Jennifer Nettles - That Girl

Dass die Elternschaft Menschen verändert, ist nicht neu. Diese Erfahrung scheint auch Jennifer Nettles gemacht zu haben - jedenfalls zeigt sich die ehemalige Sugarland-Vollgas-Sängerin bei ihrem Solo-Debüt "That Girl" von einer gänzlich neuen, erstaunlich ruhigen Seite.

Reifer, erwachsener, ernster, leiser. Das sind so die Attribute, die einem nach Durchhören der elf, von Rick Rubin (Johnny Cash) produzierten CD. Zum schüchternen Mauerblümchen ist die temperamentvolle Shouterin aus Georgia natürlich nicht mutiert. Zum Glück, muss man sagen.

Mit Sugarland und ihrem damaligen Partner Kristian Bush war sie mit rockigen Riffs und wuchtigen Drums auf Erfolgskurs. Über 14 Millionen Alben hat die Band verkauft. Sie haben mit ihrer Mixtur aus Country, Rock, Pop und - nicht zuletzt - der wuchtigen Stimme von Jennifer Nettles die perfekte Rezeptur für den Country-Mainstream gefunden. Sich davon zu verabschieden ist schon mal ein Risiko. Dann auch noch einen neuen Kurs einzuschlagen, ein noch wesentlich größeres.

Doch die blonde Sängerin und Songschreiberin wagt es. Dazu ermutigt dürfte sie Rick Rubin haben. Der bärtige Bär hat immerhin Johnny Cash mit der "American Recording"-Reihe zum dritten Karriere-Frühling verholfen und ihn damit letztendlich unsterblich gemacht. Ganz so weit werden die Sessions mit Nettles musikhistorisch natürlich nicht greifen. Dafür ist der Songreigen zu brav und zu gesittet - dafür aber sehr gefällig, mitunter auch hochwertig.

Anstatt der rabiaten E-Gitarre von Kristian Bush dominieren auf "That Girl" akustische Gitarrenklänge. Alleine dieser Umstand wirkt sich auf die Stimmung, die Atmosphäre der CD gewaltig aus: statt dem Country-Rock/Pop zu Sugarland-Zeiten serviert Nettles folkige, soulige und jazzige Klänge. Mit Country haben viele Songs allerdings nur mehr wenig zu tun. Eigentlich verweist sie nur noch beim Opener "Falling" auf ihre countrygefärbten Roots. Mit gutem Willen auch noch bei dem mit rhythmischen Reggae-Akzenten aufgemöbelten "Moneyball". Egal, Country hin oder her - die Songs machen Laune.

Rick Rubin scheint es gelungen zu sein, das früher gelegentlich überbordende Temperament der Sängerin zu kanalisieren, zu dosieren. So ist es durchaus angenehm, sie mit angezogener Handbremse zu hören. Das leise "Me Without You" entfaltet so eine herrlich melancholische Stimmung, genau wie "This Angel", bei dem sie ihre Mutterfreuden gefühlvoll ausbreitet. Dass die Dame auch in komplexen Jazz-Gefilden zu bestehen weiß, macht sie in "Jealousy" und dem mit einem strammen Bläsersatz ausgestatteten "This One's For You" deutlich. Klasse Leistung!

Den stilistischen Bogen rundet ein perkussiver Tex-Mex-Ausflug beim Titeltrack, der reinrassige Rock 'n' Roll bei "Know You Wanna Know" und eine soulige, überaus gelungene Version des Bob-Seger-Klassikers "Like A Rock" ab. Allen stilistischen Verbeugungen ist ein eindeutiger Vintage-Sound gemein. Keine schlechte Wahl für die Sängerin und diesen Songs.

Fazit: Produzent Rick Rubin zügelte ihr Temperament: Die junge Mutter zeigt bei ihrem Solo-Debüt, dass sie auch leise und vielseitig kann. Leider aber wenig Country, dafür aber reichlich Hörspaß mit größtenteils gelungenen Songs.
Label: Mercury Nashville (Universal) VÖ: 11. April 2014

  • Titelliste

01 Falling 07 This One's For You
02 Me Without You 08 Know You Wanna Know
03 Moneyball 09 Thank You
04 That Girl 10 Good Time to Cry
05 This Angel 11 Like A Rock
06 Jealousy


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