The Abandons

The Abandons

"The Abandons" ist eine amerikanische Western-Fernsehserie, die von Kurt Sutter für Netflix entwickelt wurde. Die Serie wurde am 4. Dezember 2025 erstmals ausgestrahlt. In den Hauptrollen sind Gillian Anderson, Lena Headey, Lucas Till, Nick Robinson und Patton Oswalt zu sehen.

Filmplakat: The Abandons
 

Lena Headey, Gillian Anderson und Lucas Till spielen in dem Western Action Drama "The Abandons"

Kennen Sie einen Satz mit X? Dann seien Sie herzlich willkommen in der Welt von "The Abandons", der neuen Serie von "Sons of Anarchy"-Erfinder Kurt Sutter, der sich beim Versuch, eine Serie im Stile Taylor Sheridans zu kreieren nicht einfach nur verhebt, sondern sich einen fiesen Bruch zuzieht.

Kein Funkenflug im Alten Westen

Auch wenn Sutter an diesem Debakel möglicherweise nur eine Mitschuld trägt. Was passiert ist, lässt sich von außen nur schwer sagen. Sutter ist im Oktober 2024 kurz vor Beendigung der Dreharbeiten aus seiner eigenen Serie ausgestiegen. Ein Grund dafür war der Pilotfilm: Die Serie sollte mit einem Spielfilm von 100 Miniten Länge beginnen. Das wollte aber Netflix nicht, verlangte zusätzliche Drehtage, um den Film in mehrere Teile aufteilen zu können und dann – knallte es im Karton. Kreative Differenzen nennt man so etwas. Doch Sutter als Kreativem von aller Schuld freizusprechen und mit den Fingern auf den bösen Streamer zu zeigen, ist mit Sicherheit zu einfach.

Netflix gesteht seinen Kreativen normalerweise eine große Freiheit zu. Nicht, weil Netflix besonders generös wäre. Das ist der Streamer nicht. Es ist eher ein in der Branche ungewöhnliches Vertrauen. Netflix sagt, wir holen Profis, die den Markt kennen und den Markt bedienen. Die Profis sagen, okay, ich verdiene hier mein Geld, Netflix bezahlt meine Miete, also liefere ich Netflix, was Netflix bestellt hat. In diesem du kraulst meinen Rücken, ich kraule deinen – ergeben sich durchaus Freiräume für kreative Ideen.

Dass Netflix daran erinnert, dass sie die Party bezahlen, ist das Geschäft eines aktiennotierten Unternehmens. Kreative Differenzen, bei denen es sich zwischen Netflix und Serienschöpfern krachte, gab es natürlich schon. "Avatar – The Last Airbender" führte zu einem Knall, der in Kalifornien die Geigerzähler zum Ausschlag brachten. Die Macher sahen sich von Neflix derart unter Druck gesetzt, Änderungen vornehmen zu müssen, dass sie hinschmissen, was doppelt wiegt, da es sich um eine Prestige-Produktion handelte. Allerdings: Trotz des fulminanten Ausstiegs der Macher mitten in der Hochphase der Produktion wurde die Serie ein Hit, derzeit laufen die Arbeiten an den Fortsetzungen und ja, es sind gleich zwei Staffeln in Auftrag gegeben worden. Ein Krach muss nicht gleich in eine Katastrophe führen. Nicht immer sind die verantwortlichen Redakteure die Bösen, die zwar ein großes Ego, aber keine Ahnung haben.

Aber zurück zu "The Abandons", wenngleich auch mit einem Schlenker!

Dekonstruktion

Taylor Sheridan hat mit seinem "Yellowstone"-Prequel "1883" den Grundstein für die Wiederauferstehung des Neo-Westerns gelegt. In diesem Epos ist der Westen kein romantisches Versprechen, sondern ein Prüfstein: Erlösung findet hier nur, wer bereit ist, die Grenzen des Erträglichen konsequent hinter sich zu lassen. Selbst jene, die unterwegs nicht ihre Seele verlieren, bleiben für immer von einem Schatten begleitet, der sich nie wieder ganz abschütteln lässt.

