Ashley McBryde - Wild

CD Cover: Ashley McBryde - Wild
 

Ashley McBrydes Musik war schon immer von einer gewissen Rauheit geprägt, doch auf "Wild" verfestigt sich diese Rauheit zu etwas Schärferem, Lauterem und Aufschlussreicherem als alles, was sie bisher veröffentlicht hat.

Ashley McBrydes neues Album "Wild": Eine Southern-Rock-Auseinandersetzung mit Erlösung und Identität

"Wild" ist nicht nur ein weiterer starker Beitrag zu einem herausragenden Werk; es ist der Klang einer Künstlerin, die nun die volle Kraft ihres Schaffens entfaltet. Auf elf Tracks liefert Ashley McBryde eine Meisterklasse in Southern Country Rock, unerschütterlicher Ehrlichkeit und hart erkämpfter Erlösung.

Von den ersten Augenblicken an macht "Wild" seine Absichten deutlich. "Rattlesnake Preacher" reißt die Tür auf mit einem dreckigen, prahlerischen Gitarrenriff und einem Hauch von südstaatlichem Gothic-Drama. Als langjähriger Fan-Favorit, der endlich ein Studio-Leben erhält, gibt er den Ton perfekt vor: laut und durchdrungen von Bildern feuriger Predigten und schwüler Nächte in Alabama. "Mein Vater war ein Rattlesnake Preacher, mein Vater war ein Mann Gottes in Südalabama", erklärt sie und verankert das Album gleichzeitig in Tradition, Religion und Rebellion. Es ist bombastisch und unverkennbar Ashley McBryde.

Diese Energie fließt direkt in "Arkansas Mud" ein, einen der wildesten Tracks, die sie je aufgenommen hat. Sumpfig, im Stil der Rolling Stones und voller Handclaps und Attitüde, gibt sich der Song ganz der Exzessivität des Southern Rock hin. Anspielungen auf Lynyrd Skynyrd (insbesondere "The Ballad of Curtis Loew") verankern den Track in der Tradition, während McBrydes eigene Identität deutlich zum Vorschein kommt: "eine Tochter des hungrigen Südens". Es ist ein gewaltiges, kompromissloses Statement über Herkunft und Aufwachsen.

Ashley McBryde ist eine Künstlerin, die ein Jahrzehnt damit verbracht hat, ihre Stimme zu verfeinern

"Water in the River" vertieft den spirituellen Faden des Albums. Erneut mit Bildern von Prediger und Teufel beginnend, setzt er sich direkt mit Sünde und Erlösung auseinander. "Es ist nicht genug Wasser im Fluss, damit der Herr mir vergeben kann", singt sie – eine Zeile, die vor dem Hintergrund ihrer tatsächlichen Abstinenz und ihrer Bar "Redemption" in Eric Churchs Veranstaltungsort in Nashville noch mehr Gewicht bekommt. Musikalisch löst sich der Song in einen nebligen, sumpfigen Jam auf und verleiht dem Album erstmals ein echtes Gefühl von Weite, ohne dabei den thematischen Fokus zu verlieren. Dieses Gefühl der Abrechnung setzt sich in "Creosote" fort, einem hypnotischen Midtempo-Highlight, das auf hämmernden Trommeln und südlichem Fatalismus aufbaut. "Weine nicht um mich, wenn ich sterbe … versiegle es mit Kreosot", singt sie und begegnet der Sterblichkeit mit einer Mischung aus Trotz und Akzeptanz. Man hat hier das Gefühl, dass McBryde nicht mehr um Erlösung bittet, sondern einfach nur die Wahrheit sagt.

Dann kommt der erste emotionale Schlag in die Magengrube. "Bottle Tells Me So" schlägt einen scharfen Kurswechsel hin zu einer reduzierten Verletzlichkeit ein und erinnert an die stille Verzweiflung von "Light On in the Kitchen" aus "The Devil I Know". Hier stellt sich McBryde dem Alkoholismus frontal, ohne sich hinter Metaphern verstecken zu können. "So wie es mir geht, habe ich es wohl gerade noch bis zum Bett geschafft", gibt sie zu, bevor sie die niederschmetternde Zeile liefert: "Die Party ist vorbei und wie immer bin ich die Letzte, die es mitbekommt." Es ist in seiner Einfachheit erschütternd – eine Erinnerung daran, dass Country-Musik, wenn sie am besten ist, die härtesten Wahrheiten immer noch besser erzählt als jedes andere Genre. Das fühlt sich wie ein Song an, der in die Geschichte eingehen wird.

"What If We Don’t" bietet einen weiteren Stilwechsel und greift eine überarbeitete Version eines Songs aus ihrer frühen "Jalopies and Expensive Guitars"-Zeit wieder auf. Es ist der kommerziellste Moment des Albums, eine mitreißende, radiotaugliche Hymne über Risiko und Unmittelbarkeit. " Ich will nicht zu viel darüber nachdenken, ich muss dich jetzt sofort küssen", singt sie, bevor der Track in ein von den 80ern geprägtes Gitarrensolo ausbricht, das auch auf einem Guns-N'-Roses-Album nicht fehl am Platz wäre. Es ist groß, kühn und unbestreitbar eingängig.

