Kelly Reilly und Cole Hauser übernehmen ihre Rollen aus Yellowstone in "Dutton Ranch"
Erfolgreiche Serien lässt man nicht einfach sterben. Nach fünf Staffeln rund um den mürrischen Patriarchen John Dutton III und sein ungesundes Verhältnis zu Grundbesitz konnte man "Yellowstone" nicht einfach auslaufen lassen, nur weil es Ärger mit Hauptdarsteller Kevin Costner gab. Schon während der Laufzeit der Mutterserie wurden die Prequels "1883" und "1923" aufs Publikum losgelassen. Höchst erfolgreich.
Aber nicht einfach nur als Serien. "1883" und "1923" sind Event-Kino im Serienformat. Mit Stars, mit Schauwerten, mit Action. Mit solchen Formaten beherrscht man als Streamer die Berichterstattung: Auf den Film- und Fernsehwebsites der üblichen Verdächtigen, auf YouTube bei den großen Filmkritik-Streamern, aber auch ganz klassisch im Feuilleton altehrwürdiger Tageszeitungen. Schließlich sind beide Serien ja auch Auseinandersetzungen mit der Eroberung des späten Westens, Kapitalismus in Krisenzeiten und mehr. Niemand kann den Serien vorwerfen, dass sie keine Geschichten erzählen würden.
Das Problem ist natürlich: Solche Serien sind mehr als das Alltagsgeschäft. Sie sind, genau, Events, große Aufmerksamkeitsbringer, sie sind dazu gedacht, eine Marke zu etablieren und – sie sind auch verdammt teuer. Das Branding, wie man dies neudeutsch auszudrücken vermag, ist jedoch, daran besteht kein Zweifel, gelungen. Das bedeutet, dass die nächsten Runden "Yellowstone" eher zum Tagesgeschäft übergehen und die Marke nutzen müssen, um die Abonnentenzahlen dauerhaft stabil zu halten. Das Event weicht der Routine, und statt sündhaft teurem Epochen-Kino steht nun die effiziente Fließbandproduktion von Spin-offs auf dem Programm.
Aktuell wird das Universum gleich doppelt bespielt. Zum Thema "Marshals" wurde an dieser Stelle schon einiges gesag. Runde Zwei der Fortsetzungen ist "Dutton Ranch". Da schickt Showrunner Chad Feehan, der den Job von Serienerfinder Taylor Sheridan übernommen hat, die verbliebenen Fan-Lieblinge Beth (Kelly Reilly) und Rip (Cole Hauser) direkt nach Texas.
Texas?
"Hast du je daran gedacht, dass wir diesen Frieden haben können?", fragt Beth ihren Gatten Rip. Beth Dutton - über fünf Staffeln war sie eine Soziopathin. Da war diese bedingungslose, aber selbstzerstörerische Loyalität zu ihrem Übervater, die jede moralische Grenze jenseits der Ranch-Grenzen pulverisierte. Für das Publikum war sie über Jahre das faszinierendste Wrack des amerikanischen Fernsehens: eine Frau, deren brutale Skrupellosigkeit nicht auf einem genetischen Defekt basierte, sondern ein tief sitzendes Kindheitstrauma überdeckte.
Gleichzeitig war da ihre echte Liebe zu Rip, die letztlich daraus resultierte, dass er sie als einziger Mensch vermutlich verstand. Rip, Duttons Mann fürs Grobe, hat in Notwehr den eigenen Vater getötet. Von John Dutton aufgenommen, hat er ihm bedingungslose Loyalität geschworen, trotz seiner Härte aber war er in den "Yellowstone"-Jahren so etwas wie die emotional stabilste Figur der gesamten Serie.
"Hast du je daran gedacht, dass wir diesen Frieden haben können?" Es ist ein radikaler Bruch mit der Geschichte von "Yellowstone", wenn Beth Rip diese Frage stellt. Die beiden besitzen eine Ranch in Montana – ihre eigene Ranch, völlig losgelöst von der Geschichte ihrer Familie. So sitzt Beth mit Rip unter einem Baum, blickt in die Ferne Montanas und erlebt Frieden. Einen Frieden, den sie nur erleben kann, weil ihr Vater tot ist. Obwohl "Yellowstone" John Dutton III stets ambivalent gezeichnet hat – ja, er war ein Drecksack, aber einer, der mit offenem Visier kämpfte und keine Angst davor hatte, sich selbst die Hände schmutzig zu machen –, erklärt Beth in dieser einen einzigen Frage nicht mehr und nicht weniger als den endgültigen Bruch mit ihrem Vater. Sie erkennt an, dass er ein Grund dafür war, dass sie nie Ruhe finden konnte. Da war die Mutter, die nach einem Unfall in ihren Armen starb, aber ihr noch im Sterben die Schuld an ihrem Tod gab. Und da war John Dutton III.
