Ursprünglich hieß nur die Kleiderordnung bei Feiern und Festen "Gala". Mittlerweile nennen Veranstalter auch eine festliche Vorstellung im Theater oder Kino so, doch wenn die GACMF alljährlich zur "Country-Gala" einlädt, beschleicht einen langsam das Gefühl, der Begriff werde allzu inflationär verwendet.

Gerade eben ging die Ausstrahlung der 14. jährlichen GACMF Awards im MDR-Fernsehen zu Ende - aber mit einer Gala, etwas festlich besonderem, hatte das wenig zu tun. Ein Grund mehr für CountryMusicNews.de, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Die German American Country Music Federation, kurz GACMF, hatte sich seinerzeit vorgenommen, das deutsche Gegenstück der amerikanischen CMA (Country Music Association) zu bilden. Sie wollte Country-Musik in Deutschland fördern, und zwar nationale wie internationale. Nach der aktuellen Veranstaltung müssen wir leider feststellen: Viel ist von diesem Vorsatz nicht geblieben. Seit Jahren verleiht die GACMF nach eigenen Angaben den “Deutschen Country Oscar®” - Oscar®? Nur: Was hat Deutsche Country-Musik mit Hollywood gemein? Müsste man nicht vielmehr vom “Deutschen Country Grammy®” sprechen? Beim Grammy® geht´s wenigstens um Musik. Doch die Begriffsverwirrung war nicht das einzige Durcheinander bei der Show. Auch die diesjährige Gästeliste bestand aus einem ziemlichen Wirrwarr.

Die Olsen Brothers aus Dänemark waren dabei, aber ist das Country? Nein! Das gibt sogar einer der Redakteure der Show unverhohlen zu. Die Verantwortlichen benötigten schlicht einen zugkräftigen Namen, damit die Leute den Fernseher einschalten. Doch wie schafften es dann Franzie und NeuerdingxX in die Sendung? Ganz einfach: NeuerdingxX und der Moderator der GACMF, Uwe Hübner, werden von demselben Managementbüro vertreten. Und der Produzent von Franzies CD “Meine Welt” heißt Bernd Jost, so wie zufälligerweise auch der Autor der Sendung.

Damit hört´s aber keinesfalls auf. Die eingeladenen Interpreten Billie Swan, Joe Sun und Rattlesnake Annie haben alle ein Duett mit Tom Astor aufgenommen, der wiederum einer der führenden Köpfe der GACMF ist. Rattlesnake Annie ist in den letzen fünf Jahren insgesamt dreimal bei der GACMF Country-Gala aufgetreten, nämlich 2002, 2005 und 2006. Das will nun wieder so gar nicht in das Konzept der GACMF passen, die nach eigenen Angaben jährlich ein breit gefächertes Programm mit stets verschiedenen Gästen zusammenstellen will. An Auswahl hat es eigentlich nicht gemangelt: Darryl Worley, Josh Turner, Joe Nichols, The Wilkinsons, Eric Heatherly und Genevieve Spalding hätten gern teilgenommen!

The Wilkinsons kamen nicht einmal in die engere Wahl, dabei verkörpern sie das Sinnbild einer musizierenden Familie. Mit der Newcomerin Genevieve Spalding hätte die GACMF ihrem Anspruch gerecht werden können, junge Talente zu fördern. Eric Heatherly war den Veranstaltern allen Ernstes nicht “Country” genug und wurde abgelehnt. Joe Nichols und Josh Turner wollte man nicht, weil sie in Deutschland völlig unbekannt seien, wie der Redakteur der Sendung argumentierte. Darryl Worley wiederum scheiterte an seinem eigenen Anspruch: Er bestand auf ein Halbplayback, wollte also live singen, während die Musik vom Band kommt. Die Macher der Sendung bestanden jedoch auf dem üblichen Vollplayback.

Diese Künstler hätten ein schönes und abwechslungsreiches Programm garantiert. Darüberhinaus standen zusätzlich Mark Wills, Jessica Andrews, Colin Raye und Tracy Lawrence in den Startlöchern. Doch nachdem die Veranstalter keine weiteren US-Künstler außer Chely Wright wollten, schienen weiteren Verhandlungen und Angebote reine Zeitverschwendung.

Dabei wären alle vorgenannten Künstler sogar ohne Gage aufgetreten, und die Reisekosten hätten zum größten Teil die Plattenfirmen, das Management oder der Künstler selbst getragen. Seit Jahren bekommen US-Country-Künstler zu hören: “Wenn ihr in Deutschland groß rauskommen wollt, müsst ihr im Fernsehen auftreten”. Dass die deutschen Programmmacher kein großes Interesse an Country haben, ist nichts Neues. Grotesk wird es jedoch, wenn selbst eine Sendung wie die GACMF-Country-Gala die entsprechenden Künstler links liegen lässt. Welchen Sinn macht eine solche Veranstaltung dann überhaupt?

Aber das Programm wies noch andere inhaltliche Schwächen auf. So feierte Freddy Quinn, einer der Wegbereiter der Country Musik in Deutschland, am 27. September 2006 seinen 75. Geburtstag. Wäre das nicht eine entsprechende Würdigung wert gewesen? Ja, nicht einmal das Country-Highlight des Jahres überhaupt, das Johnny-Cash-Biopic “Walk The Line”, fand bei der Sendung sonderliche Beachtung.

