Zumal es Wystrach & Co. musikalisch weitaus weniger riskant angingen. Im Gegenteil: sie berufen sich in ihren Songs auf die Traditionen, sie zitieren George Strait, Dwight Yoakam und die Eagles - und sie schufen mit ihrem Debüt-Album "On The Rocks" einen Sound, der Platz zwei der Country und - man höre und staune - Platz 20 der amerikanischen Pop-Charts eroberte. Midland galt schnell als die heißeste neue Band Nashvilles. Ganz klar: Die Erwartungen an "Let It Roll" sind hoch gesteckt sind...
Midland erfüllen mit "Let It Roll" die hohen Erwartungen
...und so manch einen Act hat das mit den "hohen Erwartungen" bis ins Mark hinein erschreckt. So sehr, dass nur noch Krampfiges oder Überproduziertes oder, um eben bloß nicht als erschreckt zu gelten, Unterproduziertes vorgelegt wurde. Den richtigen Ton, das richtige Maß zu finden, ist bei dieser Aufgabe die Königsdisziplin. Und man kann sagen: Midland nimmt sie mit "Let It Roll" mit Bravour.
Einerseits knüpfen sie mit dem Opener und Titeltrack genau da an, wo ihr Erstlingswerk ausklang. Andererseits zeigt der bunte Dreier, dass sie sich in den zwei Jahren durchaus weiterentwickelt haben: der Sound besitzt heute mehr Tiefe, die Songs (mitunter) mehr Tiefgang. Vor allem aber verströmen die 14 neuen Tracks erneut eine so federleichte, flauschig-unbeschwerte Aura von Freiheit, dass man am liebsten sofort in einem Pickup (gerne auch Cabrio) dem Sonnenuntergang auf einer x-beliebigen Highway entgegen brettern möchte.
Wunschdenken hat bei den Midland System. Die Songs basieren, genau wie schon beim Erstlingswerk, auf Sehnsuchtsmomente, wie sie im modernen Country George Strait und im Pop die Eagles schufen. Musik, die den Hörer träumen lässt und ihn auf eine Reise mitnimmt - mal mit einem Country-Rock-Gefährt wie "Fourteen Gears", mal in eine Bar ("Every Song Is A Drinkin' Song"), einen Nightclub ("Playboys") oder einfach in eine schlaflose Nacht ("Lost In The Night").
Für eine feste Beziehung scheinen die drei Lebemänner jedenfalls weder Zeit noch Lust zu haben. Doch wer jenseits der 30 ist, weiß: Diese Freiheit hat ihren Preis. In Titel wie dem flotten "Mr. Lonely", dem aufgekratzten "Cheatin' Songs" und den gelungenen Balladen "I Love You, Goodbye" und "Put The Hurt On Me" thematisieren sie ihr ruheloses, vielleicht auch mal peinigendes Dasein als vagabundierende Country-Prinzen.
Midland - das ist romantischer Roots-Country mit einem Schuss Ironie
Neben nostalgisch eingefärbtem Country-Pop- und –Rock und hübschen Balladen gehört zum Sound-Signet natürlich auch die überspitzte Geste. Das Augenzwinkern. Das "ist-ja-alles-nicht-so-ernst-gemeint". Für diese Haltung ist seit Dekaden Dwight Yoakam berühmt - und der ist nicht nur Ziehvater ihres Bandnamens ("Fair to Midland"), er ist für das Trio auch eine sprudelnde Inspirationsquelle. Vor allem bei "Every Song's A Drinkin' Song" und bei "Put The Hurt On Me" lässt Mr. Yoakam herzlich grüßen.
Neben der lässig-gefälligen Gangart hält das neue Country-Triumvirat natürlich auch rockige Töne parat, wie zum Beispiel in dem beherzten Southern-Country-Rocker "21st Century Honky Tonk American Band", ein Highlight auf "Let It Roll".
Um stilistisch einen weiteren Bogen spannen zu können und um charttechnisch auf Nummer Sicher zu gehen, engagierte Midland mit den Co-Songautoren und Produzenten Dann Huff, Shane McAnally und Josh Osborne drei Nashville-Schwergewichte mit Hit-Garantie. Wenn da noch was anbrennt, dann sind es die Kippen der drei partyerprobten Paradiesvögel.
Fazit: Nostalgisch, romantisch, augenzwinkernd: Midland haben auf ihrem zweiten Album "Let It Roll" ihren eigenen Sound gefunden. Die Chancen auf Hit stehen bestens.
Label: Big Machine (Universal) | VÖ: 23. August 2019 |
01 | Let It Roll |
02 | Fourteen Gears |
03 | Mr. Lonely |
04 | Cheatin' Songs |
05 | Put The Hurt On Me |
06 | I Love You, Goodbye |
07 | Every Song's A Drinkin' Song |
08 | 21st Century Honky Tonk American Band |
09 | Fast Hearts And Slow Towns |
10 | Cheatin' By The Rules |
11 | Playboys |
12 | Lost In The Night |
13 | Gettin' The Feel |
14 | Roll Away |