Kacey Musgraves - Pageant Material

CD Cover: Kacey Musgraves - Pageant Material

Wie geht man mit so einer Bürde um? Mit zwei Grammys®, die es für das Vorgängeralbum "Same Trailer, Different Park" gab; mit der hohen Erwartungshaltung nach all den überschwänglichen Kritiken, Features und Schwärmereien?

Kurzer Rückblick: Vor zwei Jahren ist aus dem Nichts aufgetaucht. Eine brünette Schönheit mit Gitarre, aus einem Kaff bei Dallas, Texas, stammend. Auf dem Cover ihres Debüt-Albums "Same Trailer, Different Park" inszenierte sich die 24-Jährige clever als eine Mischung aus Landei und Vamp - und ihre Musik übertraf noch die Verpackung. Die Folge waren die erwähnten zwei Grammys®, die Jubel-Kritiken und Tourneen mit Alison Krauss, Willie Nelson und Katy Perry. Das Feuilleton hatte einen neuen Liebling.

Wie also umgehen mit diesem enormen Druck, den sie für das Nachfolgewerk gespürt haben muss? Noch mehr Geld in die Hand nehmen? Sich mit den weltbesten, erfolgreichsten Songautoren einigeln und die modernsten, besten und teuersten Studios monatelang mieten? Alles vorstellbar. Viele machen es genau so. Nicht aber die sturköpfige Texanerin. Sie macht: genau das Gegenteil davon. Sie setzt erneut auf ihre Co-Produzenten- und Co-Autoren Luke Laird und Shane McAnally und spielt im altehrwürdigen RCA Studio A in Nashville - größtenteils gemeinsam mit ihrer Tourband - das neue Material ein.

Respekt kann man da nur sagen. Und der Respekt wächst mit jedem Song den "Pageant Material" so nach und nach preisgibt. Denn es wird deutlich, dass Kacey Musgraves offenbar überhaupt keine Lust hatte, sich irgendeine Art von Druck aufzubürden oder Erwartungshaltungen gerecht zu werden. Im Gegenteil. Die Songs klingen unverschämt entspannt, lässig und locker. Gerade so, als ob sie der auf einen Flop lauernden Kritiker-Herde den Finger zeigen möchte. Motto: Ich ziehe mein Ding durch. Egal was kommt. Egal, was ihr denkt.

Auf dem Cover ist sie, geschminkt wie Barbie, als Schönheitskönigin im Profil zu sehen. Das Krönchen steckt im toupierten Haar. Roter Glitzer im Hintergrund. Nostalgie pur. Weitere im Sixties-Style gehaltene Schönheitsköniginnen-Fotos werten nicht nur das Booklet optisch auf, sie machen auch deutlich: Kacey Musgraves versteht etwas von Selbstironie, sie hat eine nostalgische Ader und sie ist schlau genug, ihre Message - Schönheitswahn, Oberflächlichkeit - mit Humor, Geist und Charme zu verpacken.

All das ist untrennbar mit ihrer Musik, ihren Songs verbunden. Mit Unterstützung ihrer treuen Begleiter, dem einen oder anderen Studio-Crack (wie Pedal Steel-Koryphäe Paul Franklin) und Gaststar Willie Nelson (versteckt im Abspann) gelingt ihr ein wunderbarer Mix aus: Roots-Country, entspanntem Folk, nostalgischem Geflunker, feiner Ironie und gelegentlichen bösen Seitenhieben auf Konventionen und Spießertum. Die Kombination aus kessen Texten und vordergründig harmlosen Melodien ist längst Markenzeichen dieser etwas anderen Country-Sängerin - und macht auch den Reiz ihrer Musik aus.

Man nehme nur die Single-Auskopplung "Buscuits". Zu unverdächtig netten Folk-Klängen mahnt sie Toleranz an und dass man sich doch gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern solle: "Smoke your own smoke and grow your own daisies." Mit Textzeilen wie diesen, wird sich die scharfzüngige Beauty keine Freunde im Country-Establishment machen. Wird ihr aber egal sein - wie der Song "Good Ol' Boys Club" verdeutlicht. "Another gear in a big machine don't sound like fun to me" ("Ein anderer Gang in einer großen Maschine hört sich für mich nicht nach Spaß an") singt sie da: eine deutliche Anspielung auf den konfektionierten Hit-Sound des Big Machine-Labels und dazu eine klare Ansage, dass sie keinerlei Ambitionen hegt, an diesen großen Rädern mitzudrehen.

Das ist mutig und clever. Kacey Musgraves scheint ihre künstlerische Unabhängigkeit wichtiger als der große kommerzielle Wurf zu sein. Das alleine ist schon ein guter Grund, die Texanerin zu lieben. Weitere Gründe liefert sie mit den 13, allesamt von ihr co-komponierten Titeln. Zu welch großer Künstlerin die 26-Jährige gereift ist, zeigt sie beispielsweise in dem letzten Track: "Fine". Der Name ist da Programm - ein wundervoll versonnener Country-Track mit Tiefgang und herrlich schönen Harmonien. Ein Song, der das Zeug zum Klassiker hat. Es ist nicht der einzige der CD.

Fazit: Erwartungshaltung, Vorschusslorbeeren, Erfolgsdruck - die Texanerin singt das alles mit herrlich entspannten, nostalgisch angehauchten Country-Folk-Songs weg. Ein weiterer Volltreffer!

Label: Mercury Nashville (Universal) VÖ: 26. Juni 2015

  • Titelliste

01 High Time 08 Miserable
02 Dime Store Cowgirl 09 Die Fun
03 Late to The Party 10 Family Is Family
04 Pageant Material 11 Good Ol' Boys Club
05 This Town 12 Cup of Tea
06 Biscuits 13 Fine
07 Somebody to Love


Anmelden