Doch wirkt "1883" im Vergleich zu Peter Bergs Gewaltoper "American Primeval" fast schon wie eine Liebeserklärung an den Mythos des Westens. "1883" gibt seinen Protagonistinnen und Protagonisten wenigstens noch ein Versprechen: Wenn du überlebst, dann hast du eine Chance, etwas Großes zu erreichen. "American Primeval" präsentiert derweil eine Welt aus Staub, Blut und Gedärmen, in der die Skrupellosesten vielleicht überleben, aber einen Traum oder eine Hoffnung gibt es in dieser Welt nicht. Jede Episode bohrt sich tiefer in die Abgründe des Menschlichen, als wolle Berg demonstrieren, dass der Westen nicht nur kein Sehnsuchtsort gewesen ist, sondern überhaupt nie so etwas wie eine Moral gekannt hat. Klassische Protagonisten existieren in "American Primeval" nicht; selbst die weibliche Hauptfigur, in anderen Western oft eine Art moralischer Anker, trägt hier eine Dunkelheit in sich, die sie unweigerlich Teil dieses zerstörerischen Systems werden lässt. Die einzige Figur, die in seiner Serie noch so etwas wie Unschuld in sich trägt, ist ein kleiner Junge. Ein Kind, das in eine Welt geworfen wird, in der Gewalt die Normalität darstellt und ihre Abwesenheit eine Anomalie.

Dass Sheridans Serien trotz ihres dekonstruktiven Kerns ausgerechnet bei politisch eher konservativen Zuschauern sehr beliebt sind, überrascht indes kaum. Seine Figuren mögen moralisch taumeln, doch Sheridans Serien bieten am Ende immer auch eine vertraute Ordnung an: harte Männer (und Frauen), große Familien, klare Loyalitäten. Peter Berg hingegen schlägt mit "American Primeval" einen anderen Weg ein. Sein Westen ist kein Ort, an dem alte Werte verteidigt werden, er ist ein Brennglas für gesellschaftliche Verrohung.

Erfolg

Beide Serien(welten) sind enorm erfolgreich und als Netflix den Namen Kurt Sutter für die Entwicklung einer Neo-Western-Serie in den Ring warf, dürfte so manchem Western-Fan kurz das Herz stehen geblieben sein. Sutter hat 2008 mit "Sons of Anarchy" ein Serienformat geschaffen, das man ohne Weiteres als modernen Western lesen kann: Mit Motorradrockern als Outlaws, Highways als staubigen Trails und einem moralischen Niemandsland, das nur auf dem Papier von Gesetzen zusammengehalten wird. Zum moralischen Drama wird die Serie dadurch, dass sich Sutter direkt auf Shakespeares Hamlet bezieht und eine Geschichte über einen Herrscher und seinen Thronfolger erzählt, die in einer unausweichlichen Tragik enden muss. Die Frage ist nicht ob, sondern nur wann. Übrigens hat Taylor Sheridan als Schauspieler drei Staffeln lang Deputy Chief David Hale in "Sons of Anarchy" dargestellt. Es liegt daher nahe zu vermuten, dass sich Sheridan bei eben diesem Kurt Sutter einiges für seine eigenen Serien abgeschaut hat. Anders gesagt: Sheridan ist die Kopie, Sutter das eigentliche Original.

Mit "The Abandons" reist Sutter ins Jahr 1854 ins Washington-Territorium. Das ist erst einmal ein interessanter Spielort, denn dieses Territorium ist zu diesem Zeitpunkt noch kein Teil der USA. Sehr wohl aber steht es unter der Verwaltung Washingtons (D.C.). Man könnte von einem Schwebezustand sprechen, irgendwo zwischen Ordnung und Chaos.

Sutter fokussiert sich in seiner Erzählung auf den Kampf zweier Matriarchinnen, beides Witwen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite ist Constance van Ness, mit europäisch-aristokratischer Hochnäsigkeit dargestellt von Gillian Anderson ("Akte X"). Constance ist Eigentümerin einer Silbermine, die dem Ort, in dem sie lebt, einen gewissen Wohlstand gebracht hat. Es ist kein Wohlstand nach heutigen Maßstäben. Es ist eher ein Wohlstand, der etwas Ruhe und Sicherheit garantiert. Eine Sicherheit, die von Constances Wohlwollen abhängt. Sie ist die unangefochtene Königin des Countys und sie ist sich dieser Position bewusst. Der Sheriff steht de facto in ihren Diensten und der Bürgermeister weiß, dass sein Amt allein von ihren Gnaden abhängt.

