Die Bluegrass Sessions: Merle Haggards Interpretation der Tradition

Merle Haggard; Foto: Pamela Springsteen

Seit über 10 Jahren dachte Merle Haggard, Mitglied der Country Music Hall of Fame, über die Aufnahme eines Bluegrass-Albums nach. Dann, am 2. Oktober 2007, veröffentlichte McCoury Music sein Album "The Bluegrass Sessions", auf dem einige erstaunliche Ergebnisse dieses Projekts zu hören sind.

Schließlich drängen diese Songs nicht im banjo-getriebenen Scruggs-Style vorwärts. Es gibt keine Tenorharmonien, die über die instrumentelle Basis gelegt werden. Nur einer seiner 12 Songs, "Blues Stay Away from Me", stammt aus dem Standardrepertoire des Genres; die anderen (mit Ausnahme eines Jimmie Rodgers-Medleys) sind echte Haggard-Songs.

Es stellt sich daher die Frage, ob es sich wirklich um ein Bluegrass-Album handelt. "Nun, darüber habe ich auch öfters nachgedacht", gab Haggard, der 1970 von der CMA zum Entertainer des Jahres gewählt wurde, zu. "Das ist eine gute Frage. Sie verdient sicherlich eine Antwort. Ich weiß jedoch nicht, ob ich dazu berechtigt bin, sie zu beantworten, weshalb ich dies den Zuhörern überlassen werde."

Die Meinung der Leute war immer wichtig für Haggard, dem Verfasser des "Working Man Blues" und anderer Hymnen an die Weisheit und Stärke der Arbeiter in Amerika. Seine Musik in die eine oder andere Kategorie einzuordnen, stellt für ihn nicht unbedingt eine Priorität dar. Daran dachte er sicherlich auch nicht, als er sich mit einer Gruppe von All-Star-Musikern für zwei Tage im Studio von Ricky Skaggs bei Nashville traf, um diese Tracks aufzunehmen.

Bild: Brenda McClearen/McClearen Design Studios"Wir hätten tiefer in den Bluegrass-Stil eindringen können", überlegte er. "Wir hätten harmonische Gesänge hinzufügen können, da wir lauter gute Harmoniesänger hatten. Wir hätten es so oder auf eine andere Weise tun können. Aber man kann mich halt nicht mehr ändern. Ich bin 70 Jahre alt, also hat sich Merle Haggard einfach mit einigen guten Bluegrass-Spielern zusammengesetzt und ein Album aufgenommen. Es war die gemeinsame Entscheidung von Ronnie, Marty und mir, es unverändert zu lassen, da das, was wir gespielt hatten, frisch und ungeprobt war. Und dieses Album ist eben das Ergebnis."

Ronnie Reno und Marty Stuart gehörten zu den Musikern der "Bluegrass Sessions", zusammen mit jüngeren Künstlern, die ebenfalls starke Wurzeln in der Bluegrass-Musik haben. Einige von ihnen kannten Haggard noch nicht. Reno war jedoch neun Jahre lang Mitglied von Haggards erster Band, "The Strangers", was ihn zusammen mit der tiefen Verbindung seiner Familie zur Bluegrass-Musik in eine Schlüsselposition für dieses Album brachte.

"Als ich von 1972 bis ´81 Mitglied der "Strangers" war, spielte Merle viel auf der Fiedel", erklärte Reno. "Natürlich spielte er zu dieser Zeit sehr wie Bob Wills, aber er kannte eine Menge alter Breakdowns, die mir auch aus der Bluegrass-Musik vertraut waren. Wenn wir also mit dem Bus auf Tour waren, spielten und sangen wir Songs wie "Molly and Tenbrooks" oder "Love, Please Come Home". Wir sprachen viel über die alten Zeiten, als er meinen Vater Don Reno und seinen Partner Red Smiley im Radio hörte."

"Ronnie arbeitete mit Sonny und Bobby Osborne zusammen, als ich ihn engagierte", erinnert sich Haggard. "Ich habe von Ronnie eine Menge über Bluegrass gelernt, über das eigentliche Wesen dieser Musikrichtung. Als die Zeit schließlich reif für dieses Album war, rief ich ihn einfach an. Und dann ging es los."

