Die Songs und die neue Frische auf "Then Again" machten deutlich, dass Rodney Crowell noch längst nicht zum alten Eisen gehört
Irgendwo in Texas muss Rodney Crowell einen Jungbrunnen ausgehoben haben. Eine Quelle ewiger Jugend, die den heute 75-jährigen Sänger/Songschreiber regelmäßig zu kreativen Höhenflügen treibt. Schon auf seinem letzten, 2023 erschienenen Album "The Chicago Sessions" überzeugte das Country-Urgestein mit ruppigen Sounds, emotionalem Folk und hintergründigen Texten. Diesen Faden nimmt Crowell auf "Then Again" erneut auf und spinnt ihn – gemeinsam mit den Produzenten Steuart Smith und Dan Knobler – zu einem so interessanten wie aktuellen Zehn-Songs-Set.
Der Mann hat Musik im Blut: Aufgewachsen in einer Musikerfamilie in Houston, Texas, saß Rodney Crowell bereits als Elfjähriger hinter dem Schlagzeug seines Vaters. Nach ersten Band-Erfahrungen und einem abgebrochenen Studium zog es ihn Anfang der 1970er Jahre nach Nashville. Dort arbeitete er sich durch die Clubszene, machte sich als Songschreiber einen Namen und fand Förderer wie Jerry Reed. Mitte der 1970er Jahre wechselte er nach Los Angeles, spielte Gitarre in Emmylou Harris' Hot Band und legte den Grundstein für seine außergewöhnliche Karriere als Sänger und Songschreiber. Schon bald standen Größen wie Rosanne Cash, Crystal Gayle oder die Oak Ridge Boys auf seiner Kundenliste. Einen seiner größten Erfolge feierte Crowell ebenfalls als Autor: Bob Seger machte sein "Shame on the Moon" Anfang der 1980er Jahre zum internationalen Hit und zeitlosen Evergreen.
Rodney Crowell: Songschreiber Hitlieferant für viele Stars
Auch wenn es in den vergangenen Jahren ruhiger um ihn geworden ist, blieb Crowell kreativ und erfolgreich. Gemeinsame Alben mit Emmylou Harris wie "Old Yellow Moon" (2013) und "The Travelling Kind" (2015) wurden von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert. Nach dem eher düsteren Pandemie-Album "Triage" (2021) meldete er sich 2023 mit "The Chicago Sessions" eindrucksvoll zurück. Die Zusammenarbeit mit Wilco-Mastermind Jeff Tweedy, das intime Studio-Setting in Chicago und eine kleine, hochkarätige Begleitband verliehen den Songs neue Frische und machten deutlich, dass Crowell auch im fortgeschrittenen Alter noch längst nicht zum alten Eisen gehört.
Genauso wenig wie heute. Das belegt schon mal der Opener "I Won't Lie", ein sparsamer, spannend inszenierter Americana-Track, der jede Menge Luft zwischen den Noten lässt, um der – okay, dezent brüchigen – Stimme Crowells den notwendigen Raum zu gewähren. In dem dreieinhalbminütigen Track verknüpft der Veteran vorbildlich Roots-Klänge mit wuchtiger Rock-Dynamik. Ein hypnotischer, düsterer Song, in dem sparsam eingestreute E-Gitarren-Akkorde für das solide Fundament sorgen.
"Then Again": Ein Songwriter im dritten Frühling
Mit dem nachfolgenden "Are You One of Us?" legt er noch einen drauf. Der Track scheint schon länger in Crowells Schublade geschlummert zu haben, denn er beschert ein Wiederhören mit dem 2016 verstorbenen Kult-Sänger Guy Clark. Die beiden eng befreundeten Country-Legenden kreieren in dem mal bedrohlich ruhigen, mal kräftig rockenden Titel eine faszinierende Atmosphäre, die sich über alle Stil- und Genre-Limitierungen mühelos erhebt.
Im nächsten Song lüftet der ehemalige Schwiegersohn von Johnny Cash (er war zwischen 1979 und 1992 mit Rosanne Cash verheiratet) ein kleines Geheimnis: In "If I Could Speak to Leonard" zollt er seinem einstigen Hero, Leonard Cohen, ein Song-Tribut – angemessen emotional, melancholisch und geistreich. Nach diesem Rührstück ist es für Crowell und seine exzellenten Begleiter (darunter Drummer Hal Blaine und Gitarrist John Leventhal) wieder Zeit, die Zügel etwas anzuziehen: "Bring It On Home to Memphis" klingt genauso wie es der Titel verspricht – soulig, optimistisch, dynamisch und voller guter Vorsätze.
In der zweiten Albumhälfte präsentiert der Altmeister weitere Stargäste: der irische Contemporary-Sänger und Songschreiber Kieran Goss mischt bei dem melodisch exzellent angelegten, mit hymnischen World-Music-Motiven ausgestattete "Sing Your Heart Out" mit, Lyle Lovett und Chely Wright teilen sich bei dem eigenwillig reduzierten Country-Rock-Rap "Watcha Gonna Do Now" das Mikro und Emmylou Harris, seine alte Weggefährtin, lässt ihre unverkennbare Stimme beim finalen Song "Go Light a Candle" erklingen. Dazwischen: Songperlen wie "The Has-Been Vents His Spleen", in dem er mit harschen Worten mit dem Country-Pop-Hype abrechnet, und das melancholische, an Bob Dylan erinnernde "40 Winters".
Fazit: Ein Mann wie guter Wein: Auch Rodney Crowell wird mit zunehmendem Alter immer besser. Sein neues Werk "Then Again" hält tolle Songs aus dem Grenzbereich zwischen Country, Folk und Americana – und manch' unbequeme Wahrheit bereit. Top!