Doch Constance hat ein Problem: Ihre Silbermine wirft nicht genug Profit ab. Denn siehe, auch schon im Jahr 1854 gehört solch eine Mine nicht etwa einer Besitzerin allein. Hinter Constance steht ein Konsortium von der Ostküste, das die Erschließung der Mine maßgeblich finanziert hat. Diese Investoren unterscheiden sich nicht von Großaktionären der Gegenwart: Sie wollen keinen Gewinn. Sie wollen, verdammt nochmal, einen scheißgroßen Gewinn, wo kommt man denn dahin, wenn man für jeden investierten Dollar nur drei oder vier Dollar zurückbekommt? Das ist doch nichts, alles unter zehn, elf Dollar ist eine Schande. Constance erwartet den Besuch eines ihrer Hauptinvestoren, und dem muss sie etwas präsentieren können.

Tatsächlich hätte Constance ein Ass im Ärmel: Ihre Silberader ist deutlich umfangreicher, als zu Beginn der Arbeiten angenommen wurde. Allerdings – und das ist Constances Problem – verläuft ihre Ader unter dem Land von vier weiteren Familien, die ihre Claims nicht verkaufen wollen, weshalb Constance sie nicht ausbeuten kann. Constance hat ihnen alle Angebote zum Kauf des Landes unterbreitet. Doch keine der Familien hat dieses Angebot bislang angenommen. Als besonders widerborstig zeigt sich Fiona Nolan (Lena Headey), eine Irin, die aus dem kleinen Erbe, das ihr nach dem Tod ihres Mannes blieb, eine erfolgreiche Rinderzucht aufgebaut hat; diese Rinderzucht ist nicht zu vergleichen mit denen der großen Rinderzüchter in den Bundesstaaten, aber sie reicht aus, um ihre Familie gut zu ernähren. Eine Familie, die sich freiwillig zu einer solchen zusammengeschlossen hat.

Fiona selbst hat keine Kinder bekommen können und somit Waisen ein Zuhause gegeben, die sonst niemand haben wollte, nämlich den Afroamerikaner Albert (Lamar Johnson), der Jüdin Dahlia (Diana Silvers), ihrem Bruder Elias (Nick Robinson) und Lilla (Natalia del Riego), einer Native American. Die Serie beginnt in einem Moment, in dem diese Kinder selbst schon erwachsen geworden sind, aber in einem unzerbrechlichen Bund zu ihrer Mutter stehen, die ihnen, das wird sehr schnell klar, ein liebesvolles Zuhause gegeben hat.

Auf der anderen Seite wirkt Constance im Umgang mit ihren Kindern kalt. Da ist Garrett, der das aristokratische Auftreten der Mutter geerbt hat und als ihr potenzieller Erbe agiert. Dennoch agiert Constance ihm gegenüber reserviert. Kälte und Abweisung muss derweil Trisha (Aisling Franciosi), ihre Tochter ertragen. Lediglich für Willem, den Jüngsten, scheint Constance tatsächlich etwas zu empfinden. Willem ist impulsiv, er kann seine Gefühle nicht wirklich kontrollieren. Er ist aber auch nie wirklich erwachsen geworden, wie sich zu einem späteren Zeitpunkt zeigen wird, in dem die Serie der Zuschauerschaft einen Blick in sein Zimmer erlaubt, das vollgestopft mit Spielsachen offenbart, dass er – anders war als seine Geschwister. Das Wort "war" ist korrekt, denn Willem wird die erste Episode nicht überleben. Dies ist kein Spoiler, sondern das eigentliche Fundament, aus dem die Serie ihr dramatisches Potenzial schöpft.

