Waylon Jennings - Songbird

CD Cover: Waylon Jennings - Songbird
 

Waylon Jennings' Sohn Shooter hat einen Schatz gehoben: eine stattliche Anzahl von unveröffentlichten Waylon-Songs, die er nacheinander jetzt veröffentlichen will. Mit dem Album "Songbird" startet er den hochkarätigen Rückblick.

"Songbird" ist das erste Album von Waylon Jennings, das posthum veröffentlicht wurde

Im letzten Sommer, so heißt es, hat Shooter Jennings - Sohn von Waylon Jennings und längst selbst Grammy-Gewinner - in den Archiven gestöbert. In der Hinterlassenschaft seines 2002 verstorbenen Vaters. Shooter sei dabei klar geworden, dass sein legendärer Dad so gut wie immer am Musikmachen war. Auch auf Tournee hat die Country-Ikone regelmäßig ein Studio gebucht, um neue Songs und Cover-Version aufzunehmen. Sein getreuer Drummer Richie Albright sorgte dabei nicht nur für den unverkennbar trockenen Groove, er konnte den Sessions auch als Co-Produzent seinen Stempel aufdrücken.

Waylon Jennings: musikhistorischer Nachlass - klangtechnisch aufbereitet

Die Aufnahmen, von denen hier die Rede ist, entstanden in den Jahren zwischen 1973 und 1984. Genügend Material, wie Shooter sagt, um drei Alben damit zu bestücken. Mindestens. Mit "Songbird" schickt der kaum weniger musikalisch talentierte Sohnemann jetzt das erste Album mit den bislang verschollenen Tracks ins Rennen. Zehn Songs, die nicht nur die unverkennbar rauchige, in den hohen Lagen mitunter operettenhaft klingende Stimme von Waylon Jennings ausweisen, sondern auch eine extrem entspannte Studio-Atmosphäre verströmen.

Kein Wunder, wie Shooter weiß. Sein Vater hatte zu jenem Zeitpunkt gerade den Kampf mit seinem Label RCA Nashville um die kreative Kontrolle seiner Musik gewonnen. Es muss für den Country-Rebell ein Befreiungsschlag gewesen sein. Mehr noch: nachdem er die Songs mit seiner Tourband "The Waylors" aufnahm - und nicht, wie auch damals üblich, mit coolen Session-Cracks - lässt sich eine euphorische Spielfreude der Akteure an Drums, Gitarre, Bass, Keyboards und Pedal-Steel-Gitarre ausmachen.

Den Auftakt des Song-Sets übernimmt der Titeltrack. Man ahnt es - es ist die Cover-Version des grandiosen Fleetwood Mac-Songs des nicht minder grandiosen "Rumours"-Albums. Christine McVie hat den Song Mitte der 1970er Jahre geschrieben, laut eigener Aussage innerhalb einer halben Stunde. Im Fleetwood Mac-Original lässt sich die Ende 2022 verstorbene McVie am Klavier sitzend nur von der akustischen Gitarre von Lindsey Buckingham begleiten. Ein federleichtes Arrangement für einen zauberhaften Song. Waylon Jenning geht die wunderschön mollgefärbten Akkorde natürlich anders an: rauer, ruppiger, staubiger, kraftvoller. So interpretiert er mit seinen getreuen Mannen den Klassiker der Popgeschichte nicht nur, er transzendiert ihn in einen neuen Klangkosmos: Mitten hinein ins Herz der Country Music.

"Songbird": zehn Songs, zehn Mal Country pur

Dieses Herz pocht natürlich auch in den weiteren neun Songs. Ob im Walzer-Takt ("Brand New Tennessee"), im tänzelnden Sechs-Achtel-Groove ("The Cowboy"), in lässigen J.J. Cale-artigen Songs wie "I'd Like To Love You Baby" oder in Titeln, wie man sie in ihrer reduzierten Coolness eigentlich nur noch von Johnny Cash ("I'm Gonna Lay Back") oder Willie Nelson ("I Don't Have Any More") kennt. Großartig auch die Balladen. Allen voran: "Gone Again", das letzte Stück des gelungenen Wiederhörens mit dem Country-Urgestein. Wie so oft, rühren einen die harten Jungs (wie Waylon Jennings) immer ganz besonders, wenn sie - wie in dem Titel - ihre weiche Seite offenbaren. Keine Frage, seine hinter seiner rauen Schale verbarg sich auch bei ihm ein weicher Kern.

Ein weiteres Highlight setzt auch das mit hübschen Folk-Melodien ausgeschmückte und dazu an Eric Clapton während seiner "461 Ocean Boulevard"-Phase denken lassende "Wrong Road Again". Dennoch: Flirts mit Folk und Rock bilden beim "Songbird"-Set die Ausnahme. Meist dreht er kräftig am Country-Rad und haut Knaller wie das von einem klimpernden Honky-Tonk-Piano befeuerte "After The Ball" raus. Oder das launige "I Hate to Go Searching", bei dem er - sehr überzeugend - davon berichtet, dass er keinen Bock mehr hat, in Bars auf Brautschau zu gehen. Hatte der Kerl auch nicht nötig. Seit 1969 war er schließlich mit Sängerin Jessi Colter verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn Shooter schreibt jetzt die Familien-Geschichte weiter fort.

Shooter Jennings hat die Masterbänder mit Feingefühl restauriert und sensibel mit zusätzlichen Overdubs versehen. Mitgewirkt haben bei dem Sound-Tuning unter anderem Ashley Monroe und Elizabeth Cook. Für den analogen Mix benutzte er eine dafür perfekt passende Konsole Jahrgang 1976.

Fazit: Wer die zehn Waylon Jennings-Songs von "Songbird" hört, könnte wehmütig werden: so ein hochprozentiges Country-Gebräu rührt heute niemand mehr an.

vgw
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