
"Der weiße Büffel" ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahre 1977, der unter der Regie von J. Lee Thompson entstand. Drehbuchautor Richard Sale schrieb auch die zwei Jahre zuvor veröffentlichte gleichnamige Romanvorlage. In den Hauptrollen sind Charles Bronson, Jack Warden und Will Sampson zu sehen.
Western und Charles Bronson? Eine Verbindung so natürlich wie der Pulverdampf nach einem Duell. Aber Charles Bronson, Western und ein mörderischer, weißer Riesenbüffel? Gemeinhin nennt man das wohl eine überraschende Zusammenstellung. Doch nach dem Erfolg von "Der weiße Hai" suchte jeder Filmproduzent aufgeregt nach seinem monsterhaften Stoff. Und so landete ein Roman von Richard Sale auf dem Schreibtisch der italienischen Produzentenlegende Dino de Laurentiis: "Der weiße Büffel".
Richard Sale begann seine Karriere in den 1930er-Jahren mit Pulp-Kurzgeschichten, die vor allem in Magazinen wie "Argosy" oder "Detective Fiction Weekly" erschienen. Bald folgten erste Romane - meist Krimis oder Abenteuerstoffe -, ehe er in den 1940ern als Drehbuchautor in Hollywood Fuß fasste. Sale galt als zuverlässiger Auftragsautor, der seine Bücher termingerecht ablieferte und sich sicher im Studiosystem bewegte. 1950 durfte er erstmals auch Regie führen - bei der Westernkomödie "Ein Ticket nach Tomahawk", die er gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau Mary Loos geschrieben hatte. Die Komödie, in der eine damals noch vollkommen unbekannte junge Hollywoodschönheit namens Marylin Monroe eine kleine Nebenrolle spielte, entwickelte sich in den USA zu einem Überraschungshit, der weitaus mehr Aufmerksamkeit auf sich zog, als erhofft. Das öffnete ihm weitere Türen und Sale galt, wie man später sagen sollte, als heiß. Er drehte weitere Komödien und schrieb das Drehbuch zu dem Thriller "Der Attentäter" (1955) mit Frank Sinatra, einem heute fast vergessenen Noir, der seinerzeit jedoch die Kassen klingeln ließ.
Mit "Der weiße Büffel" verfasste er 1975 schließlich einen Roman, der sehr schnell das Interesse seines alten Arbeitgebers Hollywood weckte. 1975 war das Jahr eines weißen Hais, der weltweit dem Publikum das Fürchten lehrte. Genau an dem Punkt kam "Der weiße Büffel" im genau richtigen Moment in die Regale. "Der weiße Hai" erzählt in seinem letzten Akt eine fast schon mythische Geschichte über den Kampf dreier Männer gegen einen einzelnen Hai. Das hat "Moby Dick"-Vibes. Richard Sales hat zu seinen Lebzeiten keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich bei seiner Geschichte gleichfalls an "Moby Dick" orientiert hat. Nur im Rahmen eines - Westerns!
"Der weiße Büffel" ist ein Western, ein Monsterfilm, ein Psychodrama - und irgendwo dazwischen ein Gleichnis über Traumata, Schuld und die Gewalt der amerikanischen Geschichte. Seine ganz eigene Geschichte beginnt mit dem Lakota-Häuptling Crazy Horse (Will Sampson), der sich auf der Jagd befindet, als eines Nachts ein riesiger weißer Büffel durch sein Dorf tobt und dabei seine kleine Tochter tötet. Als Crazy Horse zurückkehrt und öffentlich trauert - laut, ungezügelt, voller Schmerz -, widerspricht das den Erwartungen an einen "echten Mann" und erst recht an einen Häuptling. Seine Stammesbrüder verstoßen ihn für dieses Verhalten. Zurückkehren darf er erst, wenn er das übernatürlich anmutende Tier zur Strecke gebracht hat.
Auf der anderen Seite steht die Reise von Wild Bill Hickok (Charles Bronson), einem Revolverhelden, einer lebenden Legende des Wilden Westens. Warum er reist? Weil ihn Albträume verfolgen, denen er auf dieser Reise zu entkommen hofft. In seinen Träumen wird er immer wieder von einem weißen Büffel heimgesucht - einer Kreatur, die ihn nicht nur nachts quält, sondern zunehmend sein ganzes Denken beherrscht. Hickok erkennt, dass er das Tier töten muss, um inneren Frieden zu finden. Der Büffel steht dabei nicht nur für eine reale Bedrohung, sondern symbolisiert die Schatten seiner Vergangenheit - die Gewalt, die er ausgeübt hat, die Männer, die er getötet hat, die Schuld, die ihn nicht loslässt. In der Konfrontation mit dem Tier sucht Hickok keine Jagdtrophäe, sondern eine Art seelische Reinigung: Erst wenn das Monster tot ist, so glaubt er, wird auch der Spuk in seinem Inneren enden.
Die Motive von Crazy Horse und Hickok könnten unterschiedlicher nicht sein, und doch sind sie auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden - zwei Männer auf der Jagd nach demselben Mythos, getrieben von Schuld, Angst und dem Bedürfnis nach Erlösung.
Regisseur J. Lee Thompson, der mit "Die Kanonen von Navarone" (1961) einen der ersten modernen Actionfilme inszeniert hat und später zum bevorzugten Regisseur Charles Bronsons wurde (gemeinsam drehten sie neun Filme, darunter "Murphy's Law"), bewegt sich hier weit außerhalb seiner üblichen Genre-Komfortzone. "Der weiße Büffel" ist ein Western, der alles bietet, was ein ordentlicher Western zu bieten hat - mit rauen Männerfiguren, dreckigen Saloons und einer ganzen Menge recht bleihaltiger Duelle (denn wo die Legende Wild Bill auftaucht, trifft er alte Feinde oder junge Gunslinger, die sich einen Namen machen wollen). Aber darunter brodelt eine andere Geschichte - über Männer, die nicht mehr wissen, wer sie wirklich sind, über eine Welt, die von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird, und über die Unfähigkeit, Schmerz anders zu verarbeiten als durch Gewalt.
