T Bone Burnett: Hohepriester des Country-Soundtracks

T Bone Burnett

Wenn es in den letzten zehn Jahren einen Film gab, dessen Identität mit American Roots Music gekoppelt war – mit Country, Western, Blues, Bluegrass, Folk – dann stand auf dem Soundtrack garantiert ein Name: T Bone Burnett. "O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee" (2000), "Unterwegs nach Cold Mountain" (2003), "Walk The Line" (2005), alle tragen seinen Stempel. Burnetts jüngster Erfolg: "Crazy Heart" (2009) mit Jeff Bridges. Den Soundtrack produzierte er gemeinsam mit seinem verstorbenen Freund Stephen Bruton. Der Theme-Song "The Weary Kind" (von Burnett und Ryan Bingham) könnte ihm jetzt den Oscar einbringen.

Sieht man sich den Produzenten, Singer/Songwriter und Komponisten T Bone Burnett auf PR-Fotos an und denkt sich Gitarre und Sonnenbrille weg, könnte man ihn auch für einen Prediger aus dem Wilden Westen halten. Akkurater Scheitel, hochgeschlossene Kutte, ganz in schwarz. Kein Wunder also, dass er seine Vorgehensweise ans Musikmachen simpel und klar in einem Satz ausdrückt, als würde er die Bibel zitieren: "Just listen until it sounds right". Aha, so einfach ist das also. Und weil Burnett bereits sein Leben lang auf den Spuren der musikalischen Wurzeln der USA wandelt, fallen die Ergebnisse entsprechend traditionell aus.

O Brother Where Art ThouObwohl er seit den frühen 70er Jahren eigene Alben veröffentlicht, in Bob Dylans "Rolling Thunder"-Revue als Gitarrist dabei war und in der Folgezeit Künstler wie Los Lobos, Elvis Costello, Gillian Welch und Ralph Stanley produziert hat, kennt man T Bone Burnett seit dem Jahr 2000 vor allem als Mastermind genialer Country-Soundtracks. Da erschien die Südstaaten-Groteske "O Brother, Where Art Thou? – Eine Mississippi-Odyssee" der Coen-Brüdern und dessen Filmmusik entwickelte sich zu einem kulturellen Phänomen. Rund 9 Millionen Mal verkaufte sich das von Burnett konzipierte und produzierte Album. Zahlreiche Grammys folgten. Ausgerechnet Hillybilly und Bluegrass, vermeintlich uncoole Hinterwäldlermusik, wurde zum Soundtrack des neuen Jahrtausends.

Crazy Heart

Seinen außerordentlichen Sinn für den richtigen Song im richtigen Moment bewies er allerdings bereits zwei Jahre vorher: als Musikarchivar der Kultkomödie "The Big Lebowski", ebenfalls von den Coen-Brüdern und mit "Crazy Heart"-Star Jeff Bridges in der Hauptrolle. Die Sons of the Pioneers leiten mit dem klassischen Westernsong "Tumbling Tumbleweeds" das mythische Märchen vom Dude ein, der sich schließlich zu den psychedelischen Klängen von Kenny Rogers & The First Edition volldröhnt.

Bereits da zeigte sich, dass Burnett weiß, wie man Bilder musikalisch genial ergänzt. Dabei kann er auf ein unerschöpfliches Archiv zurückgreifen: sein musikalisches Gedächtnis. John Mellencamp sagt über den Produzenten seines Albums "Live Death Love Freedom" (2008), Burnett wisse mehr über traditionelle amerikanische Musik als sonst jemand, den er kenne.

Aber nicht nur das. T Bone Burnett versteht es, Songs zusammenzustellen, die einem Film musikalische Authentizität verleihen, aber auch unabhängig davon einen attraktiven Mix ergeben. Bei dem Südstaatendrama "Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern" (2002) waren die Songs von Jimmy Reed über Alison Krauss bis zu Cajun und Blues gar das Beste am ganzen Film.

Ebenso bei Burnetts dritter Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern, dem lauen Remake von "Ladykillers" (2004), dem er mit Traditionals, Blues- und Gospel-Songs wenigstens musikalisch etwas Pep verlieh. Wim Wenders’ Neo-Western "Don't Come Knocking" (2005) erhielt durch seinen Score und Originalsongs erst die flirrend fiebrige Atmosphäre.

Triumphe feierte Burnett mit Anthony Minghellas Bürgerkriegsepos "Unterwegs nach Cold Mountain" (2003) und dem Cash-Biopic "Walk The Line" (2005). Für "Cold Mountain" erhielt er seine erste Oscarnominierung: als Co-Autor des Songs "The Scarlet Tide", den er gemeinsam mit Elvis Costello schrieb und der von Alison Krauss gesungen wurde. Und für den Soundtrack zu "Walk The Line", den er produzierte und auch den Score komponierte, gewann er abermals einen Grammy.

Walk The Line

Beides sind ausgezeichnete Beispiele für Burnetts Gespür, eine Epoche musikalisch aufleben zu lassen. Man fühlt sich förmlich in den amerikanischen Bürgerkrieg versetzt, wenn Jack White (von den White Stripes) und Brendan Gleeson am Lagerfeuer alte Volksweisen singen. Und Johnny Cashs Ära feiert in "Walk The Line" auch musikalisch eine fulminante Auferstehung.

Bei Burnetts jüngstem Coup, "Crazy Heart", bestand die Herausforderung darin, der Hauptfigur Bad Blake überhaupt erst eine musikalische Biografie zu geben. Herausgekommen ist eine wunderbare Mischung aus Originalsongs, die problemlos als Blakes vermeintliche Hits durchgehen, und Country-Klassikern, die Blakes Leben und seinen musikalischen Background illustrieren.

Fest steht eines: Produziert T Bone Burnett ein Album, egal, ob es sich um einen Soundtrack oder das eines Künstlers handelt, kann man bedenkenlos zugreifen. Der Fachmann für American Roots Music bürgt für höchste Qualität. Beispielsweise vor zwei Jahren mit dem bahnbrechenden Meisterwerk "Raising Sand" von Robert Plant & Alison Krauss. Und in diesem Jahr kommt noch einiges auf uns zu: die von Burnett produzierten Alben von Willie Nelson, Steve Earle, Jakob Dylan, Gregg Allman und Ryan Bingham.

Aber auch das nächste vielversprechende Filmprojekt ist in Sicht: Derzeit arbeitet Burnett an einer TV-Serie, die "Tough Trade" heißt, und in der es um eine verkorkste Familie aus Nashville geht, die seit drei Generationen im Country-Business tätig ist. Klingt wie eine perfekte Spielwiese für den unermüdlichen Prediger des Country-Evangeliums. Und sie wird einmal mehr dafür sorgen, dass die Schar seiner Jünger unaufhörlich wächst.

vgw
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