Collage: Constantin FrankeBei den Oscars von 2008 wurde es überdeutlich: Hollywood liebt derzeit Western. Vier Hauptpreise gingen an den Neo-Western "No Country for Old Men" (darunter die Oscars für den besten Film und die beste Regie), zwei gewann das wuchtige Westerndrama "There Will Be Blood" (darunter der Oscar für den besten Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis), und Brad Pitts "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford"-Studie war für zwei der Hauptpreise nominiert (darunter Robert-Ford-Darsteller Casey Affleck für die beste Nebenrolle). Von wegen, der Western ist tot! Als düsterer Kommentar auf die Gegenwart ist er lebendiger denn je. Und Country- der Western für die Ohren -spielt in Hollywood auch eine immer größere Rolle.

Wer gern Country hört und Western guckt, folgt einer Sehnsucht, soviel steht fest. Einem Faible für die amerikanische Landschaft, den Mythos vom Wilden Westen, die vielbeschworene Freiheit und die häufig zitierten unbegrenzten Möglichkeiten. Doch die Zeiten, in denen Country mit sturem Konservativismus und Western mit eindimensionalen Helden John-Wayne'scher Prägung gleichzusetzen waren, sind ferner denn je. Neue Stars wie Teddy Thompson oder Bush-Basher wie die Dixie Chicks haben dem Country eine Frischzellenkur verpasst, und jemand wie Cash hat mit seiner Coolness maßgeblich zu einem Image-Wandel beigetragen. In Deutschland haben außerdem Bands wie The BossHoss und Texas Lightning dafür gesorgt, dass man Country mittlerweile hören kann, ohne sofort als Redneck abgestempelt zu werden. Und die neuen Western wie "Brokeback Mountain" oder "Three Burials..." suchen ihre Geschichten zwar immer noch in der Weite des Landes, erzählen aber gleichzeitig von der Engstirnigkeit ihrer Bewohner. Die Erzählform des Western eignet sich offenbar besonders gut, um den Mythos von Amerika anzukratzen.

Countrysongs und Hollywood- gibt es etwas amerikanischeres in der Kunst? Einer, der beides zusammengebracht hat, ist Jonny Cash, wenn auch posthum. Mit dem Biopic "Walk the Line" hat er dafür gesorgt, dass Country in der Filmindustrie eine gewaltige Rolle spielt. Fünf Oscarnominierungen 2006 (Reese Witherspoon gewann die Trophäe), 120 Millionen Dollar Einspielergebnis in den USA, über 1,6 Millionen Zuschauer in Deutschland. Im selben Jahr konnte sich übrigens Dolly Parton über eine Nominierung für ihren Song "Travelin' Thru" aus dem Film "Transamerica" freuen, und Stars wie Tim McGraw ("Flicka") und Toby Keith ("Broken Bridges") drängte es plötzlich vor die Kamera. McGraw kommt Ende des Jahres mit der Komödie "Four Christmases" ins Kino, in der außerdem Reese Witherspoon und Dwight Yoakam mitspielen. Keith dreht derzeit die Westernkomödie "Beer For My Horses", die auf dem gleichnamigen Countrysong basiert. Keine Frage: Country sitzt in Hollywood längst fest im Sattel.

Viel interessanter als diese Filme, die in erster Linie das Crossover-Potenzial zwischen Country und Kino beweisen, ist die derzeitige Westernwelle. Country für die Augen. Mit düsteren, trostlosen Blick auf Amerika setzen sich Hollywoods Filmemacher kritisch mit ihrem Land auseinander, indem sie geschickt das amerikanischste aller Filmgenres wiederbeleben. Ein Fest für Westernfans. 1992 feierte Clint Eastwood mit "Erbarmungslos" (1992) noch einen einsamen Oscar-Triumph, denn sein Film war allein auf weiter Flur. Heute befände er sich mit seinem fatalistischen Spätwestern in bester Gesellschaft: "No Country for Old Men" von den Coen-Brüdern zeigt die USA um 1980 als gewalttätiges, unwirtliches Land ohne Hoffnung. In Paul Thomas Andersons alttestamentarischem "There Will Be Blood" liefern sich Kirche und Kapital im Kalifornien zu Anfang des 20. Jahrhunderts grausame Machtkämpfe. Ölbaron Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis) wirkt dabei in seiner skrupellosen Unmenschlichkeit wie die überzeichnete Personifizierung sehr zeitgemäßer "Heuschrecken"-Mentalität. Brad Pitt zertrümmert - grandios bebildert - den Mythos vom edlen Robin-Hood-Bankräuber "Jesse James", der bei ihm zu einem selbstmordgefährdeten Paranoiker mutiert. "Todeszug nach Yuma" und "Seraphim Falls" schließlich sind eher schlichte, klassische Western. Aber ersteren darf man dafür getrost zu den besten Actionfilmen von 2007 zählen.

Soviel Western war schon lange nicht mehr. Wer jedoch auch auf den Soundtracks Country erwartet, dürfte eher enttäuscht sein. In den Neo-Western spielt er so gut wie keine Rolle. Doch auch da ist auf Hollywood Verlass, denn ein neuer Coup steht schon in den Startlöchern: Mitte März kommt bei uns "Walk Hard: Die Dewey Cox Story" in die Kinos. Eine Parodie auf Rockstar-Biografien, die Filme wie "Walk the Line" kräftig verarscht. Ein Vergnügen mit großartigen Songs und Gästen wie Lyle Lovett. Als wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte: Hollywood liebt derzeit nicht nur Western, sondern auch Country.

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