Was geschieht? Willem gerät in der Stadt in einen Konflikt mit Dahlia. Es ist offensichtlich, dass er in Dahlia verliebt ist, aber er ist unfähig, auf sie zuzutreten. Stattdessen kommt es zu einem Zusammenstoß, in dem ihm Dahlia klar zu verstehen gibt, dass sie ihn für einen Dummbatz hält. Ihrer Scharfzüngigkeit hat Willem nichts entgegenzusetzen. Von Wut getrieben, lauert er Dahlia auf, um sie zu vergewaltigen. Bevor er seine Tat zu Ende bringen kann, wird er jedoch von Dahlias Geschwistern überwältigt. Es bleibt jedoch nicht bei der Überwältigung. Von Wut getrieben, rammt ihm Dahlia eine Mistgabel in den Rücken. Schwerverletzt bricht Willem zusammen. Während ihre Kinder über das weitere Vorgehen beratschlagen, es ist offensichtlich, dass sie Willem trotz dessen, was er getan hat, nicht sterben lassen wollen, bricht ihm Fiona das Genick.

So erfahren wir, dass Fionas Ehemann sie geschlagen hat. Fiona hat drei Fehlgeburten erlitten und jedes Mal gab er ihr die Schuld. Gewalt wurde zu Fionas ständigem Begleiter. Bis zu dem Tag, an dem sich für Fiona die Chance ergab, einen Unfall zu inszenieren, den er nicht überlebte. Er hat sie geschlagen. Dafür hat er bezahlt. So wie Willem dafür bezahlt, ihrer Tochter ein Leid angetan zu haben.

Wissend, dass die Tat die Stadt verändern wird, weiht Fiona die anderen Familien in ihre Tat ein und lässt sie entscheiden. Soll Willems Leichnam Constance übergeben werden mit einer Geschichte, die vielleicht hält ... oder nicht hält? Oder lässt man sie verschwinden? Das Geschehen wird so oder so Konsequenzen mit sich bringen. Daher soll die Gemeinschaft entscheiden. Und die entscheidet sich, Willem sehr tief zu vergraben.

Momente

Die erste Episode ist nicht perfekt, aber sie hat ihre Momente – gleich zu Beginn etwa. Constances Söhne und ihre Männer fürs Grobe legen auf dem Land von Fiona einen regelrechten Feuertunnel an und treiben die Herde durch ihn direkt auf einen Abgrund zu. Nur mit viel Mühe gelingt es Fionas Kindern, die Tiere zu beruhigen und größere Verluste zu vermeiden. Constance geht also, vorsichtig ausgedrückt, mit harten Bandagen vor. Später deutet sich eine Romeo-und-Julia-Geschichte zwischen Elias und Trisha an, die sich langsam entwickelt. Nicht minder interessant ist die Rolle der weithin gesichtslosen Investoren, die den Mythos des Westens gleichsam untergraben: Haben wirklich die Siedler diesen Westen erobert, oder die, die ihre Trecks finanzierten und sich ihre Investments buchstäblich haben "versilbern" lassen?

Die erste Episode etabliert zudem schnell das Umfeld der Geschichte: den Bürgermeister, den eher hilflosen Sheriff und die kleine Stadt. Das ist zwar nicht besonders originell, funktioniert aber gut – vor allem, weil Gillian Anderson den Fokus geschickt auf sich zieht. Ihre kühle, aristokratische Ausstrahlung gewinnt in der US-Version zusätzlich an Gewicht durch ihre Sprache. Anderson, die seit fast einem Vierteljahrhundert in London lebt und mit einem britischen Drehbuchautor verheiratet ist, spricht mit einem distinguierten Dialekt. Dieser verweist auf die Ostküstenherkunft ihrer Figur und spielt immer wieder bewusst mit Betonungen, die eher dem britischen als dem amerikanischen Englisch zuzuordnen sind.

Die erste Episode führt also alle handelnden Figuren ein, entwirft die Spielwelt, erschafft einen Grundkonflikt zwischen Fiona und Constance - und dann ist da der Tod von Willem, der nahezu ein Drama shakespearesken Ausmaßes erwarten lässt.

