Country Made in Germany

Country Made in Germany

Gunter Gabriel, Deutschlands 2017 von Bord gegangener Vorzeige-Cowboy, hat sich 1995 in einem Song die deutsche Country-Gemeinde vorgenommen. Der Titel: "Truck Stop, Tom Astor und ich". Das war eine nett gemeinte Verneigung vor seinen prominenten Genre-Kollegen – ganz fair war das aber nicht. Denn auch schon gut 30 Jahren bestand die Szene nicht nur aus drei Acts. Aber, und das muss man dem hannoverischen Raubein zugutehalten: alle Country-Acts aufzuzählen hätte das auf rund drei Minuten begrenzte Single-Format damals heillos überfordern.

Längst nicht nur Truck Stop und Tom Astor - die hiesige Country-Szene umfasst mehr Künstler

Wie gut, dass sich jetzt die Plattenfirma Electrola entschlossen haben, die hübsch gestaltete 3-CD-Box "Country Made in Germany" unter das Volk zu bringen. Drei Tonträger-Silberlinge, proppevoll mit deutschsprachigen Country- und Western-Songs. Insgesamt finden sich auf dem CD-Trio 71 Titel, interpretiert von nicht ganz so vielen Acts. Gleich mehrere Titel steuern freilich die prominenten Interpreten bei (sie landeten schließlich auch die meisten Hits), aber auch weniger bekannte Formationen wie Rubber Duck, Greyhounds oder Country Green bekommen ihren verdienten Platz eingeräumt.

Country Made in Germany: 3 Alben – 71 Songs

Den Fokus haben die Compiler ganz klar auf die 1980er und 1990er Jahre gelegt. Eine Zeit, in der Country in Deutschland vielleicht sogar mehr Akzeptanz genoss als heute. Zumindest medial. Schließlich gab es damals – man mag das kaum glauben – regelmäßige TV-Formate wie "It's Country Time" (ZDF) und "Kilometer 330" (RTL). PR-Plattformen, von denen heutige Country-Acts nur träumen können. Dazu kamen Trucker-Treffen, Western-Festivals, Line-Dance-Veranstaltungen und ein erstaunlich dichtes Netz aus Country-Clubs zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. Country war damals nicht bloß Nischenmusik, sondern für viele Menschen Ausdruck eines Lebensgefühls: Fernweh, Freiheit, Kameradschaft – und oft auch eine Sehnsucht nach der großen, weiten Welt jenseits deutscher Reihenhaussiedlungen.

Wie früh Country-Musik bereits in Deutschland Fuß fassen konnte, zeigt ausgerechnet ein Künstler, den man eher mit der hohen See in Verbindung bringt: Freddy Quinn. Auf CD 1 der Box stimmt er den urigen, aus den späten 1970er Jahren stammenden C&W-Song "Loreen" an – und beweist damit, dass in der Brust des bald 95-Jährigen das Herz eines echten Westmannes pocht. Eine rare Song-Perle und beileibe nicht die einzige der Zusammenstellung.

CD Cover: Various Artists - Country Made in Germany
 

Überhaupt liegt der besondere Reiz von "Country Made In Germany" darin, dass die Box weit mehr dokumentiert als bloß eine musikalische Modeerscheinung. Sie erzählt von einer eigenwilligen deutschen Variante amerikanischer Country-Kultur. Denn natürlich orientierten sich Truck Stop, Tom Astor, Jonny Hill oder Linda Feller hörbar an Nashville und Bakersfield. Pedal Steel, Fiddle und Twang-Gitarren gehörten zwingend dazu. Doch gleichzeitig entwickelte die hiesige Szene erstaunlich früh ihre eigene Identität. Deutsche Country-Musik handelte eben nicht von texanischen Ranches oder endlosen Highways in Arizona. Sondern von Raststätten an der A7, Staus im Berufsverkehr, vom Malocher-Alltag, vom Bier nach Feierabend und – immer wieder – vom Fernfahrerleben zwischen Hamburg und München.

Gerade diese vermeintlichen Klischees – Brummis, Autobahnen, CB-Funk – machten den Reiz vieler Songs aus. Was aus heutiger Sicht gelegentlich etwas rustikal wirken mag, traf damals einen Nerv. Die Bundesrepublik der 1980er Jahre war eine Republik der Lastwagenfahrer, Monteure und Schichtarbeiter. Country wurde hierzulande weniger als rebellische Südstaatenmusik verstanden, sondern vielmehr als Soundtrack des "kleinen Mannes". Gunter Gabriel verkörperte das wohl am glaubwürdigsten: ein Typ mit rauer Stimme, der lieber über harte Arbeit und Geldsorgen sang als über romantische Lagerfeuer.

Country Made In Germany: dem deutschen Country-Sound auf der Spur

Trotzdem erschöpfte sich die deutsche Country-Musik nie nur im Trucker-Image. Dafür sorgen auf dieser Box vor allem die leiseren, melancholischeren Momente. Linda Feller, Gudrun Lange oder Iris McCollins zeigen, dass auch Frauen in der Szene ihren festen Platz hatten – und dass Country hierzulande durchaus sensibel und musikalisch vielseitig sein konnte. Zwischen Honky-Tonk, Western Swing, Country-Pop und klassischem Nashville-Sound entfaltet sich auf den drei CDs deshalb ein erstaunlich breites stilistisches Panorama.

Natürlich klingt manches aus heutiger Perspektive aus der Zeit gefallen. Einige Arrangements atmen den Charme von Samstagabend-Shows und verrauchten Kneipen und manche Texte bewegen sich hart an der Grenze zwischen kernig und komisch. Aber darin liegt eine weitere Stärke dieser Edition: "Country Made in Germany" will keine ironische Retro-Show sein, sondern nimmt die Musik und ihre Protagonisten ernst. Völlig zu Recht. Denn die deutsche Country-Szene war über Jahrzehnte hinweg eine erstaunlich Parallelwelt zum Mainstream, mit eigenen Stars, Ritualen und einem überaus treuen Publikum.

Die Box ist nicht nur eine nostalgische Zeitreise, sondern ein kulturgeschichtliches Dokument. Sie erinnert an eine Epoche, in der deutschsprachige Country-Musik einen festen Platz zwischen Schlager, Rock und volkstümlicher Unterhaltung hatte. Und sie beweist, dass Country "made in Germany" eben mehr sein kann als eine bloße Kopie amerikanischer Vorbilder.

vgw
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