Shania Twain: "'Little Miss Twain' - Es macht mir Freude, diesen Teil von mir mit anderen zu teilen"
"Little Miss Twain" ist kein besonders interessantes Album. Es ist jedoch eine Chance im Wert von mehreren Millionen Dollar für eine der erfolgreichsten Country-Künstlerinnen aller Zeiten und möglicherweise das wichtigste Album für die Karriere von Shania Twain seit "Come on Over". Warum? Weil dieses selbsternannte autobiografische Album die perfekte Grundlage für ein Broadway-Biografie-Musical oder ein Biopic ist. Kombiniert man diese Songs mit ihrem Hit-Repertoire, hat man das Gerüst für einen Erfolg.
Der Zeitpunkt ist günstig. Es sind bereits Musicals über Dolly Parton und Loretta Lynn in Entwicklung und das Biopic von Michael Jackson sorgte für volle Kinosäle.
Das Leben von Shania Twain
Ihr Leben ist eine faszinierende Geschichte. Shania (ein Künstlername, der auf Ojibwe "Ich bin auf dem Weg" bedeutet) Twain sang bereits im Alter von acht Jahren in Bars um Kleingeld; sie litt unter einem gewalttätigen Stiefvater, verbrachte ihre Kindheit in Armut, zog ihre Geschwister nach dem Tod ihrer Eltern allein groß und wurde dann zu einer der erfolgreichsten Künstlerin in der Geschichte der Country Music. Dann verlor sie durch einen Zeckenbiss fast vollständig ihre Stimme und baute sie von Grund auf wieder auf. Das ist ein unglaublich fesselndes Thema, das auch dann für sich allein stehen könnte, wenn man gar nicht erst auf ihre Ehen mit Robert John "Mutt" Lange und später Frédéric Thiébaud eingeht.
"Right Time" ist ein hervorragendes Beispiel für die modernen theatralischen Tendenzen dieses Albums hervorsticht. Das Arrangement sieht eine Bläsergruppe, einen Chor aus Backgroundsängerinnen und eine elegant voranschreitende Klavierlinie vor. Die Strophen sind dialogartig, fast schon so sehr, dass sie eher an einen Rezitativ als an eine Melodie erinnern – genau der Kniff, den ein Musical braucht, wenn eine Figur die Handlung vorantreiben muss, bevor der Refrain einsetzt. Er ist der Moment, in dem unsere Heldin selbstbewusst mitten auf der Bühne steht und beschließt, den Tag zu nutzen.
Dann ist da noch der Titelsong. "Little Miss Twain" (in dem sowohl Tanya Tucker erwähnt wird als auch Tanya Tucker selbst mitwirkt) beginnt mit E-Piano und Streichern und erzählt die Geschichte der Weggabelung, die ihre Kindheit geprägt hat. Es ist genau die Nummer, die ein Musical braucht, um seinen emotionalen und erzählerischen Bogen zu verankern, da sich so viel in Twains Geschichte darum dreht, wer sie war, bevor irgendjemand ihren Namen kannte. Allein zwischen diesen beiden Liedern haben wir mehr oder weniger schon einen ersten Akt.
"Little Miss Twain" bewegt sich zwischen Jazz, R&B, Pop und Rock, gewürzt mit einer Prise Country
Der Rest liefert ein sehr überzeugendes kommerzielles Argument dafür, dass diese Lieder eher für einen Soundtrack als für ein Album gedacht sind. "Little Miss Twain" bewegt sich zwischen Jazz, R&B, Pop und Rock, gewürzt mit einer Prise Country. Hier gibt es ein Banjo, dort eine Pedal-Steel-Gitarre, einen Text über eine Kleinstadt.
Country Music ist eher die Garnierung als der tragende Klang. Um Shania Twain gerecht zu werden: Das ist ein Merkmal ihrer Karriere und diese Genre-Unabhängigkeit wäre perfekt für das Publikum, das ein Broadway-Theater betritt.
Musikalisch gesehen hat "Little Miss Twain" jedoch keine besondere Note. Es gibt hier keine bahnbrechende Vision, keinen Versuch, eine einzigartige klangliche Identität zu entwickeln. Die Arrangements sind ausgefeilt und angenehm, die Aufnahmen sind üppig, aber es ist unwahrscheinlich, dass eine der Melodien viele Hörer umhauen wird oder dass einer dieser Songs in die Heavy Rotation kommt.
Die Texte tragen das Gewicht und erzählen Twains Geschichte wirkungsvoll und stellenweise mutig, auch wenn die Produktion professionell auf Nummer sicher geht. Die Klarheit der kreativen Vision passt gut in ein Jahr, in dem die größten Country-Alben der führenden Damen des Genres (Ella Langleys "Dandelion", Megan Moroneys "Cloud 9", Kacey Musgraves’ "Middle of Nowhere") alle dank einer klaren Perspektive erfolgreich waren. "Little Miss Twain" hat dieselbe spürbare Absicht, zielt jedoch eindeutig darauf ab, eine Geschichte zu erzählen, anstatt musikalische Grenzen zu verschieben.
Das weitere musikalische Gäste sind der Multi-Instrumentalist Joshua Homme bei "Faded Blue Jeans" und The War and Treaty bei der Ballade "Take it to The River" (hier kann man schon von Type-Casting sprechen) mit dabei.
Fazit: Trotz alledem ist "Little Miss Twain" der perfekte Ausgangspunkt für ein kreatives Unterfangen, das für Shania Twain wirklich lukrativ sein und ihr Vermächtnis festigen könnte.













