Die fünf Geächteten

Die fünf Geächteten

"Die fünf Geächteten" ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahr 1967, der Wyatt Earp und Doc Holliday während ihrer Kämpfe gegen Ike Clanton und dessen Brüder im Schießduell am O.K. Corral im Jahr 1881 sowie die Nachwirkungen des Schießduells in und um Tombstone, Arizona, schildert. In den Hauptrollen sind James Garner als Earp, Jason Robards als Holliday und Robert Ryan als Clanton zu sehen. Regie führte John Sturges.

Sturges hatte zuvor bereits eine stark fiktionalisierte Version derselben Ereignisse in dem Film "Zwei rechnen ab" (1957) mit Burt Lancaster und Kirk Douglas in den Hauptrollen inszeniert, doch in "Die fünf Geächteten" strebte er nach größerer historischer Genauigkeit als in den meisten früheren Verfilmungen von Earps Abenteuern. Der Film basiert auf dem Sachbuch "Tombstone's Epitaph" von Douglas D. Martin, das Drehbuch stammt von Edward Anhalt.

 

"Die fünf Geächteten" - Ein Western von John Sturges mit James Garner und Jason Robards in den Hauptrollen

John Sturges war eine Westernlegende. Kaum ein anderer Regisseur hat das uramerikanischste aller Genres in den fünfziger und sechziger Jahren derart geprägt wie der 1910 geborene Filmemacher.

Dabei war Sturges nie ein Filmkünstler im klassischen Sinne. Seine ersten Regiearbeiten lieferte er nach dem Zweiten Weltkrieg als verlässlicher B-Filmer für Columbia Pictures ab; erlernt hatte er sein Handwerk zuvor bei RKO Pictures als Editor. Sturges kam also aus der Filmmontage, man könnte sagen, er kam aus Präzision und Rhythmus, nicht aus der Abteilung "große Visionen". Als Angestellter der Columbia drehte er zunächst schlicht das, was die Produzenten von ihm verlangten. Effizient, kostengünstig, handwerklich ohne Makel.

Es war schließlich sein achter Spielfilm in gerade einmal drei Jahren, der die Studiobosse aufhorchen ließ. "Treibsand", ein vergleichsweise kleiner Western mit Randolph Scott in der Hauptrolle, erhielt ungewöhnlich starke Kritiken und spielte zudem ordentlich Geld ein. Dabei ist "Treibsand" streng genommen kein klassischer Western. Die Handlung spielt nämlich in der damaligen Gegenwart des Jahres 1949 und erzählt von einer Gruppe von Männern, die sich auf die Suche nach einem Goldschatz macht, der während des Bürgerkriegs irgendwo in der Wüste verloren gegangen sein soll. Doch sobald die Figuren zu Pferd in die Einöde aufbrechen, übernimmt der Film immer stärker die Atmosphäre und Bildsprache eines klassischen Westerns, allerdings ohne dessen typische Heldenromantik.

John Sturges interessierte sich weniger für schnelle Schießereien oder spektakuläre Actionsequenzen als für Spannung innerhalb der Gruppe. Die Konflikte entstehen fast ausschließlich aus Misstrauen, Gier und psychologischem Druck. Damit wirkt "Treibsand" über weite Strecken eher wie ein Film noir in Westernkulisse. "Treibsand" ermöglichte es Sturges, nicht mehr (nur) als Auftragsregisseur zu arbeiten, sondern sich seine Projekte selbst aussuchen zu können. So entstanden in den nächsten Jahren nicht nur Western unter seiner Regie, Sturges war fleißig und drehte jedes Jahr mindestens zwei Filme: Es sind jedoch seine Western, die seinen Ruf als versierten Handwerker mit einem Hang zu komplexen Figurenzeichnungen festigten. "Der letzte Zug nach Gun Hill", "Verrat in Fort Bravo" oder das "Geheimnis der fünf Gräber" waren an den Kinokassen erfolgreich und sorgten dafür, dass der Name Sturges und Western bald in einem Atemzug genannt wurden.

