Chris Stapleton

Chris Stapleton, Will Hoge, Sturgill Simpson, Jason Isbell, Kacey Musgraves und Jamey Johnson beleben erneut den alten/neuen Country-Sound

Wer reinrassigen Country-Sound hören möchte, muss nicht mehr tief in das Plattenregal greifen, um Johnny, Willie, Waylon & Co. herauszukramen. Längst haben auch junge Acts den traditionellen Sound verinnerlicht. Chris Stapleton, Sturgill Simpson, Kacey Musgraves, Jamey Johnson und weitere halten die traditionellen Werte des Genres hoch - und sind damit auf Erfolgskurs.

Alles ist in Bewegung. Nichts bleibt, wie es ist. Das Leben: ein Fluss. Diese philosophischen Allerweltsweisheiten gelten nat√ľrlich auch f√ľr die Country Music. Auch hier ist Ver√§nderung der Normalzustand. Dazu kommt das kleine Marketing-Alphabet: Landet ein Act mit einem speziellen Sound, mit speziellem Konzept einen Treffer - ziehen ruckzuck die n√§chsten nach. Ein Trend entsteht. So war das mit Taylor Swift, mit Lady Antebellum und so war's zuletzt mit Acts wie den gut gelaunten Party-Krachern von Florida Georgia Line. Bro-Country nennt sich die Ballermannisierung des Country der beiden, die nat√ľrlich schnell Nachahmer fand. Aber: Es gilt auch das Gesetz, dass jedem Trend ein Gegentrend folgt. Im Falle von Bro-Country eine gute Nachricht. Denn das Gegenteil von oberfl√§chlichen Mitschunkel-Kl√§ngen und simplen Refrains kann nur hei√üen: back to the roots. Zur√ľck zum klassischen Country und zur Singer-Songwriter-Tradition.

Chris Stapleton f√ľhrt die Gone Country-Truppe an

Chris Stapleton

Die Speerspitze dieser neuen/alten Bewegung hei√üt . Nachdem der b√§rtige, b√§rbei√üige S√§nger und Songschreiber aus Kentucky mehrere Jahre lang Hits f√ľr Kenny Chesney, George Strait, Tim McGraw, Darius Rucker und weitere Hochkar√§ter geschrieben hat, ver√∂ffentlichte er im letzten Jahr - im zarten Alter von 37 Jahren - sein Solo-Deb√ľt-Abum "Traveller". Er landete damit nicht nur einen Volltreffer. Der ehemalige S√§nger und Frontman der SteelDrivers verursachte mit seinen rustikalen, nicht selten d√ľsteren, meist wenig radiotauglichen Songs ein kleines Erdbeben an der Music Row. Denn: Er eroberte mit dem von Dave Cobb produzierten Album nicht nur die Country- sondern auch die begehrten Billboard 200-Charts. Mehr geht nicht. Wie sehr das Nashville-Establishment den S√§nger mit der Waldschrat-Optik ins Herz geschlossen hat, lie√ü sich bei den letzten Country Music Awards bewundern. Gleich vier Awards durfte der etwas tapsige K√ľnstler auf der Grand Ole Opry-B√ľhne in Empfang nehmen. Darunter die Wichtigsten: den Award f√ľr "Male Vocalist of the Year" und - f√ľr die K√∂nigsdisziplin - "Album of the Year".

Okay, die zwei Spa√üv√∂gel von Florida Georgia Line gewannen ihren Preis in der Kategorie "Vocal Duo of the Year". Doch es musste f√ľr die erfolgsverw√∂hnten Party-Helden ein vergiftetes Lob sein. Denn die Message ist klar: Qualit√§t hat wieder Konjunktur. Chris Stapleton ist freilich ein zu feiner Kerl, um Schadenfreude zu empfinden. Und Arroganz ist dem unangepassten Superstar ohnehin so fremd wie ein Rasierapparat: "Jede Musik hat ihre Berechtigung", sagt er im Gespr√§ch mit CountryMusicNews.de, "ich mache grunds√§tzlich nicht die Musik von anderen schlecht. Doch die Medien spitzen das oft zu, sie m√∂chten, dass das in einem Krieg ausartet. Das geht viel zu weit f√ľr mich." Es gebe nun mal verschiedene Arten von Musik f√ľr verschiedene Menschen. Jeder solle sich seinen eigenen Lieblings-Sound suchen - und fertig. Kein Problem. Kein Grund, sich in die Wolle zu kriegen. Als ehemaliger Auftragssongschreiber wisse er √ľberdies ganz genau, dass hinter jedem erfolgreichen Lied eine Menge Arbeit und Talent stecke. Trotz aller Toleranz - auch Stapleton hat erkannt, dass Nashville die traditionellen Kl√§nge in der letzten Dekade vernachl√§ssigt hat. "Kein Vorwurf", beschwichtigt er aber sofort wieder, "wir sind im Musikgesch√§ft. Was erfolgreich ist, muss auch auf den Markt kommen. Und diese Country-Pop-Acts erm√∂glichen es, dass Leute wie ich Platten machen k√∂nnen. Das darf man nicht vergessen." Aber auch nicht, dass der Trend den erw√§hnten Gegentrend befeuere: "Ja, klar, ich sehe eine Nachfrage an traditionellen Sachen. Die Leute reagieren positiv darauf."

