Chris Stapleton - Higher

CD Cover: Chris Stapleton - Higher
 

Chris Stapleton veröffentlicht mit "Higher" sein fünftes Studio-Album

Wer schon mal das Vergnügen hatte, Chris Stapleton live zu erleben, der weiß: dieser Mann füllt mit seiner Stimme jeden Raum. Selbst wenn es sich dabei um die gigantische O2-Arena in London handeln sollte, reicht dem bärtigen Sänger und Songschreiber aus Kentucky im Zweifel ein Mikro und eine Gitarre.

Keine Frage, der Mann ist ein Naturereignis. Die ganzen Lobeshymnen, die auf den 1978 in Lexington geborenen Künstler seit seinem 2015 veröffentlichten Debüt-Album "Traveller" einprasseln: völlig verdient. Genau wie all' seine Grammys und unzähligen Awards.

Chris Stapleton: Country-Star mit Soul in der Stimme

Sicher, Chris Stapleton wird als Country-Musiker geführt. Ist er auch. Dennoch liegt der Shouter stimmlich einer Soul-Legende wie Otis Redding deutlich näher als, sagen wir mal, Country-Heroen wie Johnny Cash, George Strait oder George Jones. Der Mann hat Soul im Blut und in der Stimme - und davon darf man sich auch auf seinem neuen, erneut von Dave Cobb meisterhaft produzierten Album "Higher" überzeugen.

Für den Einstieg aber hat er sich einen waschechten Country-Song zurechtgelegt. Nicht nur irgendeinen, sondern einen ziemlich perfekten Country-Song: "What Am I Gonna Do" heißt der Opener und der weist in gut drei Minuten alle Vorzüge dieser Stilrichtung auf: Storytelling, Feeling, instrumentale Fertigkeiten (man beachte das Gitarren-Solo), Stimmung. Alles top, alles zu 100 Prozent Country.

Im nächsten Track macht Stapleton gleich mal den stilistischen Schwenk zu seiner zweiten großen Liebe. Mit "South Dakota" präsentiert er einen ultracoolen, bluesigen, souligen Track mit aufreizend relaxtem Laidback-Groove und Keith Richards-typischen Gitarren-Riffs. So toll das Arrangement auch sein mag: für die Kirsche auf der Sahne sorgt Stapleton mit seiner fulminanten Stimme. Vor allem im hochgetunten Refrain geht so richtig die Post ab. Schon alleine diese zwei Tracks unterstreichen Stapletons Ausnahmestellung in Nashville.

Nach so viele Energie lässt es der wuchtige Sänger in den nächsten Songs aber erst mal etwas ruhiger angehen. "Trust" erweist sich als netter, unspektakulärer Love-Song im Folk-Kleidchen (mit im Background-Chor natürlich seine Gattin Morgane), "It Takes a Woman" überzeugt als romantische, sehr langsam angelegte Ballade und bei dem Folk-Rock-Song "The Fire" drückt Stapleton wieder etwas mehr auf die Dynamik-Tube.

Musikalisch spannender erweist sich aber glatt die zweite CD-Hälfte. Für die erste Überraschung sorgt beispielsweise (der weitere) Love-Song "Think I'm in Love with You". Für den Titel scheinen Stapleton und Produzent Cobb einige Experimente durchgeführt zu haben: funky Beats treffen auf originelle Breaks, Geigen und auf - ja, doch - Anleihen aus der Disco-Zeit. Natürlich ist da nicht Boney M. oder dergleichen als Referenz gemeint, sondern die Stones, als sie "Black and Blue" aufgenommen und ebenfalls intensiv mit dem Disco-Sound geflirtet haben. Chris Stapleton macht es jetzt, rund 47 Jahre später, ebenfalls.

Mit "Higher" wieder hoch hinaus: der nächste Chris Stapleton-Volltreffer

Als kleine Überraschung darf man auch "Loving You on my Mind" bezeichnen. Denn in diesem tiefenentspannten, mit sehr smoothen und dazu ausgeschlafenen Harmonien veredelten Song verströmt der Mann aus dem Bluegrass-Staat echtes West-Coast-Feeling: Eine Orgel brummt gemütlich eine hübsche Melodie und der Groove kommt auf leisen Pfoten. Wer den Track "Midnight on the Bay" von der Stills Young Band (ebenfalls Anno 1976) im Ohr hat, bekommt eine Vorstellung von diesem Song.