Doch, um die Geschichte abzukürzen, was dann folgt nennt man gemeinhin ein Desaster. Warum? Weil die Serie aus diesem Konflikt genau gar nichts macht. Klar, Constance sucht ihren Sohn. Doch fortan verläuft die Handlung etwa so: Constance möchte das Land, Fiona sagt, nö. Constance sagt: Doch. Fiona: nehein! Ja, das ist die folgende Dramaturgie der Serie. Da gibt es einen kurzen Handlungsstrang um Native Americans aus der Umgebung, die eher nicht so begeistert sind, dass man versucht, ihr Land mit Glasperlen zu kaufen. So kommt es dann auch mal zu einem blutigen Konflikt zwischen ihnen und Soldaten. Doch was wird aus dem Konflikt? Welchen Einfluss hat er auf die Handlung? Keinen. Die Natives treffen die Soldaten, man haut sich die Schädel ein und… das war es! Aus dem Handlungsstrang ergibt sich für Fiona lediglich die Möglichkeit, einen Moment Verwirrung dadurch zu schaffen, dass ein Soldat, der verstirbt, eine gewisse Ähnlichkeit mit Willem aufweist und sie den Leichnam für eine Charade nutzt, die hier nicht weiter vorweggenommen werden soll. Doch einen wirklichen Mehrwert liefert dieser Handlungsstrang nicht.

Ob das daran liegt, dass Netflix die Episodenanzahl gekürzt hat? Möglich. Sicher sagen lässt es sich nicht. Die angedeutete Romanze zwischen Trisha und Elias bleibt derweil dekoratives Hintergrundrauschen, ohne je Substanz zu entwickeln.

Dann taucht da plötzlich ein katholischer Priester auf, spielt eine ganze Episode lang eine zentrale Rolle … nur um danach weithin kommentarlos aus dem Drehbuch zu fallen. Warum führt man eine Figur so prominent ein, wenn man danach offensichtlich nichts mehr mit ihr anfangen kann?

Schließlich taucht irgendwann ein Killer auf, der für Constance die richtig dreckige Arbeit übernehmen soll. Gespielt wird dieser schreckliche Schurke von Michiel Huisman, einem Niederländer, den man gemeinhin als attraktiv bezeichnen darf. Nicht zu kantig, nicht zu durchtrainiert, nicht zu glatt, aber in der Summe dennoch ein ausgesprochen attraktiver Typ. Das muss man fairerweise hervorheben, wenn die Figur, die er darstellt, schon nichts, aber wirklich überhaupt nichts zu bieten hat, was auch nur im Entferntesten in Erinnerungen bleibt. Wie lautet eigentlich der Name dieser Figur?

Bärenhunger

Ach ja, dass der Bürgermeister, der immerhin von dem in den USA sehr populären Komiker Patton Oswalt ("King of Queens") dargestellt wird, in Episode zwei vollkommen überraschend einem Bären zum Opfer fällt, ist ein netter Bruch mit den Erwartungen. Man kann dies der Zuschauerschaft mit dem Hinweis verkaufen, dass der Spielort halt gefährlich ist und man dort die Augen aufhalten muss, um nicht als Frühsnack zu enden. Aber wer leitet danach eigentlich die Geschicke der Stadt? Das ist dramaturgisch nicht ganz unwichtig, denn aus solch einem Wechsel an der Spitze können Verschiebungen der Macht entstehen, wenn man eine Figur einsetzen würde, die nicht mehr auf Constances Gehaltsliste stünde. Solch eine, die gar keine eigene Meinung mehr hat (es wird zumindest angedeutet, dass der Bürgermeister tatsächlich in einer freien Wahl gewählt worden ist, immerhin!).

Solche Momente, das weiß jeder Autor, sind essentiell für die Entwicklung einer Story. In "The Abandons" entschließt man sich jedoch, dieser Frage nicht weiter nachzugehen. Es reicht zu wissen, dass der Sheriff ein Bückling ist und Constance die eigentliche Herrscherin. Eine Herrscherin, die immerhin als Figur ein paar Momente zu setzen weiß. Ihre Trauer um Willem, das steht außer Frage, ist echt. Mag es derweil ungeklärt bleiben, weshalb sie Trisha so kühl gegenübertritt, ist es doch offensichtlich, dass sie dafür einen triftigen Grund hat. Dass dieser im Verborgenen bleibt, ist indes gar nicht schlimm; vielmehr verbleibt die Frage wie eine Narbe auf Constances Seele, deren Herkunft wir nur zu gerne ergründen würden.