Chris Stapleton hat f√ľr seine Musik l√§ngst ein klangliches Ideal gefunden. Der Sound, der den bulligen Kerl in seinem tiefsten Inneren r√ľhrt, hat einige Jahre auf dem Buckel. Es ist die Country Music, wie sie in den fr√ľhen 70er Jahren gemacht wurde. Mit Produzent, Equipment-Nerd und Retro-Sound-Freak Dave Cobb hat Stapleton einen Gleichgesinnten f√ľr diese Klang-Blaupause gefunden. Aufmerksam wurde Stapleton auf Cobb √ľbrigens durch das 2014 erschienene Album "Metamodern Sounds in Country Music" von Sturgill Simpson. "Ich wollte zwar nicht ein Album wie Sturgill aufnehmen", sagt Stapleton, "aber ich mochte den Sound. Sehr sogar."

Sturgill Simpson - Wegbereiter f√ľr Chris Stapleton

Sturgill Simpson

Nicht nur deshalb d√ľrfte so etwas wie ein Wegbereiter f√ľr den gro√üen Abr√§umer Stapleton sein. Er bestellte mit seinen anspruchsvollen, ganz im Roots- und Retro-Kontext verankerten Songs auch das kommerzielle Feld f√ľr ihn. Wenngleich f√ľr "Metamodern Sounds in Country Music" lediglich Platz acht der Country- und Platz 59 der Billboard-Charts heraussprang, hat Simpson dennoch seinen festen Platz im neuen Country gefunden. Er gilt als Intellektueller, als introvertierter B√ľcherwurm, als Feingeist und als Textdichter besonderer G√ľte. Dass er seine mitunter existenziellen Lyrics mit einer an Waylon Jennings erinnernden Stimme vortr√§gt, ist freilich kein Nachteil. Wobei Simpson nicht nur mit Country musikalisch sozialisiert wurde. "Ich liebe die alten Soulplatten, mit ihrem Dreck, mit ihrem Schmutz, mit ihrem intensiven Leben - so etwas h√∂rt man heute nicht mehr", sagte Simpson k√ľrzlich in einem Interview.

Wie Stapleton ist auch Simpson 37 Jahre alt. Wie sein Kollege stammt auch er aus Kentucky. Simpson hat sich allerdings nie als Songautor f√ľr andere K√ľnstler versucht. Er gr√ľndete 2004 eine Bluegrass-Band, spielte in kleinen Clubs f√ľr l√§cherliche Gagen und 2013 ver√∂ffentlichte er das - selbst finanzierte, selbst vertriebene - Deb√ľt-Album "High Top Mountain". 14.000 Mal verkaufte sich das ebenfalls von Sp√ľrnase Dave Cobb produzierte Werk und landete auf Platz 31 der Country Charts. Ein Achtungserfolg. Ein Fingerzeig. So langsam w√§re es an der Zeit f√ľr den Nachfolger von "Metamodern Sounds In Country Music". Aber Simpson - ein Bruder im rebellischen Geiste von Willie Nelson - kennt keinen Ver√∂ffentlichungsdruck. "Ich brauche meine Zeit und meine Freiheit, ich lebe ganz im Hier und Jetzt." Er wei√ü, dass er damit nicht gerade auf Linie mit den Vorstellungen der Plattenfirmen liegt, doch das k√ľmmert ihn wenig. Denn: "Bei denen kommt die Kunst doch sowieso als Letztes."