Nach so viel Müßiggang und Schmusekater-Sounds wird es freilich Zeit für einen ordentlichen Country-Rock. Mit "White Horse" lässt er auch schon einen von der Leine. Sehr würzig, sehr stark und temperamentvoll. Das gilt auch für den Heartland-Rocker "The Bottom", bei dem er natürlich an Mister Tom Petty erinnert. Für ein weiteres Highlight, das deutet ja auch schon der Name an, sorgt der Titeltrack. Und tatsächlich geht es bei "Higher" verdammt hoch hinaus. Stapleton singt hier so betörend schön mit Kopfstimme, dass jeder Soul-Brother eine Gänsehaut bekommen sollte. Dabei ist der Track mit Pedal Steel und Gitarrensolo recht eindeutig im Country angelegt.

Das gilt auch für die weiteren Songs: Das traurig-düstere "The Day I Die", "Crosswind" und das nachdenkliche "Weight of Your World" basieren ganz eindeutig auf den Wurzeln des Nashville-Sounds. Noch mehr gilt das für den letzten Song des Albums, für "Mountains of my Mind". Hier zeigt Stapleton, dass es eben wirklich nicht mehr als eine Gitarre und seine Stimme braucht, um seine Hörerschaft zu verzücken. Dazu singt er den Song so lässig und so souverän, dass man glatt an Johnny Cash denken könnte. Stimmlich trennen die beiden Welten, aber in Punkto Coolness und Aura sind sie längst Brüder im Geiste.

Fazit: Chris Stapleton spielt in Nashville in seiner eigenen Liga. Das bestätigt der fulminante Sänger auch mit seinem fünften Album "Higher" - bei dem erneut Dave Cobb meisterhaft Regie führte.

vgw
Anmelden
Weitere Musik von und mit Chris Stapleton
Chris Stapleton - Starting Over
CD Besprechungen
"Starting Over", das vierte Album von Chris Stapleton, ist der perfekte Soundtrack zum politischen und vielleicht auch gesellschaftlichen Neubeginn in den USA. Drei Jahre...
Chris Stapleton - From A Room, Volume 2
CD Besprechungen
Mit "From A Room: Volume 2" veröffentlicht Chris Stapleton das zweite Album 2017. Dass Chris Stapleton mit From A Room: Volume 2 entspannt auf die Veröffentlichung warten kann...
Chris Stapleton - From A Room, Volume 1
CD Besprechungen
Chris Stapleton ist zurück: "From A Room: Volume 1" mit der Single "Broken Halos". Erst als Chris Stapleton bei den Country Music Awards 2016 für sein Debüt-Album "Traveller...
Various Artists - Southern Family
CD Besprechungen
Star-Produzent Dave Cobb hat mit "Southern Family" ein Familientreffen der ganz besonderen Art organisiert. Die amerikanischen Südstaaten haben es schon in sich...
Gone Country
Kolumnen & Reportagen
Chris Stapleton, Will Hoge, Sturgill Simpson, Jason Isbell, Kacey Musgraves und Jamey Johnson beleben erneut den alten/neuen Country-Sound Wer reinrassigen Country-Sound hören möchte, muss nicht...
Chris Stapleton - Traveller
CD Besprechungen
  Chris Stapleton ist ein Mensch, der für Überraschungen gut ist. Zum Beispiel wundert man sich, dass dieser aus Kentucky stammende Sänger und Songschreiber erst 37 Jahre...
Top 25 Billboard Hot Country Songs Charts vom 25. Mai 2024
Single Charts
Nachdem Post Malone und Morgan Wallen mit ihrer neuen Single "I Had Some Help" quasi Geschichte geschrieben haben, war es wenig verwunderlich, dass der Song auf Platz 1 der Billboard Hot Country Songs...
Top 25 Billboard Country Album Charts vom 25. Mai 2024
Album Charts
Wenig Bewegung in den Billboard Country Album Charts. Beyoncés "Cowboy Carter" RUTSCHT Schritt für Schritt weiter nach unten. Aber einen Neueinsteiger gibt es zu verzeichnen: Rise & Fall von...
Top 25 Billboard Country Album Charts vom 18. Mai 2024
Album Charts
Beyoncés Album "Cowboy Carter" verliert häppchenweise die Attraktivität und so fällt der Silberling von Platz 2 auf Platz 3 der Billboard Country Albums Charts. Morgan Wallen, der gerade seine erste...
Top 25 Billboard Hot Country Songs Charts vom 18. Mai 2024
Single Charts
Shaboozey bleibt in der dritten Woche in Folge mit "A Bar Song (Tipsy)" an der Spitze der Billboard Hot Country Songs Charts. In den nächsten Wochen könnte ihm Dasha mit ihrem viralen Hit "Austin"...