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Zugegeben: Er ist nicht gerade mein Lieblings-Country-Sänger. Ein Deutscher der Country macht ... braucht man das? Dann meist auch noch in deutscher Sprache ... Natürlich war mir klar, dass es bei dem Mann aus dem Sauerland stimmlich und handwerklich nichts zu Mäkeln gibt. Und, wer mal seine CDs genauer anhört, weiß, dass Tom Astor für die Sessions stets nach Nashville fliegt, um dort mit den Stars der Zunft seine Songs einzuspielen. Kurz: ein Profi. Aber Tom Astor bringt weit mehr mit, als eine disziplinierte Einstellung zu seinem Beruf. Der erfolgreichste deutsche Country-Barde lebt und liebt was er macht. Er steht voll hinter seiner Musik und seinen Fans. Und: Er wird in den Studios und Musikverlagen von Nashvilles Music Row beileibe nicht mehr als Paradiesvogel betrachtet, sondern als Kollege respektiert. Was bestimmt auch an seiner angenehmen, unangestrengten und humorvollen Art liegen mag. Das Interview mit ihm hat deshalb jede Menge Spaß gemacht - und mir auch einige erfrischend neue Einblicke beschert. Auch wenn ich auch in Zukunft im Zweifelsfall eher Tracy Lawrence oder Tim McGraw als Tom Astor im CD-Player rotieren lasse, ist mein Respekt für den Überzeugungstäter der Countrymusik deutlich gestiegen. Wenn er das nächste Mal in der Stadt spielt, gehe ich hin. Auf alle Fälle ...
CMN: Wie lange dauern die Sessions normalerweise in Nashville?

TOM ASTOR: Da ist vieles vorgeschrieben. Normalerweise dauert eine Sessioneinheit drei Stunden, dann gibts eine halbe Stunde Pause, dann gehts weiter. Wenn wir gut vorbereitet und die Songs nicht zu kompliziert sind, brauchen wir etwa 45 Minuten, dann ist ein Song komplett im Kasten.

CMN: Dann ist es ja vielleicht sogar billiger, ein Album in Nashville aufzunehmen als in Deutschland?
TOM ASTOR: Na ja ... Das ist auch nicht der Grund, warum ich immer nach Nashville gehe. Ich habe es auch schon mal in Deutschland probiert und hatte dann verschiedene Musiker aus Hamburg, Amsterdam und München organisiert. Aber bei einer einfach so zusammen gewürfelten Truppe fehlt einfach die Wärme.

CMN: Und wie ist es für dich, wenn du live spielst? Deine "Nashville-Musiker" sind dann ja auch nicht dabei...
TOM ASTOR: Ja gut, aber die Musiker, die dabei sind, haben sehr hohe Ansprüche an sich selbst. In meiner Band ist z.B. Markus Winstroer aus Neuss. Markus ist für mich einer der besten deutschen Gitarristen. Sehr gefragt. Derzeit ist er mit Westernhagen auf Tour. Unter anderem hat er bei den ganzen Wolfgang-Petri-Aufnahmen gespielt. Markus Winstroer ist ein bisschen wie ein deutscher Brent Mason, ein Voll-Profi. Er arbeitet auch sehr hart dafür, vergleichbar mit den Amerikanern.

CMN: Arbeiten Deutsche und Amerikaner denn unterschiedlich?
TOM ASTOR: Die Amerikaner arbeiten sehr professionell, das ist eben ihr Job. Hinzu kommt eine Menge Kreativität.

CMN: Wer zählt denn in erster Linie zu deinem Publikum?
TOM ASTOR: Das ist ganz unterschiedlich. Bei Konzerten sind Kinder da, Jugendliche und auch Ältere bis ungefähr 60 Jahre.

CMN: Hast du den Eindruck, dass Country-Music auf dem deutschen Markt stärker wird?
TOM ASTOR: Das hängt von so vielen Dingen ab. Zum Beispiel vom Fingerspitzengefühl bei der Vermarktung. Vor allem aber muss man diesem Cowboy-Image entgegenarbeiten. In den USA ist Country auch Musik für die Jugend, was man in Deutschland nicht unbedingt sagen kann.

CMN: Meinst du, dass Bands wie The BossHoss für Country etwas zum Positiven bewirken können? Oder parodieren sie die Musik mit ihrem Verhalten eher und schmälern damit ihren Ruf?
TOM ASTOR: Das muss sich wohl erst noch zeigen. Wenn sie in Gesprächen und Interviews dazu stehen, dass sie Country-Musiker sind, ist das für unser Genre bestimmt gut. Was mir aber in letzter Zeit immer wieder auffällt ist, dass viele junge Menschen gar nicht wissen, was Country-Musik überhaupt ist. Wenn man ihnen einen Country-Song vorspielt, finden sie ihn gut, bis man ihnen sagt, dass das Country ist. Leider hat Country ein sehr schlechtes Image und wird immer in die gleiche Schublade geschoben. Ganz unbeteiligt daran sind aber auch die Medien nicht. Hier gibt es ein totales Informations-Defizit. Viele junge Leute wissen einfach nicht, dass Rock ´n´ Roll eine Mischung aus schwarzem Blues und Country Musik ist, und dass Rock ´n´ Roll wiederum die Basis für die gesamte Rock- und Pop-Musik bildet. Ich habe kürzlich einen tollen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen gelesen. Der Autor beschrieb hier, wie die Country-Musik durch die Pop- und Rockmusik in den letzten 40 Jahren ausgebeutet wurde. Das hat mir richtig aus der Seele gesprochen. Viele moderne Songs aus dem Pop- und Rockgenre sind einfach nur geklaut. Zusammenfassend kann man wohl sagen: Das Cowboy-Image muss weg. Ich denke, genau daran arbeitet auch gerade die Plattenfirma EMI mit ihrem Künstler Keith Urban.

CMN: Ist der nicht schon eher dem Pop und Rock zuzurechnen?
TOM ASTOR: Nein, das finde ich überhaupt nicht. Für mich ist Keith Urban ein Country-Musiker. Die Grenzen sind zwar fließend, aber gegenüber der Rock- und Popmusik, die man sonst hier hört, setzt er sich total ab.

CMN: Gut, er steht der Country-Musik sicher näher als z.B. Madonna. Allerdings steht in der Biographie der Plattenfirma kein Wort von Country.
TOM ASTOR: Ich denke, das liegt daran, dass die Plattenfirmen Angst haben, dass sich eine Platte schlechter verkauft, wenn der Sänger mit Country in Verbindung gebracht wird.

CMN: Wer zählt denn von den jüngeren Country-Musikern zu deinen Lieblingen?
TOM ASTOR: Tim McGraw find ich sehr gut. Er hat eine gute Stimme und macht zwar moderne, aber trotzdem sehr schöne Musik. Doch eigentlich gefallen mir eine Menge jüngerer Country-Sänger gut. Im Prinzip müsste man sich hier nur die Richtigen raussuchen und diese dann richtig vermarkten. Dann wäre dem Country schon sehr geholfen.
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