CD Cover: Nikki Lane - Highway Queen

Mit "Highway Queen" veröffentlicht Nikki Lane ihr drittes Studio-Album.

Wie wär’s mit einem weiblichen, sexy Chris Stapleton? Nikki Lane kommt diesem Bild mit ihrem neuen Album "Highway Queen" ganz schön nahe - eine Country-Rebellin, textlich keck, musikalisch ganz in der Tradition verankert.

Nach einer EP und den zwei Studio-Alben "Walk of Shame" und "All Or Nothin'" präsentiert Nicole Lane Frady, wie sie brav bürgerlich heißt, jetzt ihren dritten Longplayer: "Highway Queen". Das klingt schon mal gut. Nach endlosen Asphaltbändern, nach rollenden Trucks, Freiheit, Kaffee, Zigaretten und wildem Leben. Ziemlich verwegen zeigt sich die dunkelhaarige Hutträgerin aus Greenville, South Carolina, schon mal auf den Cover-Fotos. Auf dem in schwarz-weiß gehaltenen Titelmotiv kuschelt sie spärlich bekleidet mit einem Angst einflößenden Longhorn. Gewagt! Auf der Rückseite der CD balanciert sie - in transparenter Schlafzimmer-Bekleidung gewandet - auf zwei dieser Riesenviecher. Noch gewagter!

Nikki Lane bezieht sich auf die Legenden des Genres

Da darf man gespannt sein, ob auf "Highway Queen" auch musikalisch so risikofreudig ist. Und? Ist sie's? Klarer Fall von Jein. Zumal man sich heute ja nicht mehr sicher sein kann, ob das Berufen auf traditionelle Country- und Folk-Klänge schon als riskant bewertet werden muss. Wohl eher nicht, nach den zahlreichen Erfolgen um und mit Chris Stapleton. Nach eigener Aussage gehören zu den größten Einflüssen der 33-Jährigen Roots-Acts wie Loretta Lynn, Waylon Jannings und Tammy Wynette. Keine schlechte Wahl. Tatsächlich lässt sich auch der eine oder andere musikalische Fingerzeig in Richtung dieser Legenden ausmachen. Sicher nicht im selbst komponierten Opener, dem düsteren, ironischen, jederzeit zu einem Quentin-Tarantino-Soundtrack tauglichen "700.000 Rednecks". Hier bietet sie coole Country-Kost, reduziert aufbereitet und großartig mit Gefühl und Temperament gesungen.

So kann’s gerne weitergehen. Und so geht's auch weiter: mit dem von ihr gemeinsam mit Gitarrist und Produzent Ryan Tyndell geschriebenen Titeltrack. Auch hier lässt es die passionierte Mode-Designerin - sie betreibt in Nashville einen Klamotten-Laden - mit Unheil versprechenden Klängen zurückhaltend angehen. Im Gegensatz zu ihren Vorgänger-Alben sind ihre genauso spröden, wie ins Ohr gehenden Songs in einem opulenteren Klang-Kostüm verpackt. Chöre, sphärische Sounds, druckvolle Gitarren, wuchtige Drums - eingespielt von absoluten Könnern ihres Fachs, wie Schlagzeuger Matt Pence, Gitarrist Kenny Vaughan und Bassist Scott Lee.

Mit dem dritten Titel "Lay You Down" zeigt Nikki Lane, dass sie nicht nur dunkel und düster kann - sie hat auch sonnige Dur-Akkorde im Repertoire. Wer sich einen gut gelaunten Bob Dylan-Song mit "Sympathy For The Devil"-Chören vorstellen kann, bekommt eine Ahnung von dem exzellenten Track. In diesen munteren Gewässern verweilt die stimmlich mal an die junge Emmylou Harris, mal an Stevie Nicks oder Melissa Etheridge erinnernde Sängerin erstmal - "Jackpot", eine süffige Spieler-Ballade mit Elvis-mäßigem "Viva Las Vegas"-Refrain. Ein weiterer Volltreffer!

"Highway Queen" - ein Trip durch zeitgemäßen Country-Folk

Freilich hält die Gefühlsskala zwischen traurig/düster und fröhlich/beschwingt noch weitere Abstufungen bereit. Zum Beispiel hüpfende Euphorie ("Companion"), grimmige Aggressivität ("Big Mouth") oder verträumte Nachdenklichkeit ("Foolish Heart"). Bei letzterem Song klingt wieder mal Onkel Bob durch, auch bei den weiteren Retro-Folk-Songs wie dem poetischen "Send The Sun", wo sie sogar stimmlich an den frisch gebackenen Nobelpreis-Träger erinnert.

So richtig ans Herz wächst einem die zierliche Nonkonformistin allerdings in dem bluesigen "Muddy Waters", bei dem die bekennende Blues-Liebhaberin vor dem großen Muddy Waters ihren Hut zieht. Ein großartiger Titel, der ihr ganzes Talent als Songschreiberin und Sängerin auf den Punkt bringt. Das gilt auch für das versöhnliche, an den frühen Neil Young gemahnende "Forever Lasts Forever", mit dem fantastischen Russ Pahl an der Pedal Steel. Schöner klang rootsorientierter Country-Folk selten in diesem Jahr!

Fazit: Nikki Lane gelingt mit "Highway Queen" der Schulterschluss von Roots-Musik und hipper Attitüde, von staubiger Country-Kost und fast schon an Punk-Rock erinnernder Energie. Eine Top-Leistung!

Label: New West / PIAS (rough Trade) VÖ: 17. Februar 2017
01 700.000 Rednecks
02 Highway Queen
03 Lay You Down
04 Jackpot
05 Companion
06 Big Mouth
07 Foolish Heart
08 Send The Sun
09 Muddy Waters
10 Forever Lasts Forever

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