Der Pferdefilm und seine Renaissance

CountryMusicNews.de wirft einen Blick auf die Historie des Pferdefilms.

Nicht nur anlässlich des Kinostarts von "Ostwind - Aufbruch nach Ora" wird deutlich, dass der Pferdefilm eine Renaissance erlebt. Aber was haben die verschiedenen Subgenres dieses Segments mit dem jeweiligen Zeitgeist zu tun?

Das Genre des Pferdefilms hat eine lange Tradition. Und das ist kein Wunder: Kein Wesen symbolisiert die Attribute Unabhängigkeit, Kraft und Stärke so stark wie die eleganten Vierbeiner - ein ungezähmt über die Weiden galoppierendes Pferd ist der Inbegriff von Freiheit. Weshalb sich gerade Mädchen so stark zu den Tieren hingezogen fühlen, ist bis heute nicht genau erforscht. Manch ein Psychoanalytiker kam schon zu der Erkenntnis, Pferde besäßen eine sexuelle Komponente, die aus verschlossenen Außenseiterinnen mutige Draufgängerinnen machen könnte.

Fest steht: Wer ein 600 Kilogramm schweres Tier unter Kontrolle bringen kann, dessen Selbstbewusstsein hat nicht unbedingt darunter zu leiden. Ganz im Gegenteil. Und so lässt sich die Faszination von dem immer gleichen Handlungsstrang "Ein Mädchen trifft ein unzähmbares Pferd und beide werden Freunde" immerhin im Ansatz erklären. Denn Pferde sind in der Lage, den Menschen zu Höchstleistungen zu ermutigen, geben Kraft und Hoffnung, lassen ihn über den Tellerrand blicken und sind die fleischgewordene Schulter zum Anlehnen. Gerade für Mädchen, die sich und ihre Stärken gerade erst entdecken, ist so ein Tier der ideale Zufluchtsort - kein Wunder also, dass diese Form der Selbstfindung auch als Film ganz hervorragend funktioniert.

Und so zieht sich das Genre des Pferdefilms durch sämtliche Jahrzehnte. Angefangen bei Klassikern wie "Black Beauty" oder "Flicka" über Sportdramen wie "Seabiscuit" bis hin zu den brandaktuellen "Ostwind"-Filmen mitsamt Trittbrettfahrer, von denen manche mehr, andere weniger gelungen sind. Denn in keinem Genre sind echte Emotionen so wichtig, und im Umkehrschluss vordergründiger Kitsch so schädlich, wie in diesem Fall.

Black Beauty und Co. - Wunderpferde, so weit das Auge reicht

Das auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1877 basierende Abenteuerdrama "Black Beauty" gehört gleichsam zu den ersten und den bekanntesten Werken aus dem Segment der Pferdefilme. Ähnlich solcher Produktionen wie "Flipper" oder "Lassie" steht hier ein Tier im Mittelpunkt, das sich durch menschliche Fähigkeiten definiert und in der Lage ist, gezielt im Sinne seiner Menschen zu denken und zu handeln. Das Ziel dahinter soll sein, einerseits die Intelligenz und Selbstständigkeit der Tiere zu betonen, nur um sie gleichzeitig so stark zu vermenschlichen, dass man von realistischem Verhalten der Vierbeiner und Flossenträger eigentlich gar nicht mehr sprechen kann. Zugleich lassen sich so aber auch Abenteuer bestreiten, die sich für die große Leinwand erst recht anbieten. Ein Pferd wie Black Beauty wird zum Helden, weil es in der Lage war, seinen Menschen aus gefährlichen Situationen zu befreien, was im Umkehrschluss eine innige Verbindung zwischen Zwei- und Vierbeiner nach sich zieht.

Die Faszination für Tierfilme geht zum damaligen Zeitpunkt Hand in Hand mit einem Umdenken - weg vom zweckmäßigen Arbeitstier, hin zum Freund und Weggefährten. Wer genau hinschaut, erkennt in Filmen wie "Black Beauty" immer auch den Versuch, den Menschen, der das Pferd jahrelang für seine Zwecke genutzt und dabei wenig Wert auf artgerechte Haltung und Versorgung gelegt hat, von seinem schlechten Gewissen zu befreien. Fortan spricht man dem Pferd einen eigenen Willen zu, bisweilen sogar übernatürliche Fähigkeiten (wir erinnern uns: ein "Mister Ed" durfte sogar sprechen). Erst, als sich der Zustand normalisiert, widmen sich Pferdefilme auch verstärkt dem alltäglichen Business - Pferdesportfilme kommen groß in Mode.