Kacey Musgraves - Die Frau in der jungen Garde anspruchsvoller K√ľnstler

Kacey Musgraves

Da d√ľrfte nicht widersprechen. Auch sie geh√∂rt zum etwas anderen Establishment der Country-Szene, zur jungen Garde anspruchsvoller K√ľnstler, die ihre Inspirationen aus der Vergangenheit beziehen. Im Gespr√§ch mit CountryMusicNews.de z√§hlt sie die Liste ihrer musikalischen Lieblinge auf es sind die Helden, die Pioniere des Country: Charlie Rich, Charley Pride, Glen Campbell, Marty Robbins, Loretta Lynn und - vor allem - John Prine. Auf die aus Illinois stammende Country- und Folk-Ikone stimmt Musgraves sofort eine Lobeshymne an: "Ich liebe seine Art, wie er singt, wie er Songs anlegt und seine Scharfsinnigkeit. Sein Wortwitz, seine Beil√§ufigkeit, das inspiriert mich sehr. Sein Einfluss auf meine Musik ist zweifellos da." Dabei k√∂nnte Kacey Musgraves musikalisch wohl in vielen Gew√§ssern bestehen. Sie ist jung, attraktiv, hat eine tolle Stimme und besitzt eine gro√üartige Ausstrahlung. Sie k√∂nnte - √§hnlich wie LeAnn Rimes - im Pop punkten, sie k√∂nnte auf Diva √† la Shania Twain oder Faith Hill oder einfach nur radiofreundlichen Mainstream-Country machen. Vermutlich w√ľrde sie in allen Stilrichtungen ihre Fans finden. Das zeigte sich auch, als sie mit Katy Perry auf Tour war. "Das war eine tolle Erfahrung", sagte sie zu CountryMusicNews.de. So viele Menschen, ein so gro√ües Spektakel. Es habe ihr Spa√ü gemacht - doch ins Schw√§rmen ger√§t sie erst, als sie von der gemeinsamen Tour mit Willie Nelson und Alison Krauss spricht. "Es war so toll zu sehen, wie es den beiden um die Musik ging. Nur um die Musik - ohne protzige Produktion, ohne Feuerwerk. Das Feuerwerk boten die Songs."

Jamey Johnson - Der Veteran der jungen Garde

Jamey Johnson

Hinter diesen drei Vorreitern des jungen, neuen, anspruchsvollen Country reihen sich noch weitere Acts mit √§hnlicher Gesinnung, √§hnlichem musikalischem Kurs ein. Zum Beispiel der aus Alabama stammende, optisch und auch musikalisch an Chris Stapleton erinnernde . Seit 2002 bringt der als schwierig geltende S√§nger und Songschreiber Alben unters Volk; mit dem 2010 erschienenen "The Guitar Song" eroberte er die Country-Charts und landete auf Platz vier der Billboard-Liste. Sein letztes Werk, das 2012 erschienene "Living For A Song: A Tribute to Hank Cochran" war √§hnlich erfolgreich - aber auch das bislang letzte Lebenszeichen als Solok√ľnstler.

Jason Isbell - Der Zuverlässige der Gone Country Generation

Jason Isbell

Produktiver, wenngleich kaum weniger kompliziert, nimmt sich aus. Der ehemalige S√§nger und Gitarrist der Drive-By Truckers ist seit 2007 auf Solo-Kurs. Seitdem ver√∂ffentlicht er, p√ľnktlich wie eine Schweizer Uhr, im zwei-Jahres-Turnus Alben. F√ľr die erntet der introvertierte, ganz die alte Singer-Songwriter-Schule pflegende K√ľnstler regelm√§√üig wahre Lobeshymnen. Seinen Geheimtipp-Status konnte er dennoch bislang nicht ablegen. Wer wei√ü, vielleicht ist jetzt die Zeit reif f√ľr ihn und seine bewegenden, tiefgr√ľndigen Songs? Immerhin fuhr er mit seinem letzten, 2015 erschienenen Album "Something More Than Free" mit Platz sechs der Billboard- und Platz eins der Country-Charts sein mit Abstand bestes Ergebnis ein.

Will Hoge - zwischen traditionellem Country, Folk und Southern-Rock

Will Hoge

Mit der Bezeichnung "Geheimtipp" kennt sich vermutlich auch Will Hoge aus. Der in Franklin, bei Nashville lebende K√ľnstler ver√∂ffentlicht seit 2001 hochkar√§tige Alben - mit Songs, im Grenzfeld zwischen traditionellem Country, Folk und Southern-Rock. Dass mit dem sympathischen Musiker aber mehr denn je zu rechnen ist, belegte sein Auftritt im letzten September beim "Pilgrimage"-Festival in Franklin. Seine dynamische Performance bescherten Hoge beste Kritiken. Die erntete er auch f√ľr sein biografisches Album "Small Town Dreams", bei dem er f√ľr Songs wie "Guitar Or A Gun" mit Gary Allan zusammenarbeitete. Resultat: ein starker Song. Ein kritischer Song mit Message - und damit geradezu prototypisch f√ľr die junge Garde neuer anspruchsvoller Country-K√ľnstler.