Abgesehen davon, dass er ihn bat, Stuart einzuladen, überließ Haggard es im Wesentlichen Reno, die Band zusammenzustellen und die Logistik auszuarbeiten. Schon früh wurde es bei diesem Projekt klar, dass ein klassischer Bluegrass-Ansatz unwahrscheinlich wäre. "Wir haben mehrmals versucht, Material auszusuchen", sagte Reno, "aber wir kehrten immer zu den neuen Songs zurück, die Merle gerade schrieb."

Bild: Brenda McClearen,McClearen Design Studios"Wir dachten schon daran, uns auf die Standards zu beschränken", erklärte Haggard, "aber es machte einfach nicht viel Sinn für uns. Ich bin Merle Haggard, das ist Bluegrass-Musik und warum kann es nicht etwas Neues sein? Also nahmen wir einfach die Songs, die ich geschrieben hatte."

Sie entschieden sich für eine Mischung aus klassischem und neuem Material. "Big City" wurde teilweise deshalb in das Album aufgenommen, weil Haggard die Bluegrass-angehauchte Version schätzte, die IrisDeMent zum Haggard-Tribute Album, "Tulare Dust: A Songwriter´s Tribute to Merle Haggard" beitrug. "Hungry Eyes" findet man ebenfalls auf dem Album, mit ergreifenden Harmoniegesängen von Alison Krauss. Zu den Highlights seiner Neukompositionen gehören "Pray", ein meditatives Lied im Walzer-Rhythmus über die Liebe, das Haggard zusammen mit seiner Frau Theresa als Versöhnung nach einem Streit schrieb, und "What Happened", eine gleichzeitig lustige wie traurige Reflektion über den Verlust der Unschuld der USA.

"Ich schrieb diesen Song vor ein paar Jahren, nachdem ich meine Frau über die Weihnachtsferien ins Krankenhaus gebracht hatte", erklärte er. "Ich war auf dem Rückweg von der Bay Area in meinem Hummer, als ein wirklich wilder Sturm die Interstate 5 traf. Ich musste durch diesen Hurrikan mit all den LKWs um mich herum und einem Gegenwind von 100-115 Kilometern fahren, als ich plötzlich die Inspiration zu diesem Song hatte. Ich brauchte drei Stunden, bis ich dieses Lied inmitten des Sturms fertig hatte. Songwriter wissen nie, wann sie eine großartige Inspiration haben werden. Wenn dies geschieht, darf man sie einfach nicht verpassen."

Merle Haggard Bluegrass Sessions CDHaggard erschien spät morgens im Studio mit seiner Liste von Songs, seiner Gitarre und dem Vertrauen darauf, dass Reno die richtige Zusammenstellung von Musikern gefunden hatte. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Gefühl der Verbundenheit einstellte, obwohl noch ein gewisses Maß an kreativem Arrangement nötig war, um alles über die Bühne zu kriegen.

"Merle entkrampfte einfach die Stimmung, als er ins Studio kam, sich hinsetzte und sagte, 'Diesen Song möchte ich machen'", berichtete Resonanzgitarren-Spieler Rob Ickes. "Das war 'Pray'. Er sang ein wenig davon vor, und es war perfekt. Dann kam Marty und erklärte: 'Wie wäre es denn damit?'. Er spielte ein Wahnsinns-Mandolinenintro, und alles passte zusammen."

Danach begab sich jeder mit großer Spannung in seine Isolierkabine, um seinen ersten Track aufzunehmen. Es ist jetzt nicht mehr genau nachzuvollziehen, was bei diesem Song geschah, aber irgendetwas stimmt von Anfang an nicht. Die Energie, die sie verspürt hatten, als sie im selben Raum spielten, war nicht so einfach anzuzapfen, wenn sie alle voneinander getrennt und außer Sicht waren.

Bild: Brenda McClearen,McClearen Design StudiosDann hatte Stuart eine Idee. "Er sagte: 'Hey, hol´ mal das Mikro in die Mitte des Raums. Lasst uns einen Kreis um dieses Mikro bilden und sehen, was dabei herauskommt'. Genau das taten wir dann auch", erinnert sich Haggard. "Ich befand mich an einem Ende des Kreises, und wir spielten diese Melodien so, als ob wir in Ihrem Wohnzimmer wären. Es gab keine Overdubs, nichts von diesem Mist. Es war alles live. Es gab einige kleine Unsauberheiten hier und dort, aber wir spielten so gut wie wir konnten und es fühlte sich gut an."