1960 inszenierte er dann "Die glorreichen Sieben" und der Rest ist, wie man so sagt, ein Stück Geschichte.

Schnörkellos

Typisch für Sturges war seine Fähigkeit der schnörkellosen Inszenierung. John Sturges mochte keine Kameraspielereien oder übertriebene visuelle Effekte. Seine Filme lebten von Klarheit, Übersicht und Raumwirkung. Sturges bevorzugte häufig die Totale oder halbnahe Einstellungen, selbst in engen Innenräumen. Dadurch entstand stets das Gefühl, ein vollständiges Bild der Situation zu erhalten, anstatt durch Schnitte oder Nahaufnahmen manipuliert zu werden. Das ist sicher ungewöhnlich für einen Filmemacher, der wie er aus dem Schnitt kam. Doch Sturges liebte die Kamera als einen Beobachter des Geschehens. Selbst ein an Action reicher Western wie "Die glorreichen Sieben" setzt auf eine ruhige, beobachtende Kamera. Gerade diese Ruhe in der Aktion verleiht seinen Western bis heute eine besondere Kraft und Eleganz.

1957, also drei Jahre vor "Die glorreichen Sieben", ließ bereits "Zwei rechnen ab" ordentlich die Kassen klingeln. Mit Burt Lancaster und Kirk Douglas spielten zwei der größten Stars ihrer Zeit die Hauptrollen und der Originaltitel verrät, welchem Ereignis Sturges in seinem Film ein Denkmal setzte: "Gunfight at the O.K. Corral". Es ist die legendäre Schießerei zwischen Wyatt Earp und Doc Holliday auf der einen Seite – und der Clanton-Bande auf der anderen. Nicht wenige Filmkritiker sind der Ansicht, dass Kirk Douglas nie wieder eine vergleichbar starke Performance in einem Film abgeliefert hat. Sein Doc Holliday ist hier kein romantisch verklärter Revolverheld, sondern ein zerrissener, kranker und innerlich verbrauchter Mann, dessen Zynismus ebenso sehr aus Lebensüberdruss wie aus Selbstschutz entsteht. Gerade diese Mischung aus Eleganz, Bitterkeit und latenter Verzweiflung verleiht der Figur eine ungewöhnliche Tiefe. Doch so tragisch er auch agiert, der echte Doc Holliday starb im Alter von 36 Jahren an Tuberkulose, so ist "Zwei rechnen ab" doch eine verklärte Sicht auf die Geschehnisse seinerzeit in Tombstone, Arizona. Wyatt Earp ist ein anständiger Marshal, der seinen Brüdern James, Virgil, Morgan und Warren zu Hilfe eilt, als diese mit der Clanton-Bande aneinandergeraten.

Was John Sturges dazu getrieben hat, sich ein zweites Mal mit dieser Thematik knapp zehn Jahre später auseinanderzusetzen, ist nicht wirklich überliefert. Auffällig ist jedoch, dass zwischen den beiden Filmen tatsächlich nur eine Dekade liegt – und sie dennoch wie Werke aus verschiedenen Zeitaltern wirken. Auf der einen Seite "Zwei rechnen ab", ein klassischer Western mit klarer Gut-Böse-Einteilung (auch wenn Doc Holliday eine gewisse Ambivalenz erkennen lässt). Auf der anderen Seite "Die fünf Geächteten", die Geschichte eines Mannes, dessen Heldenstatus mit fortlaufender Spielzeit nicht nur bröckelt, sondern sich letztlich erledigt. Sturges reagierte damit auf jeden Fall auf die Veränderungen der Zeit. In einem Amerika, das in den Vietnamkrieg regelrecht gerutscht war, das Rassenunruhen erlebte, in denen Bürgerrechte eingefordert wurden und in dem die alten Gewissheiten von Ordnung, Moral und "gerechter Gewalt" zunehmend infrage gestellt wurden, ging es Sturges um die Frage, was von einem Heldenbild übrig bleibt, wenn man es der Ernüchterung einer veränderten Gegenwart aussetzt?

