Auf ihrem 2026er Album "Honest Woman" hat sich Carly Pearce einige Gäste eingeladen: Riley Green, Molly Tuttle und Dan Tyminski
Mehr Country geht eigentlich nicht: Aufgewachsen in einem Kaff in Kentucky, mit elf erste Banderfahrungen in einer Bluegrass-Formation, mit 16 schmiss sie die Schule, um in Dolly Partons Musik-Entertainment-Park "Dollywood" (in den Smoky Mountains) als Sängerin zu arbeiten. Mit 19 – natürlich! – zog sie nach Nashville. Keine Frage, Carly Pearce liebt und lebt die Musik. Einer Überzeugungstäterin wie ihr gönnt man den Erfolg – und den hatte sie von Anfang an. Alle ihre ersten drei Alben eroberten Spitzenpositionen in den Country-Charts, und dazu respektable Plätze in der amerikanischen Top 200-Liste.
Aber (und auch das gehört zur Wahrheit) ihre letzten beiden Longplayer ("29: Written in Stone" und "Hummingbird") aus den Jahren 2021 und 2024 konnten diesen Erfolg nicht weiter untermauern. Sie landeten im Mittelfeld. Für eine Ausnahmekünstlerin wie Carly Pearce, die schon mit Country- und Crossover-Superstars wie Michael Bublé, Chris Stapleton oder Ashley McBryde zusammengearbeitet hat, eine Enttäuschung.
Carly Pearce: den musikalischen Kompass neu genordet
Mit "Honest Woman", ihrem fünften Studioalbum, möchte die mittlerweile 36-jährige Künstlerin jetzt wieder an alte Glanztaten anschließen. Mit erdigen, ehrlichen Songs aus dem Country-, Country-Rock oder Bluegrass-Fach – mit einem Sound also, der ganz klar auf ihre musikalische Herkunft verweist. Songs ohne Schnickschnack, ohne überflüssiges Klimbim, dafür aber mit jeder Menge authentischer Klänge und glaubwürdigen Emotionen. So viel vorab: So stark hat man Carly Pearce seit ihrem zweiten, gleichnamigen Album aus dem Jahr 2020 nicht mehr erlebt.
Es fällt nicht so leicht, aus dem 16 Songs starken Set von "Honest Woman" einzelne Tracks herauszupicken. Denn: Alle sind sie gut. Jeder einzelne würde sich eine Erwähnung verdienen. Angefangen vom Opener, der gefühlvollen Bluegrass-Folk-Ballade "Dream Come True" bis zum finalen Track, dem reduzierten, melancholischen Akustik-Folk von "Why God Why Me". Schon diese beiden Pole des neuen Longplayers definieren ihr sensibles, schonungslos ehrliches Songwriting; ihr Gefühl für herrlich melodische Harmonieverbindungen und ihrem aus ganzer Seele stammenden Gesangsvortrag. Das kann man nicht lernen, das hat man – oder man hat es nicht.
Sie hat es. Im Überfluss, wie der Songreigen von "Honest Woman" belegt. Erstaunlicherweise reduzieren sich ihre Writing- und Performance-Stärken nicht nur auf reduzierte Folk- oder wurzelschürfende Bluegrass-Klänge. Im Gegenteil. In dem schmissigen Country-Song "She Don't" lässt sich glatt an die besten Momente von Lady A. denken; im launigen, höchst frivolen Honky-Tonk-Track "You Can Have Him" beweist sie augenzwinkernd absolute Club- und Saloon-Tauglichkeit und – um die Sound-Range noch zu erweitern – erinnert sie in dem dynamischen, mal synkopiert zurückhaltenden, mal fordernd rockigen "How Long" an den Little Big Town-Knaller "Little White Church".
"Honest Woman": 16 Songs der Premium-Klasse
In der zweiten Albumhälfte präsentiert Carly Pearce noch drei absolut gelungene Kooperationen: In der Ballade "If I Don't Leave I'm Gonna Stay" teilt sie sich mit Riley Green das Mikro, bei dem wunderbaren Bluegrass-Song "Who's Lying Here" macht sie mit Genre-Schwergewicht Dan Tyminsky gemeinsame Sache und bei dem Herzschmerz-Track "What If You Loved Me" holte sie sich – neben Tyminsky – noch die junge Bluegrass-Queen Molly Tuttle ins Studio. Kann da noch was schiefgehen? Auf keinen Fall!
Fazit: Die zweijährige Pause hat Carly Pearce gut genutzt und, wie es scheint, ihren musikalischen Kompass neu genordet: "Honest Woman" ist gleichzeitig Rückbesinnung auf ihre Country- und Bluegrass-Roots und Neuausrichtung ihrer Karriere. Top-Album!