Dabei war am Anfang sogar noch geplant, dass Johnny Cashs und June Carters Sohn John, der ausführende Produzent des Films, in die Sendung kommen sollte. Die Idee wurde jedoch schnell verworfen, weil sich die Redaktion nicht von der Idee trennen konnte, dass Gunter Gabriel zu Szenen aus “Walk The Line” eine seiner deutschen Cash-Interpretationen singen sollte. Das hätte aber rein rechtlich den Status eines Musikvideos gehabt, und die Produktionsfirma Fox 2000 Pictures war verständlicherweise nicht bereit, etwaige Rechte abzutreten. Grußworte von Cash-Darsteller Joaquin Phoenix und June-Darstellerin Reese Witherspoon waren zu dem Zeitpunkt bereits aufgezeichnet und verschimmeln jetzt vermutlich in den Archiven.

Ein anderer Minuspunkt - die Laudatoren. Warum greift man eigentlich jedes Jahr auf unbekannte Gesichter zurück? Es gibt so viele bekennende Country-Fans in Deutschland. Ok, Thomas Gottschalk fällt aus, der musste im ZDF “Wetten Dass…!?” moderieren. Aber was ist mit Stefan Raab, “Tatort”-Kommisar Dominic Raacke, Frank Schröder (“Schwarzwaldklinik”) oder Victoria Herrmann, die jahrelang das Country-Gesicht des MDR war? Die Liste ließe sich beliebig fortführen, ein gutes Dutzend weiterer Namen würde uns noch einfallen.

Gingen die Verantwortlichen der GACMF mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, könnten sie jedes Jahr eine Country-Gala auf die Beine stellen, die den Namen auch wirklich verdient. Aber selbst bei den Nominierungen haben sich die Macher dieses Jahr ein Armutszeugnis ausgestellt, indem sie die Vorschläge für die “Newcomer des Jahres”-Awards der Redaktion der Zeitschrift “Western Mail” überließen. Die haben sich für folgende Kandidaten entschieden:

Katie Grant ist eine deutsche Sängerin, die zurzeit als “Katie Rocks This Country” durch die Lande tourt. Die Band bezeichnet sich selbst als Shania Twain Tribute Band und steht bei Little Elephant Records unter Vertrag. Das Label gehört der Frau eines Mitherausgebers der “Western Mail”. Das erste eigene Album wurde gerade fertig gestellt, ist aber noch nicht erhältlich.

Mandy Strobel kommt aus Ulm. Er wurde 1949 geboren und hat gerade seine dritte CD ”The Way I Feel" veröffentlicht.

Texas Lightning sind die Durchstarter 2006. Heiligabend 2000 hatte die Band ihren ersten Auftritt und veröffentlichte dieses Jahr mit “Meanwhile, Back at the Ranch” ihre dritte CD.

The Mountaineers gründeten sich 2003 und kommen aus Berlin. 2005 gewann die Kombo den 2. Country Music Förderpreis. Bisher haben sie das Live-Album “Live From the American Western Saloon” und die Benefiz-Single “New Orleans - New Orleans” (ebenfalls auf Little Elephant Records) veröffentlicht. Das erste eigene Studioalbum ist in Arbeit.

Da fragt man sich natürlich: Was ist denn ein Newcomer bzw. wie weit will man den Begriff fassen? Letztes Jahr wurde beispielsweise The Twang ausgezeichnet, die seit rund 10 Jahren bestehen und schon mehrere CDs veröffentlicht haben. Davor entschied man sich für Tommy Roberts, Jr. Der hatte zwar nicht einmal ein Album auf dem Markt, doch ein Redakteur der GACMF-Sendung machte sich damals berechtigte Hoffnungen, die erste CD von Tommy Roberts, Jr. produzieren zu können. Slow Horses andererseits verwehrte man in dem selben Jahr eine Nominierung, da sie angeblich schon zu lange existierten.

Unserer Meinung nach sind die wirklichen Newcomer 2006 The BossHoss. Neu gegründet, brachten sie 2005 ihr erstes Album, “Internashville Urban Hymnes” auf den Markt und bekamen dafür Gold. Ganz nebenbei absolvierten The BossHoss auch noch eine äußerst erfolgreiche Club-Tour.

Auch Dirk Daniels hätte eine Nominierung mehr als verdient gehabt. Am 29. September 2006 veröffentlichte er sein erstes Country-Album “Freiheit” und ist damit einer der Hoffnungsträger für die Deutschsprachige Country-Musik.

Doch The BossHoss und Dirk Daniels suchte man bei den Nominierungen vergeblich.

Ein Auftritt von The BossHoss in der Sendung scheiterte nach Recherche von CountryMusicNews.de an einer viel zu späten Anfrage, so dass die Band bereits einen anderen Termin zugesagt hatte.

Weitere Informationen
Kolumne: Wohin steuert die GACMF?
Gewinner der 14. jährlichen GACMF -Awards
Einschaltquoten der MDR Country-Gala
CD-Besprechung: GACMF Country Awards 2006
CD-Besprechung: Dirk Daniels "Freiheit"
CD-Besprechung: Franzie "Meine Welt"
CD-Besprechung: Chely Wright "Metropolitan Hotel"
CD-Besprechung: Texas Lightning "Meanwhile, Back at the Ranch"
Interview mit Dirk Daniels

Lässt man die Sendung noch einmal Revue passieren, kommt man zu dem Schluss: Eigentlich hätten die Macher Udo Lindenberg einladen müssen. Der ist auch kein Country-Künstler, und sein Klassiker “Alles klar, auf der Andrea Doria” wäre das passende Motto des Abends gewesen. Wie die italienische “Titanic” wirkt auch die GACMF-Country-Gala, immerhin die größte Country-Veranstaltung im Deutschen Fernsehen, zunehmend wie ein sinkendes Schiff. Sollten sich die Verantwortlichen nicht zusammenreißen, dürfte die Sendung früher oder später mangels Interesse untergehen. Und dann bekommt vielleicht nie wieder eine Counrty-Live-Sendung auf einem öffentlich rechtlichen Fernsehkanal eine Chance. Aber sonst war wieder alles klar…

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