Margo Price - Strays

CD Cover: Margo Price - Strays

Mit ihrem neuen Album "Strays" singt Margo Price erneut erfolgreich gegen Stilschubläden an

So manchem Künstler sagt man mangelnde Authentizität nach. Das mag harmlos klingen, ist aber ein schwerer Anwurf. Denn er besagt kaum weniger, als dass der oder die Künstler/in nur so tut, als ob - dass in den Songs Lügengeschichten aufgetischt werden. Die Authentizität von Margo Price hat natürlich noch nie jemand ernsthaft in Frage gestellt. Im Gegenteil. Ihre unverblümte, schonungslose, mitunter schon fast schmerzhafte Aufrichtigkeit hat ihr nicht nur eine immer größer werdende Fangemeinde eingebracht, sondern auch jede Menge heißbegehrter Awards und höchstes Kritikerlob. Margo Price, so scheint es, singt ausschließlich über Dinge, die sie selbst erlebt hat. Tja, so geht authentisch...

Neugierig, experimentierfreudig und schonungslos ehrlich: Margo Price

Schon ihr 2016 erschienenes Solo-Debüt "Midwest Farmer's Daughter" zeichnete diese grundehrliche Haltung aus. In den Titeln schrieb sie gesellschaftskritisch und damit alles andere als unpolitisch über die Sorgen und Nöten der einfachen Menschen in den USA. Zum Beispiel wie ihre Eltern mit ihrer Farm in Illinois wirtschaftlich scheiterten und - da wird es schmerzhaft - auch über den Verlust ihres neugeborenen Sohnes (Margo Price bekam 2010 Zwillinge, eines davon starb kurz nach der Geburt an einem Herzleiden). Nach diesem Schicksalsschlag flüchtete sich die Sängerin und Songschreiberin in eine Welt, die Heilung versprach, in den Alkohol und die Drogen.

Margo Price hat in ihrem kaum 40-jährigen Leben also schon eine ganze Menge erlebt. Ein Erfahrungsschatz, den sie auch auf ihrem neuen, mittlerweile vierten Album "Strays" mit ihren Hörern teilt. Dass es der Künstlerin um Inhalte geht, zeigt sich auch in ihrer neuen Podcast-Reihe ("Runaway Horses" über Sonos Radio) und in ihrer kürzlich erschienenen Biografie "Maybe We'll Make It". Sehr poetisch wird es aber auch in einigen Tracks von "Strays", zum Beispiel in "Lydia" und "Landfill", zwei, das kann man so sagen, vertonte Gedichte.

Songs, mit sehr, sehr viel Text - und sehr, sehr wenig Akkord-Wechsel. Obwohl beide Titel mit durchschnittlich sechs Minuten Spieldauer rund doppelt so lang sind, wie übliche Country-Tracks, kommen die zwei Songs mit jeweils drei, vier Akkorden aus. Das ist herzlich wenig. Andererseits entfaltet diese Monotonie einen eigenwilligen lyrischen Sog. Vor allem bei der sehr düsteren Geschichte über "Lydia", in der es um "White Trash", "Trailer Parks" und herumliegende Heroinspritzen geht ("... don't go barefoot ..."). In diesem Song-Gedicht wird Margo Price zur Stimme der weißen Unterschicht, der Abgehängten, der Looser, der Hoffnungslosen.

Zum Glück bleibt es nicht über die gesamte CD-Strecke so düster-deprimierend. Getreu dem Albumtitel ("Streuner") unternimmt Margo Price vielmehr mit jedem Track einen musikalischen Ausflug, der sie mal in diese, mal in jene Richtung führt. "Ich fühle diesen Drang, immer weiterzugehen und dabei Neues zu schaffen", sagt sie über ihr Album. Ansonsten bleibe man ja auf der Stelle stehen. "Ich möchte meinen Horizont erweitern und versuche das zu finden, was meine Seele wirklich braucht", sagt sie.

"Strays" - eine musikalische Wundertüte mit mancher Überraschung

Dagegen gibt es partout nichts einzuwenden. Und wenn es der Seele hilft, dann sind auch Ausflüge in das Elektro-Genre ("..." gemeinsam mit der Indie-Pop-Sängerin Sharon Van Etten), in den Blues-Rock der Sixties ("Change of Heart") oder in den Madonna-typischen 80ies-Pop ("Time Machine") legitim. Die Zeitmaschine hat Margo Price bei "Strays" ohnehin mehrfach angeworfen. So geht es bei dem wuchtigen Folk-Rocker "Up" nicht nur wegen des Gitarrensolos mit Wah-Wah-Effekt wieder in die wilden 60er Jahre. Wer sich dabei an Tom Pettys Heartbreakers erinnert fühlt, liegt richtig. Schließlich ist Heartbreaker Mike Campbell als Gitarrist mit von der Partie.

Bei "You Call" (feat. Lucius) ging die Zeitreise aber unverkennbar ins Liverpool der 60er Jahre. Der Track erinnert in seiner hymnisch orchestrierten Harmonieführung so sehr an die Beatles, dass man bei den Credits am liebsten Lennon/McCartney dazuschreiben möchte. Und auch: Ringo Starr. Margo Price's Drummer kopiert in dem Song schließlich perfekt die etwas hölzerne, extrem reduzierte Spielweise des guten, alten Ringo. Doch das ist alles okay. Schließlich speisen so gut wie alle heutigen Songschreiber und Songschreiberinnen ihre Kompositionen aus dem letzten halben Jahrhundert Popmusik - und damit vor allem mit den Klängen der wichtigsten Band, der Beatles.

Das Glanzlicht von "Strays" setzt aber "Country Road". In der, von einer bezaubernden Klavier-Melodie und einer weinenden Pedal-Steel-Guitar geprägten Country-Folk-Ballade erinnert Margo Price an Fleetwood Mac zu deren besten Zeiten. Ein exzellenter Song. Ein Titel, der Hoffnung macht, der einen auf einen Tagtraum schicken kann und der natürlich der ideale Begleiter für einen Roadtrip ist. Ja, das Leben kann hart sein - aber auch verdammt schön. Frag nach bei Margo Price.

Fazit: In den zehn, von Margo Price und Jonathan Wilson (Father John Misty) produzierten Songs von "Stray" breitet die Sängerin ein ganzes Füllhorn an musikalischen Einflüssen aus. Ihre Country-Kernkompetenz kommt dabei leider etwas zu kurz. Dennoch: ein starkes Album!

Label: Loma Vista / Concord (Universal) VÖ: 13. Januar 2023
Disk 1
01 Been to the Mountain
02 Light Me Up (mit Mike Campbell)
03 Radio (mit Sharon van Etten)
04 Change of Heart
05 County Road
06 Time Machine
07 Hell in the Heartland
08 Anytime You Call (mit Lucius)
09 Lydia
10 Landfill
vgw
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