Margo Price - That's How Rumors Get Started

CD Cover: Margo Price - That's How Rumors Get Started

Mit "That’s How Rumors Get Started" möchte Margo Price an das hochgelobte, vielfach ausgezeichnete Vorgängeralbum "All American Made" anknüpfen.

Ist doch so: Jede Bewegung hat eine Gegenbewegung gleich im Schlepptau: Die Schulmedizin brachte die Homöopathen hervor, die Fleischesser die Veganer, die spießige Gesellschaft die Freaks und Konsumverweigerer. Und so weiter und so fort. Das gilt natürlich auch für die Musik im Allgemeinen und für den Sound in Nashville im Speziellen. Während in den 2000er Jahren die Musik und die Acts aus Music City USA immer pop-orientierter - nicht wenige meinen auch: glatter - wurden, gedieh in deren Hit-Schatten eine vitale Alternativ-Szene. Bands und Sänger und Sängerinnen, mit weniger viel Kosmetik im Gesicht und Staub an ihren Stiefeln. Sie hielten das rebellische Erbe von Johnny, Willie, Dolly, Waylon, Gram & Co hoch schufen eine neue Outlaw-Szene. Eine würdige Vertreterin ist seit ihrem 2016 erschienenen Debüt-Album "Midwest Farmer's Daughter" Margo Price, entdeckt und gefördert nicht vom Music Row-Establishment, sondern von Rock-Produzent Jack White.

Margo Price - Rebellin und Americana-Star

Sicher, ihre musikalische Heimat ist nach aktuellem Stand der Dinge das Sammelbecken Americana. In diesem Genre hat sie auf Anhieb die Herzen der Fans erobert und dazu eine ganze Reihe von angesehenen Preisen eingeheimst - Americana Music Honors & Awards inklusive. Zum Ritterschlag kam es allerdings erst im letzten Jahr, als sie bei den Grammy Awards 2019 in der Kategorie "Best New Artist" nominiert wurde.

Margo Price, die von 2010 bis 2013 in der Band Buffalo Clover sang (Sturgill Simpson und Kenny Vaughan mischten hier zeitweise mit), verwöhnt ihre Fangemeinde allerdings nicht gerade mit überbordendem Output. Nein, sie geizt mit neuen Veröffentlichungen. Nach ihrem Debüt-Album bot sie bisher lediglich den Mitschnitt "Live at Rough Trade East" (2016), die EP Weakness (2017) und, als letzte Veröffentlichung, "All American Made" an. Umso größer sind jetzt die an "That's How Rumors Get Started" geknüpften Erwartungen.

Wie üblich, hat Corona auch die Veröffentlichungspläne ihrer CD durchkreuzt. Ursprünglich sollte die von Sturgill Simpson produzierte CD bereits Anfang Mai herauskommen. Nun kommt sie gut zwei Monate später, doch das ist mittlerweile ja Standard. Doch das dürfte auch das einzige standardmäßige dieses Albums sein. Dafür sorgen großartige Margo Price, zehn klasse Songs, tolle Texte und die einfühlsame, sehr bodenständige, trotzdem aber so manche Überraschung bietende Produktion von Sturgill Simpson. Der buchte für die Sessions übrigens nicht ein Studio in Nashville, sondern in Los Angeles - und dazu einige der besten Studio-Musiker der Musikgeschichte; darunter Bassist Pino Palladino, Drummer James Gadson und Keyboarder Benmont Tench.

Sturgill Simpson produzierte "That's How Rumors Get Started"

Wie weit die hervorragende Sängerin vom braven Establishment der Music Row entfernt ist, macht sie genau genommen in allen Tracks der CD deutlich. Am krassesten aber vielleicht in "Stone Me", den sie wie viele andere auch mit Ehemann Jeremy Ivey geschrieben hat. In dem sehr ruhig angelegten, mit gefühlvollen Klavier-Akkorden ausgestatteten Song singt sie mit Engelsstimme Textzeilen wie "call me a bitch". So manchem braven Country-Veteran wird es dabei die Nackenhaare aufstellen. "Bitch" - pfui, sowas sagt man nicht! Wer auf der Suche nach einem Gegenentwurf von Carrie Underwood ist, wird mit Margo Price fündig. So viel steht fest.

Es steht aber auch fest, dass die 37-jährige aus Aledo, Illinois, die Provokation nicht als Konzept ausruft. Es kann vorkommen und es kommt vor. Doch Anecken um jeden Preis oder noch schlimmer: um ein Image zu pflegen, ist nicht ihr Ding. Das zeigt sie in Titel wie dem eingängigen Country-Rocker "Letting Me Down", in dem sie gleichzeitig an Stevie Nicks, Mary Chapin Carpenter, Karla Bonoff und Linda Ronstadt erinnert. Ein exzellenter Song, exzellent interpretiert.

Deutlich härter und auch um einen Tick schräger fällt "Twinkle Twinkle" aus, bei dem Gitarrist Matt Sweeney großartige Licks einstreut. Meistens aber, und das zeichnet diese alten Studio-Hasen aus, halten sie sich mit virtuosen Einlagen dezent zurück. Sie brillieren an ihren Instrumenten. Aber nicht mit spektakulären Soli oder aufdringlichen Effekten, sondern durch einfühlsame, stets die Sängerin unterstützende Spielweise.

Je mehr man von "That's How Rumors Get Started" hört, desto weiter entfernt sich Margo Price von Nashville. Und desto mehr fühlt man sich an Kalifornien in den 70er Jahren erinnert, an Westcoast-Acts wie Fleetwood Mac, die Eagles, oder an Tom Petty und Jackson Browne. Wie diese genannten Rock-Größen versteht es auch Margo Price perfekt, Text und Melodie zu einer betörenden Einheit zu verschmelzen. Songs, die sich das Prädikat "zeitlos" verdienen. Songs, wie beispielsweise das finale "I'd Die For You", bei dem die Band zurückhaltend eine moderne Version eines rumpelnden Bo Diddley-Shuffles spielt, während Price schonungslos vom wirtschaftlichen Auseinanderdriften der amerikanischen Bevölkerung berichtet: "Pennies in a woman's hand/ Missing teeth or payment plans/ Kids want something worth a damn/ But they're just pissing in the flood." Weiter weg vom Music Row-Mainstream kann man kaum sein.

Fazit: Viel 70er Jahre Westcoast-Rock, tolle Songs, großartige Musiker - mit "That’s How Rumors Get Started" macht Margo Price den nächsten logischen Karriere-Schritt. Auch wenn sie sich damit noch weiter von Nashville entfernt.

Label: Loma Vista / Concord (Universal) VÖ: 10. Juli 2020
01 That's How Rumors Get Started
02 Letting Me Down
03 Twinkle Twinkle
04 Stone Me
05 Hey Child
06 Heartless Mind
07 What Happened To Our Love?
08 Gone to Stay
09 Prisoner of the Highway
10 I'd Die For You

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