Maren Morris - Humble Quest

CD Cover: Maren Morris - Humble Quest

Maren Morris neues Album "Humble Quest": Folk- und Country-Rock und Americana

Sehr guter Titel: "Humble Quest" (Bescheidene Frage). Tja, was wird denn Maren Morris so bescheiden anfragen? Ob sie die beste junge Country-Sängerin ist? Ob sie eine talentierte Songwriterin ist? Oder ob bei ihr einfach Talent, Geist und attraktives Aussehen in seltener Perfektion zusammenkommen? Vielleicht – und das scheint nicht die unwahrscheinlichste Option zu sein – vielleicht ist die demnächst 32 Jahre alt werdende Texanerin einfach mit einem in Nashville selten zu bestaunenden Mutterwitz gesegnet. Es scheint: sie kann über sich selbst lachen, sie nimmt sie nicht sooo furchtbar ernst und wichtig.

Maren Morris geht auf "Humble Quest" ihren eigenen Weg

Diese Vermutung unterstützt auch das längst millionenfach geklickte Video zur ersten Single-Auskopplung von "Humble Quest": "Circles Around This Town". Wie sich die Country-Sängerin hier selbst auf die Schippe nimmt, trotzdem aber pointenreich erzählt, wie es einem ergeht, wenn man in Nashville Fuß fassen möchte, ist einfach köstlich! Wie es scheint, hat ihren Ruhm sehr gut verkraftet. Selbstverständlich ist das nicht. Schließlich wollte die aus Dallas stammende Sängerin in ihrem ganzen Leben nie etwas anderes werden als Country-Star. Schließlich war sie kaum 20 Jahre alt, da hat sie schon drei Alben mit größtenteils selbstgeschriebenen Songs veröffentlicht (ihr erstes, "Walk On", übrigens bereits mit 15 Jahren!). Okay, die Alben floppten. Entmutigen ließ sie sich davon aber nicht. Im Gegenteil.

2015 veröffentlichte sie den Track "My Church" und von da an nahm ihre Karriere rasant Fahrt auf. Heute, sieben Jahre später, blickt sie auf zwei überaus erfolgreiche Alben (jeweils Nummer eins in den Country-, Top 5 in den Pop-Charts), verschiedenen gewagten Kooperationen sowie auf einige der renommiertesten Awards (CMA, Grammy) zurück. Mit "Humble Quest" wird Maren Morris diesen Kurs, dafür muss man nicht im Kaffeesatz lesen, fortsetzen.

Erstaunlicherweise aber nicht mit den üblichen Mitteln: Nicht mit den gängigen Songs und Sounds, nicht mit den so vertrauten (wie mittlerweile langweiligen) Themen. Maren Morris ist anders. Sie setzt nicht auf die bewährte Hit-Karte, sondern geht - mitunter - volles Risiko. Das Überraschungsmoment ist ihr deshalb auf einigen der elf neuen Tracks sicher. Noch nicht unbedingt beim Opener, der Single-Auskopplung "Circles Around This Town", den sie musikalisch sehr entspannt und lässig anlegt, der letztlich aber vor allem ein netter Song ist. Doch bereits mit dem zweiten Track "The Furthest Thing" zeigt sie, was in ihr steckt und welchen musikalischen Radius die frischgebackene Mutter zu bedienen vermag: ein großartiger Folk-Song, feenhaft verträumt, geheimnisvoll, großartig gesungen und mit Akkorden ausgestattet, die von großer Meisterschaft zeugen. Ein erstes fettes Ausrufezeichen der CD!

Diese hohe Messlatte lässt sich natürlich nicht mit jedem Song nehmen. Kaum einem Act gelingt das. Nein, zwischen den Glanzlichtern dürfen gerne auch weniger imposante Song-Perlen schimmern. Titel wie das - trotz harscher Message - völlig entspannt klingende "I Can't Love You Anymore" oder das im heftigen Off-Beat rockende "Nervous" oder der im oberen Midtempo-Bereich angesiedelte, dazu entfernt an Lady A erinnernde Titeltrack. Das sind keine großen Song-Aufreger, aber sie besitzen Klasse und Charme. Und sie stellen eine Sängerin in den Mittelpunkt, die über jeden Zweifel erhaben ist.

"Humble Quest" bietet einige Song-Überraschungen

Letzteres gilt vor allem auch für den Song "Background Music". Ein runtergedimmter, im Zeitlupentempo angelegter Track. Viel Klavier. Balladesk. Wieder denkt man an die hellsten Momente von Lady A. Aber auch an Fleetwood Mac oder an die Civil Wars. Zunächst zumindest. Nach dem zweiten Refrain aber lässt Maren Morris ihrer Power freien Lauf. Nicht alles niederkreischend (wie es leider Jennifer Nettles von Sugarland immer wieder gemacht hat), sondern sparsam, damit aber umso effektvoller dosiert. Hohe Schule! Großes Kino!

In der zweiten CD-Hälfte gelingen ihr weitere Überraschungen. Eine davon heißt "Tall Guys". Ein rockiger Track, aber auch ein souliger. Vor allem weil Morris hier stimmlich eine andere Klangfarbe annimmt, ein Sound, eine Intonation, die glatt an Amy Winehouse denken lässt. Mit "Detour" serviert sie - krasser Kontrast - dagegen einen Song, der atmosphärisch an den Fleetwood Mac-Meilenstein "Landslide" erinnert und mit "Hummingbird" präsentiert sie einen ruhigen, ganz von einer akustischen Gitarren geprägten, gleichzeitig düsteren wie herzerwärmenden Americana-Track.

Mit der Klavier-Ballade "What Would This World Do?” beendet sie nicht nur das großartige, von Greg Kursting (u.a. Adele, Kelly Clarkson) produzierte Album - sie wirft damit auch eine nicht gerade bescheidene Frage auf.

Fazit: Großes Kino von der jungen Künstlerin: Maren Morris beweist mit "Humble Quest", dass sie zu den talentiertesten Acts in Nashville gehört - und, wie Songs und Darbietung beweisen, auch zu den schlausten und sympathischsten.

Label: Columbia Nashville (Sony) VÖ: 25. März 2022
01 Circles Around This Town
02 The Furthest Thing
03 I Can't Love You Anymore
04 Humble Quest
05 Background Music
06 Nervous
07 Tall Guys
08 Detour
09 Hummingbird
10 Good Friends
11 What Would This World Do

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