"Wild" ist nicht nur eines der bisher besten Alben des Jahres 2026, es ist ein prägendes Statement

Diese Zugänglichkeit setzt sich in "Lines in the Carpet" fort, einem an Fleetwood Mac angelehnten, langsam aufbauenden Stück, das eine toxische Ehe mit chirurgischer Präzision seziert. McBryde skizziert eine still tragische häusliche Szene: "Er teilt seine Zeit zwischen dem Golfplatz und Gin Tonics auf der Veranda auf", singt sie, während die Ehefrau in Stille alles zusammenhält. "Sie wird es ihm nicht sagen und er fragt nicht danach" wird zum emotionalen Kernpunkt, vorgetragen über einer schimmernden, von der Westküste geprägten Produktion, die einen wunderschönen Kontrast zur Dunkelheit der Erzählung bildet.

"Behind Bars" zieht sich wieder zurück und kehrt zu akustischem Storytelling und cleverem Wortspiel zurück. Unter Nutzung der Doppeldeutigkeit des Titels schafft McBryde eine eindringliche Reflexion über Trinkkultur und Genesung. "Ich habe Freunde, die noch nicht draußen sind", singt sie – eine Zeile, die noch lange nach dem Ende des Songs nachhallt. Es ist intim und tief bewegend – genau die Art von Song, die in kleinen Räumen und bei Songschreiber-Runden zur Geltung kommt.

"Hand Me Downs" ist das Herzstück nicht nur dieses Albums, sondern wohl auch von Ashley McBrydes gesamter bisheriger Karriere

Dann erreicht "Wild" seinen entscheidenden Moment. "Hand Me Downs" ist das Herzstück nicht nur dieses Albums, sondern wohl auch von McBrydes gesamter bisheriger Karriere. Jedes ihrer Alben hat diesen einen Song ("Girl Going Nowhere", "Voodoo Doll", "Light On in the Kitchen"), und hier ist er. Was als zarte akustische Reflexion über ein Kindheitsfahrrad beginnt, das über Generationen weitergegeben wurde, entpuppt sich schnell als etwas viel Tieferes. "Es gibt verdammt noch mal nichts, was jemals nur mir gehört hat", singt sie und verbindet das Erbe nicht nur mit Gegenständen, sondern auch mit Fehlern und Identität. "Ich bestehe nur aus zerbrochenen Dingen, die ich nicht ertragen kann" – ein erschütterndes Eingeständnis, das die Wut ihres Vaters und die Traurigkeit ihrer Mutter direkt mit dem verbindet, was aus ihr geworden ist. Dann, in einem Moment, der wie eine Schockwelle wirkt, explodiert der Song. Trommeln setzen ein, E-Gitarren dröhnen, und was als leises Bekenntnis begann, verwandelt sich in eine Katharsis von der Größe einer Arena. Es ist atemberaubend, sowohl musikalisch als auch emotional, und eine Erinnerung daran, wie kraftvoll McBryde sein kann, wenn sie alles auf einmal loslässt.

Der Titelsong "Wild" schlägt erneut eine andere Richtung ein. In Anlehnung an eine Tradition, die bis zu Patsy Cline zurückreicht, tendiert er zu einem Retro-Sound im Stil der 60er Jahre, der jedoch eine dunklere, filmischere Note aufweist. "Ruft dich die Wildnis aus der Ferne?", fragt sie und formuliert damit die zentrale Frage des Albums. Hier wird das Leben in der Vorstadt erdrückend (Weihnachtstürchen, die mit Stacheldraht verglichen werden) und das Verlangen nach Freiheit pulsiert unter jeder Note. Es ist einer der originellsten Songs, die sie geschrieben hat, sowohl klanglich als auch thematisch.

Der Abschluss-Track "Ten to Midnight" schließt den Kreis mit einer kraftvollen, melodischen Reflexion über toxisches Verhalten und Selbstbewusstsein. "Die Dinge sind ziemlich wackelig und das schon seit einer Weile", gibt sie zu, bevor sie die schneidende Zeile liefert: "Es ist zehn vor Mitternacht, Cinderella, der gute Teil ist schon vorbei." Mit einem Hauch von Mundharmonika und einem treibenden Country-Rock-Fundament ist der Song sowohl eine Warnung als auch eine Befreiung und beendet das Album mit einer Note, die sich eher ehrlich als abgeschlossen anfühlt, doch die Erzählung fortsetzt, die schon mit "Rattlesnake Preacher" begann.

Fazit: In den elf Titeln auf "Wild" verwebt Ashley McBryde Religion, Sucht, Erbe, toxische Beziehungen und das unerbittliche Streben nach etwas Besserem. Es ist roh, es ist laut, es ist verletzlich und es ist zutiefst menschlich.

vgw
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