Gillian Anderson gewährt ihrer Figur immer wieder Momente, in denen die Fassade der kalten Matriarchin leichte Risse andeutet. Das macht es möglich, einen Zugang zu ihrer Figur zu finden. Constance ist keine Sympathieträgerin, wirklich nicht. Aber immerhin gibt es da Momente, die ein Anknüpfen an ihre Figur ermöglichen. Was zum nächsten Dilemma führt: Fiona ist unsympathisch. Das darf sie aber im Grunde nicht sein. Fiona, vom Mann geschlagen, … die sich befreit hat, … die Kinder, die niemand haben wollte, ein behütetes Heim gab und die all das, was sie besitzt, der Arbeit ihrer Hände verdankt: Solch eine Figur ist per Definition die Protagonistin.

Natürlich, schon John Wayne sagte, dass ein Held auch unfair kämpfen darf, wenn ihm die Gegenseite keine andere Wahl mehr lässt. Wer möchte dem Duke schon widersprechen? Sprich: Wer sich in dieser Handlungswelt durchsetzt, hat eben auch ein paar Leichen im Keller liegen. Aber Fiona ist nie wirklich eine Figur, die Sympathie für sich verbuchen kann.

Beispiel Willem: Klar ist Willem ein Vergewaltiger. Doch wenn sie ihn ermordet, dann agiert da nicht die wütende Mutter, die emotional Rache nimmt. Sie handelt kühl, durchdacht und erteilt ihrer Tochter Dahlia recht brutal eine Lektion – man beendet, was man begonnen hat. Wie Dahlia sich fühlt, interessiert sie nicht.

Nebenbei wird überdies angedeutet, dass Constances erstes Angebot für Fionas Land offenbar mehr als angemessen war: Constance wollte Fiona anfangs keinesfalls über den Tisch ziehen, sondern bot ihr eine Summe, mit der sich an anderer Stelle deutlich mehr Land und Rinder hätten anschaffen lassen können. Diese Feststellung soll Constances von Gier nach mehr getriebenes Verhalten nicht entschuldigen; Constance ist aber eben auch keine Donna Mafia, die Angebote unterbreitet, die man nicht ablehnen kann. Gut, sie reagiert schon verschnupft, wenn man ihre Angebote ablehnt, aber immerhin sind diese Angebote angemessen. Davon ab: Im Vergleich zu anderen Städten, die man in Serien dieser Art präsentiert bekommt, ist Constances Stadt vergleichsweise sicher und sogar halbwegs divers. Man muss dies natürlich im Kontext der Zeit sehen, selbstverständlich ist dies nicht Bullerbü, aber es ist eben auch kein Sodom, in dem der den Tag überlebt, der schneller als sein Gegner war. Auf der anderen Seite zieht Fiona nach der Ermordung Willems all ihre Nachbarn als Komplizen in das Geschehen hinein, als hätten die nicht schon genug Probleme. Darüber hinaus wirkt ihre Familie weniger wie, genau, eine Familie, sondern eher wie eine Sekte, in der die Kinder die Obermutter anbeten. Was daran liegen mag, dass all diese Charaktere vollkommen undefiniert bleiben. Sie tragen Namen, aber keine Persönlichkeit.

Keine Spannungskurve

Eine Spannungskurve sucht man in dieser Serie mit der Lupe, selbst mit einem Mikroskop findet man da nichts. Der bereits ironisch angerissene Handlungsverlauf dient als Blaupause für das komplette Geschehen. Es gibt keine nennenswerten Nebenstränge, keine überraschenden Wendungen, keine dramaturgischen Wtf-Momente – nichts.