Die Schießerei als Prolog

"Die fünf Geächteten" beginnt mit der berühmten Schießerei am O.K. Corral. Das, was für gewöhnlich in Filmen über Wyatt Earp am Ende der Geschichte geschieht, ist hier tatsächlich der Prolog. Die Art und Weise, wie Sturges voraussetzt, dass das Publikum in irgendeiner Form wohl schon einmal von dieser Schießerei gehört hat, lässt eine gewisse Chuzpe erkennen. Sturges vergeudet keine Spielzeit mit Erklärungen. Da sind die Gebrüder Earp und Doc Holliday (Jason Robards) auf der einen Seite. Auf der anderen sind die Mitglieder der Clanton-Bande und von denen liegen drei bald tot im Sand. Das Problem: Wyatt Earp (James Garner) ist US Marshal und als solcher wird er von der Bürgerschaft Tombstones geachtet. Aber auch Ike Clanton ist ein mächtiger Mann. Er ist wohlhabend und mit seinem Geld hat er sich den County-Sheriff "gekauft".

So beginnt die tatsächliche Handlung des Filmes vor Gericht, wo Earp sich erklären muss, aber auch die Seite Clantons Gehör findet. Was letztlich zu der Schießerei geführt hat, interessiert die Filmhandlung tatsächlich recht wenig. Sturges richtet den Fokus vielmehr auf Wyatt Earp, den er als einen durchaus rechtschaffenen Mann darstellt, der offensiv die Gerichtsverhandlung sucht, um das Geschehen rechtlich korrekt einzuordnen. Es gab eine Bedrohungssituation, in der musste er handeln. Was das Gericht bestätigt. Zu eindeutig sind die Indizien, die belegen, dass die Aggressionen von der Gegenseite ausgingen.

Dann jedoch wird Wyatts Bruder Virgil (Frank Converse) bei einem Attentat schwer verletzt. Dieses Mal unterliegt Wyatt in der Art vor Gericht, dass dieses die von ihm präsentierten Verdächtigen nicht als solche identifizieren kann. Bei einem weiteren Anschlag stirbt sein Bruder Morgan (Sam Melville). Während Wyatt seinen Bruder Virgil und dessen Frau mit dem Zug in Sicherheit bringen will, beobachtet er an einer Bahnstation erneut Männer der Clanton-Bande und tötet einen von ihnen. Diesmal ist es Wyatt selbst, der sich verantworten muss. War es Notwehr oder hat er den Mann kaltblütig erschossen?

Nach dem Vorfall am Bahnhof verändert sich Wyatts Haltung. Aus dem Vertreter einer Ordnungsmacht wird Schritt für Schritt eine Figur, deren Handeln sich immer weniger aus Recht und immer stärker aus persönlicher Vergeltung speist. Der Tod seines Bruders, die Eskalation der Gewalt und die ständige Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht gegenüber einem gewissenlosen, mörderischen Gegner lösen eine innere Verschiebung aus: Wyatt mag weiterhin seinen Stern tragen und das Gesetz vertreten, es verliert aber seine bindende Kraft. In diesem Prozess nimmt sein Freund Doc Holliday eine bemerkenswerte Stellung ein. Er ist kein klassischer Verführer im Sinne einer moralischen Versuchung à la Mephisto, der Wyatt aktiv vom Weg abbringt. Eher ist er ein ironischer Begleiter und Spötter mit klarem Blick, der dem Freund immer wieder den Spiegel vorhält. Doc weiß um seine eigene Natur als Killer, er versteckt sie nicht hinter Idealen. Gerade deshalb betrachtet er mit einer gewissen amüsierten Distanz, wie Wyatt sich weiterhin an die Fiktion klammert, noch im Rahmen des Gesetzes zu handeln, während die Realität längst eine andere geworden ist.