Auf zur Dutton Ranch
Doch lange hält dieser Frieden nicht an. Ein verheerendes Lauffeuer zerstört Beths und Rips Ranch. So kommt es zu einem zweiten Bruch. Gemeinsam mit ihrem heranwachsenden Adoptivsohn Carter (Finn Little) wagen sie in Rio Paloma, Texas, einen existenziellen Neuanfang. Auf einer siebentausend Hektar großen Ranch wollen sie die Geister der Vergangenheit endgültig hinter sich lassen. Die Rollenverteilung ist dabei strikt und vertraut: Während Carter zurück auf die Highschool geschickt wird, um entgegen dem rauen Cowboy-Leben eine ordentliche Ausbildung abzuschließen, stürzt sich Rip gemeinsam mit seinem loyalen Ranch-Arbeiter Azul (Emilio Rivera) in den Aufbau der Rinderzucht. Beth hingegen übernimmt das strategische Kommando über die Finanzen und die geschäftliche Organisation.
Das vermeintliche Idyll erweist sich jedoch rasch als trügerisches Pflaster, denn die Ankunft der Neuankömmlinge aus dem Norden wird nicht gefeiert. Beulah Jackson (Annette Bening), die wohlhabende und skrupellose Matriarchin der angrenzenden, gigantischen 10 Petal Ranch und Besitzerin des regionalen Schlachthofs, sucht umgehend die Konfrontation. Sie versucht, Beth durch wirtschaftlichen Druck in eine ausbeuterische Vereinbarung zur Viehverarbeitung zu drängen, die die Duttons von Beginn an in eine finanzielle Abhängigkeit zwingen soll. Beth, deren geschäftlicher Scharfsinn unbestritten ist, durchschaut das Manöver sofort, verweist Beulah barsch des Feldes und beschließt, ihre Rinder anderweitig verarbeiten zu lassen, womit der Grundstein für einen unerbittlichen texanischen Weidekrieg gelegt ist.
Parallel zu den geschäftlichen Spannungen eskaliert auch die Situation auf den Weiden. Rip gerät in ein heftiges, von unterschwelliger Gewalt geprägtes Aufeinandertreffen mit Beulahs impulsivem und unberechenbarem jüngerem Sohn Rob-Will Jackson (Jai Courtney). Was Rip bei diesem Zusammentreffen nicht weiß: Rob-Will hat erst in der vorangegangenen Nacht den eigenen Ranch-Vormann Wes (Robert Taylor) nach einem internen Streit kaltblütig erschossen: Ihm gefiel nicht, dass Wes die Ranch-Bücher etwas zu ordentlich gelesen hat.
Während die Erwachsenen die Claims abstecken, sucht Carter nach seinem Platz in der neuen Heimat. Bei einem lokalen Rodeo greift er beherzt ein, als ein junges Mädchen namens Oreana (Natalie Alyn Lind) von ihrem aggressiven Freund bedrängt wird. Die Geschichte endet in tiefer Sympathie, die die beiden fortan verbindet. Dumm nur, dass Oreana mit Nachnamen Jackson heißt … Gleichzeitig knüpft Beth ein wichtiges Band im Ort: Sie trifft auf den rauen, vom Vietnamkrieg gezeichneten Tierarzt Everett McKinney (Ed Harris) und überzeugt ihn, ein schwer verletztes Pferd zu retten, anstatt es, wie es hier üblich wäre, einzuschläfern: was zwischen den beiden einen Funken beidseitiger Sympathie entfacht.
