Lucinda Williams nimmt auf ihrem neuen Album "World's Gone Wrong" kein Blatt vor den Mund
Wie bei der 72-jährigen üblich, packt sie auch auf "World's Gone Wrong" gleich mehrere heiße Eisen an. Die Notlage der Arbeiterklasse zum Beispiel. Dieses Thema verpackt sie in dem Opener und Titeltrack zu einem Stones-typischen Rhythm & Blues mit Country-Note. Rau, ruppig und transparent produziert lässt der Song – bei dem ihr die afro-amerikanische Country-Sängerin Brittney Spencer zur Seite steht – an Live-Recording-Sessions denken. Klar, das würde auch passen. Denn Lucinda Williams steht seit jeher für exzellentes Feeling und weniger für klangtechnische Perfektion.
"World's Gone Wrong": ein geistreicher Kommentar zur Gegenwart
Ähnlich robust und gitarrenriff-betont geht es mit "Something's Gonna Give" weiter. Brittney Spencer ist bei dem nach lässiger Session klingenden Track erneut mit von der Partie und verleiht dem Stück mit ihren souligen Vocals einen angenehmen Kontrapunkt zur Reibeisenstimme von Miss Williams. Bei dem anschließenden "Low Life" wechselt die Künstlerin in langsame, bluesige Folk-Rock-Gefilde. Ihr etwas wackeliger, brüchiger, nicht immer tadellos intonierender Gesang ist mit viel Hall unterlegt, was für eine geradezu hypnotische Stimmung sorgt – top!
Von den weiteren sieben Titeln stechen das gefällige, an die Pretenders erinnernde und mit 60ies-Beat-Vibes aufgeladene "How Much Did You Get For Your Soul", die hervorragende gemeinsam mit Soul-Königin Mavis Staples aufgenommene Bob Marley-Coverversion "So Much Trouble In The World" sowie das mit einem an ZZ Top erinnernden Gitarren-Riff eingeläutete "Sing Unburied Sing" heraus. Im letztgenannten Track gab sie ihren musikalischen Mitstreitern zum Song-Ende offenbar grünes Licht für eine wilde Session-Orgie. Stimmt schon: So lange man nicht beerdigt ist, sollte man singen und singen.
Das macht die Grande Dame des Alternative Country natürlich auch auf den weiteren Tracks von "World's Gone Wrong" mit Bravour. Auffallend ist die weite, sowohl musikalische als auch emotionale Bandbreite des Zehn-Track-Sets. Man nehme nur "Black Tears" und "Freedom Speaks", zwei Titel aus der zweiten Albumhälfte. Während "Black Tears" mit seinem düsteren Blues-Shuffle entfernt an den Alannah-Myles-Klassiker "Black Velvet" erinnert und Rassismus anprangert, verströmt "Freedom Speaks" Optimismus und Zuversicht – verpackt in eingängige, absolut mehrheitsfähige Melodien.
Lucinda Williams: mit "World's Gone Wrong" im dritten Karrierefrühling
Im letzten Titel des Albums präsentiert Williams mit Jazz- und Country-Lady Norah Jones eine weitere hochkarätige Duett-Partnerin: "We've Come Too Far to Turn Around" heißt die leise, fast andächtige Folk-Ballade. Ein versöhnlicher Abschluss eines rabiaten, mitunter widerborstigen Albums, aufgenommen in Nashville und produziert von Tom Overby und Ray Kennedy, ihrem langjährigen Weggefährten.
Dass Lucinda Williams, geboren 1953 in Lake Charles, Louisiana, Tochter des Dichters Miller Williams, schon früh zwischen Poesie und Roots-Musik oszillierte, spürt man auch 2026 in jeder Zeile. Sie gilt längst als Fixstern des amerikanischen Songwritertums. So wurde sie einst vom Time Magazine zur besten Songwriterin der USA gekürt und von Fans und Kritikern gleichermaßen verehrt.
Fazit: Lucinda Williams' "World's Gone Wrong" ist ein roher, ruheloser und rebellischer Kommentar zur Gegenwart. Ein Weckruf und zugleich ein kleiner Triumph über Zeit, Zweifel und politische Chaostage. Merke: Solange Lucinda Williams singt, ist noch nicht alles verloren.