James Garner stellt Wyatt Earp mit einer stoischen Ruhe dar. Dank des Prologs ist von Anfang an klar, dass dieser Mann nicht zu impulsiven Kurzschlusshandlungen neigt. So ist es nicht der Mann, der von sich aus ambivalent agiert. Es sind die äußeren Umstände, die ihn zwingen. Jason Robards agiert als Wyatt Earps wahrer Konterpart: lakonisch, abgeklärt, jederzeit mit einem sarkastischen Unterton, der die Ereignisse gleichzeitig kommentiert und entlarvt.

Die Schwächen in "Die fünf Geächteten"

Doch genau hier beginnt das filmische Ungleichgewicht, das "Die fünf Geächteten" trotz seiner visuellen Brillanz daran hindert, ein durchweg guter Film zu sein. Während Garner und Robards die Leinwand dominieren, verkommt der Rest des Ensembles fast vollständig zur reinen Staffage. Das ist besonders im Fall von Robert Ryan bedauerlich.

Robert Ryan, eigentlich ein großer des Genres, spielt seinen Ike Clanton hier nicht als den üblichen, geifernden Western-Schurken. Sein Clanton wirkt weltmännisch, kalkulierend und Wyatt Earp intellektuell fast überlegen. Er ist kein "Killer" vom Dienst, sondern ein Machtmensch im feinen Zwirn. Doch leider gibt das Drehbuch ihm kaum etwas zu tun; er bleibt eine Drohkulisse im Hintergrund, deren Potenzial nie voll ausgeschöpft wird.

Diese erzählerische Schwäche setzt sich fort, sobald der Film versucht, die historischen Ereignisse des sogenannten "Earp Vendetta Ride" einzufangen. Der deutsche Titel "Die fünf Geächteten" bezieht sich auf jene Truppe, die Wyatt um sich schart, nachdem er Haftbefehle gegen mehrere Clanton-Männer erwirken konnte. Zu Earp und Holliday gesellen sich ein Dorfsheriff und zwei eher zwielichtige Revolverhelden. Hier zeigt sich ein seltsamer Bruch in der Dramaturgie: Sturges nimmt sich die Zeit, diese drei neuen Figuren (Monte Markham als Sheriff Sherman McMasters, William Windom als Texas Jack Vermillion und Lanny Chapman als Turkey Creek Jack Johnson) mit einer gewissen Sorgfalt und handwerklichen Präzision einzuführen. Man erwartet als Zuschauer, dass sie für den weiteren Verlauf der Geschichte, für die Dynamik der Gruppe oder für die kommenden Schießereien eine entscheidende Rolle spielen werden. Doch der Witz ist: Sobald sie Teil der Gruppe sind, haben sie genau gar nichts mehr zu tun. Sie reiten mit, sie stehen im Bild, und irgendwann verschwinden sie einfach wieder von der Bildfläche.

Historisch mag das halbwegs korrekt sein, die Earp-Begleiter wechselten tatsächlich, aber filmdramaturgisch ist es eine Sackgasse. Welchen Zweck erfüllt eine so ausführliche Einführung, wenn die Figuren danach keine Funktion mehr haben? Durch diesen Ballast beginnt der Film in der Mitte der Handlung merklich zu holpern. Die eigentlich packende, psychologische Jagd wird durch diese personellen Leerschläge abgebremst. Es ist ein Paradoxon: Während die Schießereien von Sturges meisterhaft in Szene gesetzt sind, die Bilder in ihrer Nüchternheit eine enorme Wucht entfalten und das Duo Garner/Robards schauspielerisch alles gibt, verliert sich die Erzählung zwischendurch in einem Ritt ins Nirgendwo.

Fazit: John Sturges, der Mann des Rhythmus und der Präzision, verliert hier ausgerechnet bei der dramaturgischen Stringenz den Faden. Das macht "Die fünf Geächteten" zu einem unebenen Seherlebnis, dem ein klarerer Fokus gutgetan hätte.

 
vgw
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