CD Cover: Shelby Lynne & Allison Moorer - Not Dark Yet

Die Schwestern Shelby Lynne und Allison Moorer veröffentlichen mit "Not Dark Yet" ihr erstes gemeinsames Album.

"Not Dark Yet" ist nichts weniger als eine Sensation - und das, obwohl es "nur" ein Cover-Album ist. Erstmalig haben sich die zwei Schwestern mit den starken Stimmen zusammengetan, um ein gemeinsames Album zu realisieren, und weil das, so darf vermutet werden, eine heikle Angelegenheit ist, nahmen sie sich zunächst die Songs anderer vor.

Das Titelstück ist dabei ein offenes Buch. Geschrieben von Bob Dylan für sein 1987 erschienenes Album "Time Out of Mind", ist es ein Manifest der Hoffnung angesichts großer Schrecken. Hinter jeder Form von Schönheit lauert der Schmerz, heißt es darin unter anderem. Das mag das Grundlebensgefühl der beiden Schwestern ausdrücken, beide verbindet mit der Familiengeschichte die traumatische Erfahrung, dass der Vater daheim in Alabama die Mutter erschoss und sich anschließend selber richtete. Shelby Lynne war damals 17 Jahre alt, ihre Schwester Alisson Moorer 14. So ein Ereignis verbindet und trennt zugleich, beide Schwestern mussten jede für sich einen Weg finden, damit klarzukommen und ihre Karrieren auf eigenen Fundamenten aufbauen.

Das Elternhaus war Musik geprägt und der Weg somit vorgezeichnet, insgesamt 22 Alben haben sie bis heute realisiert. Wobei Shelby Lynne als die nach außen Toughere erscheint, in Kalifornien lebt und ihre Musik zwischen Rootscountry und Soul navigiert, während Alisson Moorer die sanftere, Songwriter orientierte Form von Country Folk pflegt und in New York lebt. Von 2005 bis 2014 war sie mit Country-Rocker Steve Earle verheiratet.

Not Dark Yet: Mehr als alte Standards neu interpretiert

Ihre musikalischen Vorlieben spiegeln sich in der Auswahl der Stücke. Neben Bob Dylan finden wir "Every Time You Leave" von Charlie Louvin und "Silver Wings" von Merle Haggard, zwei Perlen des klassischen Songbooks, wobei besonders in letzterer Version der Harmoniegesang der Schwestern Gänsehaut erzeugt. Wir kennen das ja - von den Andrew Sisters über die Secret Sisters bis hin zu den Humpe Sisters - Schwestern sind nun mal Expertinnen des Harmoniegesangs.

Schnell wird aber auch klar: hier geht es nicht darum alte Standards neu zu interpretieren. Auf Merle Haggard folgt Nick Caves "Into My Arms" mit der berühmten Eröffnungszeile: I don't believe in an interventionist God, auf die Überlebensballade "Lungs" von Townes Van Zandt folgt "The Color of a Cloudy Day" von Jason Isbell und Amanda Shires. The Killers "My List" und Kurt Cobain’s "Lithium" vervollständigen das Bild moderner, vielseitig interessierter Musikerinnen. "I'm Looking For Blue Eyes" kommt von Jessi Colter.

Der Experte für Familiendramen

Eine wichtige Rolle spielt bei diesem Album der Produzent Teddy Thompson. Mit Don Heffington, Doug Pettibone, Benmont Tench hat er sich u.a. Musiker gesucht, deren Erfahrung groß ist und von Tom Petty über Lucinda Williams bis The Jayhawks reichen. Und es ist gut vorstellbar, dass den Aufnahmen lange, auch persönliche Gespräche vorausgingen.

Teddy Thompson ist - salopp gesagt - Experte für Familiendramen und Versöhnung. Er ist der Sohn der Folklegenden Richard und Linda Thompson und somit Teil einer turbulenten Künstlerdynastie, seine Expertise als Songwriter und Produzent ist unumstritten. Mit "Thompson Family" schaffte er 2014 zudem das Unmögliche: alle Mitglieder kamen für dieses Album zusammen im Studio.

Auch bei "Not Dark Yet" von Shelby Lanne und Alisson Moorer wird er es nicht leicht gehabt haben. Denn das Album lässt unterm Strich die Leichtigkeit vermissen, wirklich verschmolzen wirken die Schwestern selten. Die präsentere, stärkere Shelby Lynne überdeckt häufiger die zurückhaltendere Alisson Moorer, und als Gesamteindruck ist auch die Songauswahl ist mit der forcierten Modernität nicht nur gelungen.

Aber allen Beteiligten und uns, den Hörerinnen und Hörern, ist zu wünschen, dass mit diesem ersten gemeinsamen Werk ein Einfang gemacht wurde. Das letzte der zehn Stücke ist dann doch eine Eigenkomposition und zugleich das Highlight des Albums. "Is It Too Much" behandelt offen den inhärenten Schmerz der Schwestern, darin heißt es unter andrem: "No one else bears this heavy load, Don't you know you ain't by yourself? I'm right here to help you lay it down." - Das nenne ich eine Busladung an Hoffnung für die Zukunft.

Fazit: Das gemeinsame Album von zwei Schwestern, die jede für sich stark und eigen sind, könnte der Anfang einer neuen Perspektive sein. Ihre Stimmen sind groß, ihre Harmonie beeindruckend und die Songauswahl ist originell.

Label: Silver Cross (Alive) VÖ: 18. August 2017
01 My List
02 Every Time You Leave
03 Not Dark Yet
04 I'm Looking For Blue Eyes
05 Lungs
06 The Color of a Cloudy Day
07 Silver Wings
08 Into My Arms
09 Lithium
10 Is It Too Much

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