Jamie O'Neal - Gypsum

CD Cover: Jamie O'Neal - Gypsum
 

Als Jamie O'Neal im Jahr 2000 mit "There is No Arizona" auf der Bildfläche erschien, spürte man: Da passiert etwas Echtes. Eine Stimme, stark und weich zugleich, mit Southern Soul und Country-Herz. Der Song wurde ihr erster Nummer-eins-Hit und machte aus der jungen Australierin, die in Hawaii und Nevada aufgewachsen war, auf einen Schlag eine feste Größe in Nashville.

Mit ihrem sechsten Album "Gypsum" feiert Jamie O'Neal den Country-Sound der 1990er Jahre - Modern Country vom feinsten.

Ihr im gleichen Jahr erschienenes Debütalbum "Shiver" erlangte Gold-Status, die Single "When I Think About Angels" landete auf Platz eins der Country-Charts. Es folgten: grandiose Kritiken, jede Menge Auszeichnungen und – als Krönung – eine Grammy-Nominierung. Doch Nashville ist kein leichtes Pflaster. Das Star-Karussell dreht sich schnell und es ist unerbittlich. Das musste auch die raketenmäßig gestartete Newcomerin erleben: das Label ließ sie fallen, ein angekündigtes Album blieb unveröffentlicht.

Jamie O'Neal: eine Karriere mit Höhen und Tiefen

Erst mit "Brave" kehrte sie fünf Jahre später zurück und es schlug sich wacker in den Bestenlisten: Platz sechs in den Country- und ein respektabler 40. Rang in den US-Pop-Charts. Die Single-Auskopplung "Somebody's Hero" eroberte sogar Platz drei. Alles paletti also? Von wegen! Erst 2014 erschien mit "Eternal" ein neuer Longplayer, gefolgt – wieder nach langer Pause – von "Sometimes" (2020). Auch wenn sich die Veröffentlichungen nur mühsam ein Publikum eroberten, zeigte sich, dass jedes Werk eine anderen, reifere Jamie O'Neal präsentierte. Eine Frau, die Fehler, Verluste und Kämpfe nicht überschminkt, sondern in persönliche Songs verpackt.

Das gilt auch für das jetzt erschienene Album "Gypsum". Mehr noch: Ihr sechstes Studio-Album ist auch das persönlichste ihrer gesamten Karriere. Der Titel verweist auf die weißen, fast leuchtenden Sanddünen im White Sands National Park in New Mexico. Sie erklärte in einem Interview: "Gypsum steht für Ruhe, Weite, Freiheit. Ich habe eine Affinität zum Westen – die Felsen, der Sand, das Licht. All das hat dieses Album geprägt." Es ist eine schöne Metapher für ihre eigene Reise: vom kommerziellen Wunderkind zur authentischen Songschreiberin, die ihre Arbeit mit allen erlittenen Narben offenlegt.

Schon die erste Single "Ole Heartache" gibt die Richtung vor: Ein traditioneller Country-Song mit Pedal Steel Guitar und Mundharmonika, verwurzelt im Sound der späten 1980er und frühen 1990er-Jahre. "Ich wollte etwas schreiben, das George Strait oder Lee Ann Womack singen könnten. Einen zeitlosen Song über Herzschmerz und das Zuhören eines guten Freundes", sagt die Sängerin über den Opener. Das Resultat ist erzählerisch und melodisch so klassisch New Country, dass der Track mühelos neben alten Reba-Balladen bestehen könnte.

"Slippery Slope" schlägt eine andere Gangart an. Ein Uptempo-Song mit einer munteren Fiddle, knackigem Beat und Nashville-Leichtigkeit. Ein charmanter Gute-Laune-Song, wie ihn Radiostationen schon immer geliebt haben. Jamie O'Neal klingt dabei lebendig und unbeschwert. Die Zeiten, in denen sie dem Druck eines Labels ausgesetzt war, scheinen für sie vorbei zu sein. Was blieb ist: ihre Liebe zu authentischen Country-Klängen.

"Gypsum": Country mit Erfahrung, Erdung und Glanz

Die feiert sie auch mit "Just Whiskey", allerdings mit den Ausdrucksmitteln einer Ballade: Ein ruhiger, melancholischer Track, verhalten in den Strophen, großes Kino im Refrain. Ähnlich wie die frühe Faith Hill hält sie eine rare emotionale Tiefe parat. Ein glaubwürdiges Gefühlslevel, das wohl nur eine lebenserfahrene, reife Frau anbieten kann.

Das berührendste Song-Kapitel des Albums schlägt sie mit "Flowers & Fireflies" auf – geschrieben von ihrer verstorbenen Schwester Samantha Murphy. Ein leises, klar strukturiertes Lied voller Liebe und Dankbarkeit. Eine Resonator-Gitarre verleiht dem Song eine geradezu mystische Dimension und O'Neals Stimme pendelt zwischen Stärke und Zartheit. Das emotionale Herz des Albums, eine kleine Hymne an Vertrautheit und Verlust.

Mit "All the Same" kehrt sie zum lässigen Country-Rock zurück. Die im Midtempo-Bereich angesiedelte Nummer bietet luftige Gitarren-Arrangements, sansoweiche Chöre und herrliche Harmonieverbindungen, die von endlosen Highways und sonnendurchfluteten Landschaften berichten. Genau der Stoff aus dem guter Country-Sound gestrickt ist.

Fazit: Zurück in die Zukunft: auch Jamie O'Neal feiert auf ihrem neuen Album "Gypsum" ein Comeback des New Country-Sounds der 1990er Jahre. Ein starkes Werk, nicht nur für Nostalgiker geeignet.

vgw
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