Bleibt die erste Episode noch im Dunkeln bezüglich der Frage, wie Beth und Rip nach Texas gelangt sind, wird dies in der zweiten Episode beantwortet. Sie haben das Land von einer verwitweten Rancherin erstanden, die sie direkt vor den Jacksons gewarnt hat. Währenddessen beginnt die Ehefrau des ermordeten Vorarbeiters Fragen zu stellen, weshalb Beulah ihren älteren, rational agierenden Sohn Joaquin Jackson (Juan Pablo Raba), den Problembereiniger der Familie, beauftragt, wieder für Ruhe zu sorgen. Rip baut derweil die Sicherheit der Ranch auf und stellt den unberechenbaren, aber fähigen Cowboy Zachariah Moss (Michael Raymond-James) ein, der gerade frisch aus dem Gefängnis entlassen wurde. Beth treibt derweil ihren Plan voran, das Monopol der Jacksons zu brechen. Sie nutzt ihre neu gewonnene Verbindung zu Everett McKinney, der seine Kontakte spielen lässt und sie an einen alternativen, unabhängigen Viehverarbeiter vermittelt. Was im Hause Jackson eher weniger gut ankommt.
Ersatzserie?
"Dutton Ranch" ist nicht die Serie, die Paramount+ ursprünglich haben wollte. Ihre Ursprünge gehen auf das Jahr 2023 zurück und als Hauptdarsteller wurde Matthew McConaughey genannt.
Diese Serie wurde mal als Spin-off gehandelt, mal als eine direkte Fortsetzung. Ob Fortsetzung oder Spin-off, das spielt keine Rolle, da das Studio mit Matthew McConaughey einen Namen auf Augenhöhe Costners präsentieren konnte. Aus der Traum-Ehe wurde aber nichts. McConaughey zog sich letztlich komplett aus dem Projekt zurück. Hinter den Kulissen sickerte durch, dass McConaughey kein großer Fan von Grabenkämpfen sei. Grabenkämpfen in dem Sinne, dass hinter den besagten Kulissen oft hart um Verträge und Gagenforderungen gestritten wurde.
Es platzte aber nicht nur dieses Projekt. Aus dem "Yellowstone"-Ableger "The Madison" wurde eine Stand-Alone-Serie ohne Verbindungen zu "Yellowstone"; und "Marshals" wurde nicht für den Stream mit seinen Streaming-Budgets an den Start gebracht, sondern als normale Network-Serie, die zumindest in den USA Woche für Woche durch Werbung ihr Überleben sichern muss. Dann ist da noch der Bruch zwischen Taylor Sheridan und Paramount. Sheridan ist erfolgreich. Aber auch teuer. Verdammt teuer. Taylor Sheridan hat 2021 einen Exklusivvertrag mit Paramount Global abgeschlossen, der von amerikanischen Branchenkennern auf über 200 Millionen Dollar geschätzt wurde. Dieser Vertrag lief ursprünglich bis 2026, also dieses Jahr. Alle Zeichen stehen im Moment auf Trennung. So sollen einzelne Episoden von "1883" und "1923" bis zu 22 Millionen Dollar gekostet haben. 200 Millionen Dollar klingen nach viel Geld. Wenn Serien aber so teuer werden, sind auch 200 Millionen irgendwann verrauscht.
Da sich die amerikanische Medienbranche nebenbei in einem Umbruch befindet (boshaft gesagt: sie wird oligarchisiert), spielt Geld mehr denn je eine Rolle und ein Typ wie Sheridan, dem gemeinhin ein Ego von epischen Ausmaßen attestiert wird, passt in eine solche Übergangsphase schlecht rein. Dass er bei "Marshals" nur als kreativer Berater agiert und vor allem für seinen Namen bezahlt wird, lässt sich von einem kreativen Standpunkt aus betrachtet noch erklären. "Marshals" ist eine Serie, die "Content" für das Serienuniversum liefern soll. Sie ist nicht High-Concept.
