Travis Tritt - Country Chapel

CD Cover: Travis Tritt - Country Chapel

"Country Chapel": Bluesige Gospel-Andacht mit Travis Tritt

Irgendwann ist es wohl für jeden Country-Act an der Zeit, ein Gospel-Album aufzunehmen. Eine Sache scheinbar, um die man nicht herumkommt. Warum wohl? Weil die Damen und Herren gerade mal eine Schaffenskrise haben? Weil sie kreativ in einem Loch oder vielleicht gerade eher stilistisch orientierungslos sind? Oder weil Gospel ein wesentlicher Bestandteil der Country-Rezeptur ist oder aber - wer weiß, wer weiß - weil die Acts einfach mal das Bedürfnis haben, ihre spirituelle Überzeugung kundzutun.

Möglicherweise gilt all' das erwähnte zu einem gewissen Teil für . Schließlich liegen die großen Zeiten des vierfachen CMA- und zweifachen Grammy-Award-Gewinners schon eine ganze Weile zurück. Richtig top war Tritt - die raue Kehle aus Marietta, Georgia, der "Springsteen der Country Music" - in den späten 1980er Jahren. Da gehörte er neben Garth Brooks, Alan Jackson und Clint Black zur legendären "Class of '89". Verdientermaßen. Schließlich verfügt das musikalische Raubein über eine Stimme und dazu über ein Musik-Gefühl, das seinesgleichen sucht. Der bärtige, stämmige Sänger muss nur den Mund aufmachen - schon füllte den Raum mit würzigem Country-Blues-Feeling.

Lang ersehnter Traum: Travis Tritts erstes Gospel-Album

Daran hat sich Anno 2023 eigentlich nichts geändert. Er singt immer noch mit einem Organ, das nach Reißnägeln, Sandpapier und Feuerwasser klingt. Rau, aber herzlich. Wenn sich nun dieser Sänger an ein Gospel-Album macht und sich dafür mit Hit-Produzent Dave Cobb zusammentut, darf man einiges erwarten. Zumindest: Gute, seelenvolle Musik, schöne Arrangements und eine Stimme, die einen bewegen kann - selbst wenn man es mit dem Kirchgang eher salopp hält.

Travis Tritt scheint dagegen ganz und gar von spirituellen Inhalten überzeugt zu sein. Mehr noch, er sieht sich mit "Country Chapel" sogar auf christlicher Mission: "Ich wollte dieses Album schon vor über 30 Jahren machen", schrieb er auf Twitter, "und ich hoffe und bete, dass jeder, der es hört, durch Jesus Christus inspiriert und ermutigt wird." Obwohl es sein erstes Gospel-Album ist, sei "Country Chapel" auch so etwas wie eine Heimkehr, eine Hommage an seine frühen Jahre, als er schon als achtjähriges Kind im Kirchenchor sang.

So authentisch dieses Anliegen auch ist: es kann künstlerisch völlig schief gehen. Zu oft hat man schon viel zu pathetische und übertrieben salbungsvoll inszenierte Gospel-Werke von Country-Acts gehört: missglückte Mission, gefloppte Alben. Bei Travis Tritt darf man da optimistischer sein. Nicht nur wegen seiner offenbar sattelfesten Gesinnung, sondern auch wegen Dave Cobb. Mit dem neunfachen Grammy-Gewinner (u.a. Chris Stapleton) hat sich Tritt in dessen "Georgia May Studio" in Savannah, Georgia, zurückgezogen, um die zehn Tracks von "Country Chapel" aufzunehmen.

So macht Kirchenmusik Spaß: "Country Chapel"

Schon mit dem Opener "When God Dips His Love In My Heart" (geschrieben von Cleavant Derricks) wird klar, dass wir es hier nicht mit dem üblichen Gospel-Schmalz zu tun haben: Hier weint eine Country-Pedal-Steel, klimpert ein Honky Tonk-Piano, hier groovt es im flotten Zwei-Viertel-Takt. Es rockt, es rollt, ein Gospel-Chor verströmt spirituelle Leidenschaft - und, als Krönung, zeigt Tritt, dass er immer noch stimmliche Wucht besitzt.

Ja, so lässt sich Gospel hören. Sehr gut sogar. Auch weil er sich nicht auf die Klassiker des Genres verlässt, sondern Neues aus dem Fach anbietet. Darunter auch eine vollständige Eigenkomposition und zwei Songs, bei denen Tritt als Co-Autor fungierte. Gleich Song Nummer zwei, "Like The Father Loves His Son", stammt - eine Rarität in seinem Katalog - komplett aus seiner Feder. Und was soll man sagen? Ein toller Track. Sehr gediegen, mit schönen Harmonie-Wendungen, Melodien, die sich gleichermaßen aus Country, Folk und Gospel speisen und begeistern. Ein kleines bisschen kupfert er dabei bei sich selbst ab: der Track erinnert an "(I Wanna) Feel to Much" vom 2007er "The Storm"-Album. Dennoch ein frühes Highlight der CD.

Aus ähnlichem Holz ist auch das nachfolgende, von Tritt und Aaron Raitiere geschriebene "Mama Used to Pray for Me" geschnitzt. Ein, im traditionellen Country und Folk angelegter Song, in dem Tritt erneut sein ganzes Feeling legt. Schon diese zwei Titel, in denen es mal um seinen Vater, mal um seine Mutter geht, belegen die sehr persönliche Handschrift dieses Albus. Im nachfolgenden "In The Valley (He Restoreth My Soul)", geschrieben von Dottie Rambo, erinnert uns das beste Raukehlchen Nashvilles, dass er auch im Balladen-Fach zu brillieren weiß. Ein weiteres Glanzlicht der CD.

Fazit: Neuer Sound, altbewährte Stimme: Travis Tritt dürfte mit seinem ersten Gospel-Album "Country Chapel" wohl auch Atheisten überzeugen. Behilflich dabei war Produzent Dave Cobb.

Label: Gaither / Capitol Christian (Universal) VÖ: 15. September 2023
Disk 1
01 When God Dips His Love in my Heart
02 Like the Father Loves His Son
03 Mama Used to Pray for Me
04 In the Valley (He Restoreth My Soul)
05 Uncloudy Day
06 Wayfaring Stranger
07 Nobody’s Fault but Mine
08 The Baptism of Jesse Taylor
09 Why Me
10 Little Country Chapel
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