Damit drängt sich eine Frage auf, die man eigentlich nicht stellen möchte, aber muss: Wer hat diese Serie am Ende eigentlich geschrieben? Ja, die Frage ist ernst gemeint, wer sind die Autoren in einem klassischen "denken-sich-etwas-aus"-Sinne? Sieben Namen führt die IMDb auf, Sutter selbst darf sich den Credit für die Pilotfolge anheften. Aber ob diese Autorinnen und Autoren tatsächlich kreativ tätig waren oder eher als literarische Feuerwehrtruppe engagiert wurden, um Netflix ein Erzeugnis abzuliefern, das irgendwie Anfang, Mitte, Ende hat - das bleibt offen.

Dies soll keine Kritik an Sutter darstellen, denn inwieweit er eine Schuld an dem Desaster trägt und inwieweit er selbst ein Opfer äußerer Umstände geworden ist, lässt sich von außen nicht beurteilen. Fest steht nur: Irgendwo auf dem langen Weg von der Idee über die Dreharbeiten bis auf Netflix’ Servern hat sich "The Abandons" nicht einfach verlaufen.

Wäre "The Abandons" Grimms Märchen von Hänsel und Gretel, würde die Geschwister nicht nur im Hexenhaus landen, nein, die Hexe würde Hänsel tatsächlich auch grillen, um ihn dann aber derart anbrennen zu lassen, dass sie Gretel auch noch hinterherschieben muss, um während des Grillvorgangs an Hunger zu sterben.

Schließlich ist da der Look. "American Primeval" zum Beispiel bietet ein fast von Farben befreites Bild. Farbe, die Emotionen ausdrücken könnte, kommt in dieser Bilderwelt so gut wie nie vor. Dieses visuelle Konzept verleiht der Serie von Peter Berg ein Alleinstellungsmerkmal. Da wurden bei den Dreharbeiten nicht einfach Bilder eingefangen, vielmehr sind diese Bilder in der Nachproduktion noch einmal sehr aufwendig bearbeitet worden; es reicht nicht aus, einen Filter über solche Bilder zu legen oder die Sättigung zu verringern. Um diesen Look zu erreichen, ohne ihn künstlich wirken zu lassen, daher haben die Bildtechniker definitiv Überstunden eingelegt.

"1883" bietet derweil Kinobilder: Das ist Breitwand fürs Heimkino.

"The Abandons" kämpft hingegen mit einem billigen Canadian Syndication Look. Die Kulissen sind mehr als überschaubar, die Statisten ziehen immer wieder von links nach rechts - und dass die Hintergründe (Wälder, karge Gebirgslandschaften) hier nur eingefügt wurden, lässt sich nicht übersehen. Schlimmer aber wirken viele Innenaufnahmen, die schmucklos Bilder von Schauspielerinnen und Schauspielern auf einer Bühne einfangen. Solche Bilder waren in Serien der 90er und 00er Jahre in Ordnung, "wir hatten ja sonst nüscht". Aber für eine Netflix-Serie sieht das – billig aus. Wenn wiederum bei Tagesaufnahmen der Kamerafokus so stark auf die Hauptfiguren gerichtet wird, dass die Hintergründe zu einem einzigen Schwampf verwischen, ist das keine künstlerische Entscheidung: Die Kamera verhindert vielmehr, dass die Hintergründe durchgehend als billige Kulissen zu erkennen sind.

Als wäre all das nicht schon ernüchternd genug, gönnt sich die Serie am Ende auch noch einen der überflüssigsten Cliffhanger der vergangenen Jahre. Dabei steckt in den wenigen Momenten, in denen "The Abandons" tatsächlich so etwas wie eine zusammenhängende Handlung andeutet, im Kern eine abgeschlossene Miniserie, die völlig problemlos zu einem klaren, runden Schluss hätte kommen können, ohne gleich sämtliche Türen für mögliche Fortsetzungen zuzuschlagen.

Fortsetzungen, wohlgemerkt, die ohnehin niemand ernsthaft erwartet: Wer in der Branche arbeitet und noch halbwegs bei Verstand ist, weiß, dass es von diesem Format keine zweite Staffel geben wird und doch schafft es die Serie selbst auf den letzten Metern, auf denen sie wenigstens mit Würde hätte ihr Ziel erreichen können, diesen Moment grandios gegen die Wand zu fahren.

Fazit:"The Abandons" ist die Enttäuschung der Fernsehjahres 2025.

vgw
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