Charles Bronson zeigt dabei eine überraschend vielschichtige Performance. Sein Wild Bill ist kein strahlender Held, sondern ein ruheloser Wanderer zwischen Mythos und Selbsthass. Er spricht wenig, aber die Schatten in seinem Gesicht erzählen ganze Romane. Die Albträume, die ihn quälen, sind nicht nur Visionen eines monströsen Tieres, sondern Spiegel seiner eigenen Vergehen. Der weiße Büffel wird so zur Projektionsfläche kollektiver wie individueller Schuld - ein unbesiegbares, fast metaphysisches Wesen.
EDoch gerade in den Momenten, in denen der Film am stärksten auf sein zentrales Symbol zusteuert - den titelgebenden Büffel - offenbaren sich seine Schwächen. Sämtliche Szenen mit dem Tier wurden aus Budgetgründen vollständig im Studio gedreht und obwohl Thompson mit allen Mitteln der Inszenierung arbeitet - schnelle Schnitte, extreme Nahaufnahmen, Nebelmaschinen, rückwärtige Projektionen -, kann er nicht verbergen, dass das Monster immer wieder wie ein animatronischer Freizeitpark-Büffel aussieht. Das Rehbeinige, zuweilen unbeholfene Design der Kreatur kollidiert mit der Schwere der Thematik. Hier will der Film mehr, als er technisch leisten kann. Dennoch: Trotz dieser Brüche ist "Der weiße Büffel" ein faszinierendes Kuriosum. Er zitiert offen Motive aus "Moby Dick", überträgt die obsessive Jagd Captain Ahabs auf den Wilden Westen, spielt mit mythologischen Versatzstücken und wagt sich in symbolträchtige Tiefen vor, von denen die meisten Westernregisseure zu jener Zeit nicht einmal wussten, dass sie existieren. Zwischen Revolverduellen, inneren Monologen und tragischen Figurenporträts gelingt "The Wild Buffalo" ein eigenes, schwer zu kategorisierendes Kino.
"The Wild Buffalo" ist ein faszinierender Fiebertraum: holprig, gewagt, nicht frei von Fehlern – aber gerade dadurch absolut sehenswert. Für die Rolle des Crazy Horse wurde seinerzeit der Schauspieler Will Sampson (1933 - 1987) engagiert, der in der Rolle des vermeintlich stummen Häuptlings Bromden im Drama "Einer flog über das Kuckucksnest" bekannt wurde. Er spielte im gleichen Jahr auch eine Hauptrolle in dem ebenfalls von Dino de Laurentiis produzierten "Orca, der Killerwal", der gleichfalls Motive "Moby Dicks" verarbeitet.
Während "Der weiße Büffel" in den USA kein nennenswerter Erfolg war und von der Kritik wenig Liebe erfuhr, lockte er alleine in Deutschland über 500.000 Zuschauer in die Kinos - ein beachtliches Ergebnis für einen Western mit fantastischen Elementen in einer Zeit, in der das Genre als überholt und aus der Zeit gefallen galt.
Der Grund dafür dürfte der enormen Popularität von Charles Bronson in Europa zu jener Zeit zu verdanken sein, die seine Popularität in seiner amerikanischen Heimat bei Weitem übertraf. Besonders im deutschsprachigen Raum galt Bronson seit Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" (1968) als Ikone des wortkargen, eisenharten Einzelgängers. In diesem Italowestern-Klassiker spielte er den geheimnisvollen "Mundharmonika"-Mann - eine Rolle, die ihn in Europa zum Mythos machte und seiner Karriere einen ganz eigenen internationalen Schub verlieh. Während er in den USA oft auf Rollen im B-Actionbereich reduziert wurde, wurde er in Europa mit fast kultischer Verehrung gefeiert - als Archetyp des tragischen Helden, als Symbol einer Männlichkeit, die schweigt, leidet und notfalls zur Waffe greift.
Nun liegt die Kinoaufführung des Films in Deutschland bald 50 Jahre zurück - und ein Klassiker vom Schlage "Spiel mir das Lied vom Tod" ist "Der weiße Büffel" sicherlich nicht geworden. Umso bemerkenswerter ist es, mit welcher Sorgfalt und Akribie der Verleiher die Wiederveröffentlichung des Films angegangen ist. Die Neuauflage erscheint nicht nur in einem ansprechend gestalteten Mediabook mit ausführlichem Booklet, auch die Blu-ray selbst wurde technisch überzeugend restauriert. Dabei gelang der Balanceakt, den klassischen, grobkörnigen Kino-Look zu bewahren, ohne dem Bild durch digitale Überschärfung die Atmosphäre zu rauben. Gleichzeitig wurden Farben und Kontraste so angepasst, dass der Film auch auf modernen Flachbildschirmen hervorragend zur Geltung kommt. Eine gelungene Adaption nicht nur für einen Film über die Jagd auf einen mystischen, weißen Büffel …
Fazit: "The Guy and the Girl" haben mit "Once" für Furore gesorgt. Ein kleiner Film mit großer Wirkung. Vor allem die Folk Rock-Songs treffen mitten ins Herz und geben dem Publikum ein Gefühl von Intimität und Wohlsein.