The Power of the Dog

Filmplakat: The Power of the Dog

"The Power of the Dog" - Benedict Cumberbatch als rätselhafter Cowboy

Wenn am 27. März 2022 im Dolby Theatre in Los Angeles zum 94. Mal die Oscars verliehen werden, steht erstaunlicherweise ein Western gleich mit zwölf Nominierungen an der Spitze: "The Power of the Dog" von Jane Campion, der auf den Filmfestspielen in Venedig im September seine Premiere feierte und nach einem kurzen Kinoeinsatz auf der Streaming-Plattform von Netflix zur Verfügung steht.

Erstaunlich deshalb, weil Western eher selten in so hoch im Oscar-Wettbewerb gehandelt wurden. Zuletzt gewannen Kevin Costner 1991 für "Der mit dem Wolf tanzt" und Clint Eastwood 1993 für "Erbarmungslos" die wertvollste Trophäe, die im Filmbusiness vergeben wird, in der Kategorie "Bester Film". Doch "The Power of the Dog" ist kein klassischer Western, denn er spielt im Jahr 1925, als der Wilde Westen bereits ein Mythos war und zerpflückt das Bild des hartgesottenen Cowboys, der von Benedict Cumberbatch ("Zoolander No. 2") äußerst rätselhaft verkörpert wird.

Mit Pferd und Lasso

Die Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George Burbank (Jesse Plemons) führen in Montana eine erfolgreiche Rinder-Ranch. Doch sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Phil am liebsten auf den Rücken eines Pferdes sitzt und auch schon mal in dreckigen Klamotten ins Bett geht, bevorzugt George gute Anzüge und ein Automobil, mit dem er sich fortbewegt.

Nicht anders geht der raue Viehtreiber mit ihrem Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) um, der in den Sommerferien auf die Ranch kommt. Phil verachtet ihn wegen seiner weichlichen, fast schon weibischen Art. Als Peter jedoch hinter das Geheimnis von Phil kommt, findet zwischen ihnen eine Annäherung statt. Phil will aus dem Jüngling einen richtigen Mann machen und bringt ihm bei wie man reitet und ein Lasso flechtet. Rose beobachtet ihre Freundschaft mit Argwohn und verfällt immer mehr dem Alkohol. Peter hingegen weiß inzwischen, welche Anziehungskraft er auf Phil hat und ändert damit alles.

"The Power of the Dog" - Der Zerfall einer Männerwelt

"Die Gewalt der Hunde" ist der Titel des 1967 erschienenen Romans von Thomas Savage (1915-2003), auf dem dieser Film basiert. Savage, der selbst auf einer Ranch in Montana aufwuchs, verarbeitete damit einen Teil seiner eigenen Jugenderinnerungen. Letztlich ist es aber eine Abrechnung mit den romantisierten Mythen des alten Westens mit seinen verklärten Helden. So ist Phil Burbank nur nach außen hin der unempfindliche Kerl im Cowboy-Outfit. Innerlich ist er zermürbt, weil er seine wahren Sehnsüchte selbst vor sich versteckt hält. Woraus resultiert, dass er sich dermaßen feindlich und menschenverachtend verhält.

Benedict Cumberbatch erkannte gewiss sofort das Potential einer solchen zwiespältigen Figur. Sein Spiel ist eindrucksvoll und einnehmend, viele bestätigen ihm die beste Darstellung seiner bisherigen Karriere. Der Oscar gehört ihm, wenn die Jury am 27. März richtig entscheidet.

Damit sind wir aber auch am Defizit des Films. Phil Burbank wird zwar detailreich charakterisiert, aber er wird uns damit nicht sympathischer. Überhaupt gibt es in "The Power of the Dog" keine einzige Figur, an der man sich festhalten möchte. Somit bleibt man als Zuschauer Beobachter von Charakterstudien mit perfiden Verzweigungen. Nur der von Jesse Plemons ("Jungle Cruise") scheint in seiner Freundlichkeit ein einfacheres Gemüt zu haben, aber für ihn interessiert sich die Regisseurin, die vor 23 Jahren mit "Das Piano" ihren bisher berühmtesten Film ablieferte und ihr neues Werk nicht etwa an Originalschauplätzen in Montana drehte, sondern in ihrer neuseeländischen Heimat, nach hinten heraus immer weniger.

Ein Spätwestern der leisen Töne

Ein Piano trägt bei Jane Campion auch diesmal wieder zur Handlung bei. Denn die von Kirsten Dunst ("Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen") zerbrechliche Rose versucht sich an der Tastatur eines extra von ihrem Mann für sie erworbenen Klaviers, um für den angekündigten Besuch des Gouverneurs ein Ständchen bringen zu können. Doch Phil demütigt sie auch hier, indem er zu seinem Banjo greift und zeigt, dass er es besser kann. Damit wird vor allem seine Verachtung für Rose zum Ausdruck gebracht, was typisch für den ganzen Film ist.

Hier wird nur selten etwas ausgesprochen, vielmehr angedeutet, womit Campion eine gewisse Spannung erzeugen will. Aber durch die langsame Erzählweise funktioniert das nur schwer. "The Power of the Dog" ist ein Spätwestern der leisen Töne, der sich am ehesten mit "Brokeback Mountain" vergleichen lässt, auch wenn selbst die Homoerotik hier nie inszeniert wird, sondern auch nur angedeutet wird.

Fazit: Regisseurin Jane Campion benutzt die Klischees der Western für eine tiefgreifende Charakterstudie und endet als bedrückende Rachegeschichte. Warten wir es ab, wie viele der 12 Oscar-Nominierungen am 27. März wirklich an "The Power of the Dog" gehen werden.

 
Regie     Darsteller   Rolle  
Jane Campion     Benedict Cumberbatch ... Phil Burbank  
      Kirsten Dunst ... Rose Gordon  
      Jesse Plemons ... George Burbank  
      Kodi Smit-McPhee ... Lola  
      Geneviève Lemon ... Mrs. Lewis  
      Frances Conroy ... alte Dame  
      Peter Carroll ... alte Herr  
      Keith Carradine ... Gouverneur Edward  
      Alison Bruce ... Frau des Gouverneurs  
      Adam Beach ... Edward Nappo  
Original-Titel: The Power of the Dog
Studio: BBC Films (Netflix)
Land: UK 2021
FSK: ab 16 Jahre
Laufzeit: 126 Minuten
Kino: 18. November 2021
DVD/Blu-ray: ./.
Pay-TV: ./.
Free-TV: ./.
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