"Dutton Ranch" aber ist der Erbe von "Yellowstone", die tatsächlich echte Fortsetzung, deren kreativen Chefsessel Sheridan Chad Feehan übergeben hat, einem Autor, über den es nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag gibt! Feehan ist ein gefragter Handwerker. Er hat mit Sheridan "Lawmen: Bass Reeves" entwickelt, er hat für die Serie "Ray Donovan" gearbeitet, er war an "Banshee – Small Town. Big Secrets" beteiligt. Woran er nicht beteiligt sein wird, ist derweil eine zweite Staffel von "Dutton Ranch" (sofern diese kommt), denn er ist inzwischen gefeuert worden. Der Hauptgrund für das Aus war, so heißt es aus gewöhnlich gut unterrichteten Quellen, massive Reibereien direkt am Set. Feehan legte sich mit den "Yellowstone"-Veteranen Kelly Reilly (Beth) und Cole Hauser (Rip) an. Die beiden verkörpern ihre Rollen seit fast einem Jahrzehnt und fungieren bei der neuen Serie zudem als ausführende Produzenten. Bei den Diskussionen am Set zog Feehan am Ende offenbar den Kürzeren. Ob sich da jemand überschätzt hat oder ob da jemand über gewisse Entwicklungen nicht glücklich war? Denn Showrunner hin oder her, da ist immer noch ein Studio, das am Ende die Rechnungen bezahlt. Wenn das nicht glücklich mit einem Showrunner ist … Man weiß es nicht.
Zwiespalt
Was man jedoch sagen muss, ist, dass der First Look der "Dutton Ranch" eine Serie präsentiert, die im Grunde "Yellowstone" spiegelt. Nur dass die Duttons aus "Yellowstone" hier Jackson heißen und dass an deren Spitze eine Matriarchin steht. Ansonsten folgen die beiden Episoden bekannten Handlungsmustern, die wenig Überraschendes bieten. Dass sich da eine "Romeo & Julia"-Geschichte anbahnt … Das ist nicht unbedingt ein Twist, der das Publikum an den Bildtonfunkgeräten in Ekstase versetzen dürfte, denn so wirklich originell ist das nicht.
Klar, wer "Yellowstone" dafür geliebt hat, dass im Grunde alle Figuren Dreck am Stecken haben, raue Western-Romantik auf knallharte Intrigen trifft und die Probleme am liebsten mit einer Kugel gelöst werden, der wird auch hier bestens bedient. Es ist im Kern genau dieselbe Rezeptur, die das Serienuniversum groß gemacht hat, nur eben mit texanischem Staub statt Montana-Schnee. Die Maschinerie läuft von der ersten Minute an im Autopilotmodus und liefert diesen Fans genau ihr erhofftes, dreckiges Wohlfühl-Ambiente.
Wer jedoch auf frische Impulse, innovative erzählerische Ansätze oder überraschende Brüche hofft, wird bitter enttäuscht. Es ist zwar dramaturgisch durchaus erfreulich, dass Beth Duttons Charakterentwicklung voranschreitet, indem sie ihre tiefsitzenden Traumata spürbar hinter sich lässt und dadurch als gereifte, stabile Hauptfigur funktioniert. Doch trotz dieser gelungenen Figurenneudefinition lässt sich das drückende Gefühl nicht abschütteln, dass man das alles in dieser Form schon x-fach gesehen hat.
Was bei diesem ewigen Kreisdrehen der Motive aber am schwersten wiegt, ist eine spürbare narrative Ermüdung: Es langweilt schlicht zunehmend, im von Sheridan etablierten Serienschubladen-Takt immer und immer wieder die alte Leier serviert zu bekommen, dass im modernen Amerika nur derjenige überlebt, der keine Skrupel besitzt, seinem Nachbarn bei der erstbesten Gelegenheit die Eingeweide herauszureißen. Man kann dieses zynische Dauerfeuer natürlich wohlwollend aus einer links-soziologischen Perspektive betrachten. Liest man "Dutton Ranch" auf diese Weise, mutiert die Serie zu einer bitteren Parabel über den ungebremsten, hyperkapitalistischen Verfallstaat und zeichnet eine Welt, in der Moral und Gesetz längst kollabiert sind, während das nackte Recht des Stärkeren die einzig verbliebene Währung darstellt. Das wäre eine Sichtweise, die dem Ganzen zumindest noch einen intellektuellen Subtext abgewinnt.
Fazit: Der Serie fehlt es schlicht an wirklich neuen Ideen. Nach den ersten Episoden ist an keiner Stelle absehbar, dass die altbekannte Formel hier noch einmal aufgebrochen wird oder die Geschichte auf irgendeinen unvorhergesehenen, packenden Twist hinauslaufen könnte. Die texanische Sonne brennt zwar heiß, aber erzählerisch bleibt alles im sicheren Schatten der Vergangenheit.