Ab diesem Zeitpunkt ging es bei den "Bluegrass Sessions" weniger darum, einen Musikstil anzuwenden, sondern die Musiker versuchten vielmehr, den kreativen Prozess einfach laufen zu lassen, ohne vorgefasste Meinungen. Trotzdem besteht Reno darauf, dass die Musik vielleicht nicht der Form, aber dem Geist nach reiner Bluegrass ist. "Eine gute Bluegrass-Band hat immer einen gewissen Drive in ihrer Musik", erklärte er. "Nachdem Merle das Tempo festgelegt hatte, gibt er den Drive mit seiner Stimme vor. Daher wusste ich, dass die Musiker sich an ihn anpassen und sogar noch ein wenig extra Energie hineinlegen würden."

Der Bluegrass-Star Del McCoury, der die "Bluegrass Sessions" als drittes Album auf seinem McCoury-Musiklabel veröffentlichte, stimmt dem zu. "Ist dies ein echtes Bluegrass-Album? Nun, zumindest ist es ein echter Merle, oder?", sagte er lachend. "Es kommt nicht darauf an, welche Art Band es ist. Man sollte sich diesen großartigen Sänger mit seinen fantastischen Songs einfach anhören. Nur das zählt."

vgw
Anmelden
Johnny Cash - Johnny Cash at Folsom Prison (Legacy Edition)
CD Besprechungen
Die Nachlass-Verwalter sind auch fünf Jahre nach dem Tod von "The Man In Black" fündig geworden. Wobei natürlich "Johnny Cash at...
Merle Haggard - The Bluegrass Sessions
CD Besprechungen
The Hag is Back! Und zwar dieses Jahr schon mit seiner zweiten Veröffentlichung. Nach "Last...
Marty Stuart & His Fabulous Superlatives - Altitude
CD Besprechungen
"Altitude" ist wieder ein Meisterwerk von Marty Stuart And His Fabulous Superlatives Manchmal ist der Job des CD-Rezensenten harte Kost. Die Musik ist mal banal,...
Marty Stuart Live-Konzert in Deutschland
Aktuelle Nachrichten
Marty Stuart and his Fabulous Superlatives kommen für ein Konzert nach Berlin Nach dem Tod von Musikgrößen wie George Jones, Johnny Cash und Merle Haggard stellen sich Fans oft die Frage, wer in...
Connie Smith - The Cry of the Heart
CD Besprechungen
Mit "The Cry of the Heart"meldet sich Connie Smith zurück Neues aus der Abteilung "Urgestein": Mit "The Cry of the Heart" präsentiert Connie Smith ihr erstes...
Bronco Billy
Spielfilme
"Bronco Billy" - Clint Eastwood inszeniert sich als Zirkus-Cowboy. Am 31. Mai 2021 wird Clint Eastwood seinen 91. Geburtstag feiern. Beachtlich, dass er in diesem hohen Alter als Regisseur und...
Neues Merle Haggard Biopic
Aktuelle Nachrichten
Schauspieler Sam Rockwell wird Teil der Crew für die Merle Haggard Biografie Die Amazon Studios gaben bekannt, dass Sie für ihre Produktion über das Leben des Merle Haggard den Oscar Preisträger...
Mo Pitney - Ain't Lookin' Back
CD Besprechungen
Junger Typ, alte Schule: Mo Pitney gehört zu den stärksten Stimmen der Neo-Traditionalisten - auch auf seinem zweiten Album "Ain't Lookin' Back". Wie klingt ein...
Der Song Bar Room Buddies wird 40
Kolumnen & Reportagen
Vor 40 Jahren waren Clint Eastwood und Merle Haggard für den Song "Bar Room Buddies" gemeinsam im Studio Clint Eastwood bringt man eher in Verbindung mit seinen Action-Filmen oder Western. Weniger...
Marty Stuart and his Fabulous Superlatives - Way Out West
CD Besprechungen
Große Gitarren, tolle Grooves, berührende Vocals: "Way Out West" von Marty Stuart hat alles, was ein großes Country-Album braucht. Er war Präsident der Country...