Seabiscuit, Jappeloup und weitere Helden im Parcours und auf der Rennbahn

Es steckt viel Wahrheit in der Floskel, dass die besten Geschichten immer noch das Leben schreibt. So erkannten Filmemacher irgendwann, dass sie sich für wirklich emotionale Heldenstorys gar keine Wunderpferde ausdenken, sondern einfach auf die pferdesportliche Historie blicken müssen. Dem 1933 geborenen Rennpferd Seabiscuit sagt man nach, dass es auf dem Höhepunkt seiner Karriere mehr Platz in den Medien erhielt, als Adolf Hitler. Und das französische Springpferd Jappeloup de Luze wurde durch sein Stockmaß von gerade einmal 1,58m zum Publikumsmagneten auf sämtlichen internationalen Springreitwettbewerben (wir fragen uns an dieser Stelle, wann der erste Kinofilm über den Wunderhengst Totilas wohl in die Kinos kommen wird). Auch der Galopper Secretariat, eines der erfolgreichsten Rennpferde aller Zeiten, erhielt im Zuge dieses Booms seinen eigenen Kinofilm. Nicht zuletzt, da solche Erfolgsgeschichten oftmals mit einem dramatischen Hintergrund verwoben sind, eignen sich all diese Produktionen hervorragend für die große Leinwand. Schließlich sorgt es kaum für große Aufmerksamkeit, wenn ein Pferd erfolgreich ist, von dem das vorab zu erwarten war.

Kritisiert wird damals wie heute die häufig dominante Romantisierung der Branche, wodurch die Pferdesportszene gern in einem weitaus besseren Licht dargestellt wird, als es die realistischen Umstände hergeben würden. Kein Wunder: In einem Film über eine heroische Geschichte darüber, wie ein Reiter sein Pferd überraschend zum Sieg führt, ist kein Platz für mitunter äußerst harsche Trainingsmethoden. Hier bildet ausgerechnet ein in den kommenden Wochen erscheinender, deutscher Pferdefilm eine lohnenswerte Ausnahme, auf welchen wir im dritten Teil dieses Beitrags noch zu sprechen kommen werden.

All diese Schicksale eint, dass sie universell verständlich sind. Das Bewundernswerte hinter der Story von Seabiscuit ist im Heimatland USA ebenso nachvollziehbar, wie in Deutschland oder in anderen Ländern. Gleichzeitig sind sie immer auch in Teilen mit dem Land verbunden; wer einmal einen Film über amerikanische Rennpferde gesehen hat, der weiß, dass der Patriotismus auch hier eine entscheidende Rolle spielt. Insofern sind Pferdefilme gar nicht mal so anders, als Erzählungen über jede andere Sportart. Gerade Amerikaner sind für nationale Erfolgsgeschichten einfach besonders anfällig.

Ostwind sei Dank: Der moderne Pferdefilm kann sich sehen lassen

Heute wurde ein Großteil wegweisender Sportpferdeschicksale verfilmt. Das Prinzip hinter derartigen Produktionen hat jeder durchschaut und auch auf die bewährte Wunderpferd-Formel hat mittlerweile kaum noch Jemand ernsthaft Lust. Außerdem macht YouTube der Fiktion Konkurrenz: Auf dem Videoportal lassen immer mehr junge Reiterinnen ihr Publikum an ihrem ganz eigenen Pferdeabenteuer teilhaben. Im Heimkino wurde das Genre indes weiterhin am Leben gehalten: Filme wie "50:1" oder "Cowgirls & Angels" auf der einen, klassische Pferde-Mädchen-Szenerien auf der anderen Seite; von Alina und Moondance über Danny und Klara bis hin zu Winky hat schon jedes Teenager-Mädchen dieser Welt ihr eigenes, leinwandtaugliches Seelenpferd gefunden.

Doch dank der Leidenschaft von Regisseurin Katja von Garnier erlebt gerade dieses Genre aktuell Hochkonjunktur. Die von dem ebenfalls auf einem Roman basierenden Stoff persönlich begeisterte Filmemacherin kombinierte in ihrem ersten Film "Ostwind" das klassische Motiv eines unzähmbaren Hengstes mit den modernen Bedürfnissen einer rebellischen Teenagerin und lässt die beiden Figuren einander ergänzen. Das Besondere: Mit ihrer Geschichte muss sie Niemandem mehr etwas beweisen, kein Statement abgeben und kann sich somit ganz auf das Leitthema Freiheit konzentrieren, das sich dafür ausspricht, Pferde auch mal Pferd sein zu lassen. Im Zuge des Erfolgs kamen nicht bloß zwei weitere Teile zu dem Franchise in die Kinos, sondern auch einige Trittbrettfahrer. Der neueste "Hanni & Nanni"-Film versteht sich als eine Art Mischung aus "Ostwind" und Detlev Bucks Pferde nur am Rande behandelnden "Bibi & Tina"-Musicals, während "Wendy - Der Film" sich lediglich auf dem Niveau einer Direct-to-DVD-Produktion (mithilfe vorgegaukelter anstatt wahrhaftiger Leidenschaft) damit befasste, Mensch und Pferd zu einer Einheit werden zu lassen.

Eine Art Quantensprung ist da in naher Zukunft indes das Jugenddrama "Rock My Heart". In dem Film mit Dieter Hallervorden geht es zwar auch irgendwie darum, dass eine junge Frau und ein ungestümes Pferd mit der Zeit zusammenfinden. Doch erstmals überträgt ein Regisseur dieses märchenhafte Szenario in die Realität und spart den knallharten Alltag im Rennsportgeschäft ebenso wenig aus, wie die großen Dramen des Erwachsenwerdens. Wenn die Zukunft des Pferdefilms so aussieht, freuen wir uns auf sie!

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