Jaime Wyatt - Neon Cross

CD Cover: Jaime Wyatt - Neon Cross

Jamie Wyatt ist eine Ausnahmeerscheinung, die "Neon Cross" ein starkes Album vorlegt.

Die Musik-Annalen sind voll von guten Geschichten, von Erweckungs- und Auferstehungs-Stories, von Karrieren, die durch Zufall oder erst sehr spät im Leben in die Gänge kamen. Jamie Wyatts Werdegang fügt sich perfekt in diese dramatischen, filmreifen Biografien ein. Schließlich hat die dunkelhaarige Sängerin mit der noch dunkleren Stimme jede Menge Ups und noch mehr Downs zu bieten: Aufgewachsen auf einer gottverlassenen Insel im Bundesstaat Washington zog sie mit ihrer Familie nach Kalifornien - wo sie bereits mit 17 Jahren bemerkenswerte musikalische Erfolge feiern konnte (Plattenvertrag inklusive).

Jamie Wyatt: toughe und einfühlsame Lady

Ihre an Shery Crow erinnernden Songs fanden sich schnurstracks auf einigen Film- und TV-Soundtracks, darunter der 2004 erschienene Soundtrack zu "Wicker Park" (gemeinsam mit The White Stripes und Snow Patrol). Nachdem sie ihren Plattenvertrag verlor, trat sie vor allem live auf - doch ihre Drogenprobleme wurden immer schlimmer. Als sie dann auch noch ihren Dealer überfiel, landete sie schließlich für acht Monate im Gefängnis. Toughe Lady? Aber Hallo! Davon konnte man sich auch in ihrem 2017 erschienenen Debüt-Album "Felony Blues" überzeugen, in dem sie freiherzig über ihre Suchtprobleme, Depressionen aber - sehr erfreulich - auch über ihren Weg zurück ins normale Leben sang. Resultat: die Kritiker liebten sie auf Anhieb. Zum großen kommerziellen Wurf reichte es aber nicht.

Das soll nun "Neon Cross", ihr zweites Album richten. Mit dabei behilflich: Shooter Jennings. Der Sohn vom legendären Waylon ist, nach zwei Grammys (für Brandi Carliles "By The Way, I Forgive You" und Tanya Tuckers "While I'm Livin'") gerade der Mann der Stunde in Nashville - für Jamie Wyatt aber wohl nicht nur deshalb der ideale Partner. Denn Shooter Jennings ist der Umgang mit, sagen wir, etwas komplizierten Personen vertraut. Er ist einfühlsam, gleichzeitig hartnäckig und entschlossen. Eine Mischung, die aus sensiblen Künstlerseelen das Optimum herauskitzeln kann. Dazu ist Shooter ein großartiger Musiker mit gutem Geschmack und top Kontakten. Das alles ist höchst hilfreich…

"Neon Cross" - von Shooter Jennings exzellent produziert

"Neon Cross" schreibt nun die Geschichte von Jamie Wyatt weiter. Das Album markiert ein Kapitel, in dem die Künstlerin ihre Dämonen und ihre Ängste zwar noch nicht gänzlich besiegt hat ("Demon Tied to a Chair In My Brain"), in dem sie noch weit entfernt vom braven Country-Girl ist ("Rattlesnake Girl") und in dem sie immer noch für jede Katastrophe gut ist (der Opener "Sweet Mess"). Doch die Katastrophen sind kleiner geworden. Erträglicher, aushaltbarer. Das lässt neuen Lebensmut zu, den sie in dem tollen Track "L I V I N" in großen Lettern kundtut.

Musikalisch haben Jamie Wyatt und Shooter Jennings für ihren Label-Einstand bei New West Records eine großartige Formel gefunden: Klassischen Country, viele Roots- und Vintage-Elemente - aber auch zeitgemäße Pop-Melodien. Wäre der Begriff "zeitlos" nicht so hoffnungslos überstrapaziert, müsste man ihn für "Neon Cross" erneut verwenden. Nun gut: das Album ist von zeitloser Qualität. Dafür sorgen beispielsweise der so fröhliche und unbeschwerte Titeltrack, das an den Stone-Klassiker "Beast Of Burdon" erinnernde "Goodbye Queen" (Single-Auskopplung) oder der Country-Blues "By Your Side". In diesen superlangsamen, wunderschönen Song legt Jamie Wyatt alles was sie in ihrem Leben erdulden und erleiden musste hinein – und schafft damit einen absoluten Song-Volltreffer. Schon alleine dafür sollte man ihr einen Grammy verleihen!

Award-Verdächtig sind noch zwei weitere Songs der CD, zwei Duette. Und was für welche! Bei dem astreinen 70er-Jahre-Country-Song "Hurt So Bad" singt ihr Produzent Shooter Jennings schön dezent im Hintergrund mit. George Jones und Tammy Wynette sind die beiden zwar noch nicht, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden…

Auch im zweiten Doppel teilt sich Jamie Wyatt das Mikro mit einem Mitglied des Jennings-Clans - mit der großen Jessi Colter, Witwe vom übergroßen Waylon Jennings und Shooters Mutter. Schon ohne einen Ton gehört zu haben, berührt dieses generationsübergreifende Gipfeltreffen. Wie schon Shooter hält sich auch Jessi Colter bei dem herrlichen, mit Geigen und Pathos aufgemotzten Retro-Track dezent im Hintergrund. Nur beim Refrain steigt die Grande Dame des Country mit ein. Man wäre bei dieser Session gerne dabei gewesen…

Fazit: Eine Halbe-Halbe-CD: Sie hat viele Hürden in ihrem Leben genommen, um so ein Album vorzulegen: Mit "Neon Cross" gelingt Jamie Wyatt die Meisterprüfung.

Label: New West / PIAS (roughTrade) VÖ: 29. Mai 2020
01 Sweet Mess
02 Neon Cross
03 L I V I N
04 Make Something Outta Me
05 By Your Side
06 Just A Woman
07 Goodbye Queen
08 Mercy
09 Rattlesnake Girl
10 Hurt So Bad (mit Shooter Jennings)
11 Demon Tied to a Chair In My Brain

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