Ashley McBryde - Never Will

CD Cover: Ashley McBryde - Never Will

"Never Will" zeigt Ashley McBryde am Zenith ihrer Kunst. Ein vielschichtiges Country-Rock-Album.

Es ist ja in den letzten Jahren etwas kompliziert geworden, mit den ganzen Rubrik-Bezeichnungen. Was ist noch Country? Was ist schon Pop oder Rock? Und für was steht eigentlich das Sammelsurium-Genre Americana? Ashley McBryde beantwortet die Fragen mit ihrem zweiten Warner-Nashville-Album "Never Will" so klar wie eindeutig: mit einem Album, das vieles unter einen Hut bringt und trotzdem zu jederzeit homogen und authentisch klingt.

Das spricht für sie. Für sie als Künstlerin und als jemand, der weiß, was er will. In einem Interview wurde sie auf die verschiedenen Stilmittel von "Never Will" angesprochen. Sie bekannte, dass sie sich zunächst nicht sicher war, ob all diese doch recht verschiedenen Songs auf einer CD zusammenpassen können. Schließlich erkannte sie: "Das tun sie. Man nennt das "Bandbreite". Das macht eine Person erst komplett." "You don’t just make a Rock record. You don't just make a country record. You make your record." Wir verstehen…

Ashley McBryde ist zur selbstbewussten Künstlerin gereift

Mit "Hang In There Girl” steigt Ashley McBryde zunächst noch so in "Never Will" ein, wie man sie kennt: deftig, hemdsärmelig, ehrlich, robust und gleichzeitig subtil. Ein grundsolider Country-Rocker ohne jeden Schnickschnack. Ein Song, der klarmacht, dass man mit klassischem Band-Outfit, catchy Melodien und einer intelligenten Story immer noch Titel ohne Verfallsdatum hinbekommt. "Hang In There Girl” gehört zu jener Sorte Songs, die man schon vor Generationen gehört hat, die man heute und - wenn die Menschheit nicht völlig verblödet - auch noch in 100 Jahren hört.

So souverän der Einstieg in ihr zweites Album auch sein mag. Eine Richtschnur für die nachfolgenden zehn Titel ist der Track nicht. Das macht schon das nachfolgende "One Night Standard" klar. Neben dem genialen Wortspiel überzeugt der eher ruhige, im modernen Country-Pop verortete Song durch eine geheimnisvolle Atmosphäre und durch angesagte Sounds, die ganz im Kontrast zur eher ruppigen Stimme von Ashley McBryde stehen und damit für zusätzliche Reibung sorgen. Produzent Jay Joyce, der auch schon ihr Debüt in Szene setzte, kann sich hier abermals als genialer Studio-Fuchs auszeichnen.

"Never Will" besticht durch große Bandbreite und hohe Qualität

Das gilt noch mehr für das anschließende "Shut Up Sheila". Mit dieser so originellen wie kessen Textzeile steigt Ashley McBryde gleich mal in den Track ein, garniert von etlichem Studio-Gimmick, wie: Synthie-Loops, Phasing und Drum-Computer. Eine Akustik-Gitarre, als tragendes Instrument, sorgt für den erdigen Gegenpol. Genau wie die herzerwärmende Naturgewalt-Stimme der 36-Jährigern aus Arkansas. Doch Vorsicht. So geht der Song los - doch er endet völlig anders. Schon nach einer Minute deutet sich eine Dynamik-Steigerung an. Zunächst noch vorsichtig und verhalten. Man spürt aber: da kommt noch was. Nach zwei Minuten bekommt der von Nicolette Hayford und Charles Chisholm geschriebene Track einen ganz anderen Drive, einen völlig anderen Punch. Plötzlich sägen rasierklingenscharfe Gitarren-Riffs durchs Gehölz, die Drums wummern einen tonnenschweren Beat und ein Gitarren-Solo lässt an Stadion-Rock denken.

Aus wieder einem anderen Holz ist der nächste Song geschnitzt. Man könnte sagen: aus Retro-Holz. Denn "First Thing I Reach For" ist mit seiner klagenden Pedal-Steel und den zirpenden Banjo-Klängen ganz in bester 90er-Jahre-Country-Tradition gehalten. Wer einst Wynonna, Martina McBride oder Mary Chapin Carpenter mochte, wird diesen Track lieben und sich vermutlich mehr Songs aus dieser Abteilung wünschen.

Vielleicht hat diese Kundschaft auch Probleme mit dem anschließenden Track "Voo Doo Doll". Denn der in "ruhige Strophe - donnernder Refrain" unterteilte Song zeigt die Sängerin von ihrer bis Dato wohl rockigsten Seite. Ein Track, der auch Kelly Clarkson oder P!nk bestens zu Gesicht stehen würde.

Wer wissen will, was in Ashley McBryde alles an Gesangskunst und Ausdruckskraft steckt, sollte lieber in ruhigere, von akustischen Instrumenten dominierte Songs wie "Sparrow" oder - vor allem - in das wunderschöne "Stone" reinhören. Hier wird die hohe Kunst dieser Ausnahmekünstlerin am deutlichsten. Doch wie Ashley McBryde erwähnte, gehören mehrere Facetten zu ihr. Darunter findet sich auch, und das ist überraschend, eine dezent glamouröse Ausprägung ihrer Persönlichkeit. In dem Titel "Martha Divine" ähnelt sie an den kecken Country-Pop der frühen Shania Twain. Ein netter Song. Nicht mehr, nicht weniger - und damit der Qualitäts-Ausrutscher der CD.

Zum Ende des Albums reiht sie noch einmal zwei Musik-Pole aneinander. Den herzerwärmend rockenden Titeltrack und das Sound- und Rap-Geplänkel von "Styrofoam". Ja, liebe Leser und Leserinnen, richtig gelesen, Ashley McBryde widmet dem Baustoff Styropor (diese weißen leichten Platten) einen Song. So originell wie das Thema, ist auch die Umsetzung: Selten gingen Moderne und Tradition schöner Hand in Hand, als hier.

Fazit: Ashley McBryde gelingt mit "Never Will" ein vielschichtiges, abwechslungsreiches und qualitativ hochwertiges Album, mit wenig Schwächen.

Label: Warner Bros. Nashville (Warner) VÖ: 10. April 2020
01 Hang In There Girl
02 One Night Standards
03 Shut Up Sheila
04 First Thing I Reach For
05 Voodoo Doll
06 Sparrow
07 Martha Divine
08 Velvet Red
09 Stone
10 Never Will
11 Styrofoam
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ralffred antwortete auf das Thema:
3 Jahre 10 Monate her
ralffreds Avatar
Wow, was für ein Album. Die kräftige Stimme von Asley überzeugt im ganzen Album, welches ein Höhepunkt für alle real Countryfans ist. Anhören, anhören, anhören.
Von mir ganz klar: 5 Sterne

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