overdubs? Für dergleichen Studio-Spielereien steht einer wie Willie Nelson natürlich nicht zur Verfügung. Warum auch? Er und seine eingeschworenen, langjährigen Mitstreiter und Mitstreiterinnen kennen die Merle-Songs natürlich aus dem Eff-Eff. Songs wie den bereits 1969 entstandenen Opener und Titeltrack "Workin' Man Blues", die längst zum Klassiker avancierte Ballade "Today I Started Loving You Again" (Jahrgang 1968) oder das nicht minder populäre "Swining Doors" (1965) – und natürlich das unverzichtbare, 1969 heftig diskutierte und zu Merles' Signature-Song avancierte "Okie From Muskogee".
"Workin' Man – Willie Sings Merle": Songs von zeitloser Qualität – großartig interpretiert
Songs, von zeitloser Qualität, denen sich Willie Nelson als Kenner und Könner einfühlsam nähert. Er zollt ihnen mit jeder Note Respekt – und drückt ihnen durch seine unverkennbare Vocals und sein nicht weniger originäres Gitarrenspiel dennoch seinen Stempel auf. Dass Merle Haggard zwar einerseits ein unverbesserlicher Romantiker war, andererseits aber auch Talent zum Trouble Boy hatte, wird in so manchem Track deutlich. In den köstlichen Säufer-Balladen wie "Tonight The Bottle Let Me Down" und "I Think I'll Just Stay Here and Drink" zum Beispiel.
Bevor das Album mit dem schwungvollen, der Reiselust und dem Fernweh gewidmeten "Ramblin' Fever" euphorisch ausklingt, hat sich Willie noch einen der schönsten Country-Christmas-Songs aller Zeiten vorgenommen: "If We Make It Through December", von Merle Haggard Anfang der 1970er Jahre großartig komponiert und seitdem von unzähligen Country-Acts gecovert. Willie Nelsons neue Version kommt dem Original vermutlich aber am nächsten. Kein Wunder, die beiden waren schließlich Brüder im Geiste.
Fazit: Eine Ikone ehrt eine Ikone: Auf "Workin' Man – Willie Sings Merle" interpretiert Willie Nelson unnachahmlich elf Merle Haggard-Originale. Herrlich. Schön. Nostalgisch.












