Jewel: Den Kreis schliessen und heimkehren zur Country Music

Jewel; Foto: Kurt Markus

Jewel verliebte sich schon früh in Worte. Und dieses Liebesverhältnis dauert bis heute an. "Ich war fasziniert von Worten und davon, dass man über die konkreten Worte hinaus viel mehr sagen kann," sagt die Sängerin und Songschreiberin. "Da ich in einer sehr abgelegenen Gegend aufwuchs, war Lesen ein wichtiger Zeitvertreib. Ich habe Philosophen gelesen, die Klassiker und Gedichte. Ich liebte es."

Das Aufwachsen auf einer abgelegenen Ranch in Alaska war kein Hindernis für die junge Frau, die mit 15 anfing, Songs zu schreiben - im Gegenteil. Die meisten Menschen würden es wohl als ziemlich hart empfinden, in der Wildnis aufzuwachsen, ohne fließendes Wasser und Toilettenspülung. Für Jewel war es einfach ihr Leben und diese Lebensumstände wurden zur Grundlage ihrer Songs und ihrer künstlerischen Arbeit.

Was man als Performer können muss, lernte sie von den Eltern, denn beide waren Musiker, die auch Alben aufgenommen hatten. Bereits mit 6 Jahren fuhr Jewel auf dem Hundeschlitten zu Auftritten ihrer Eltern in abgelegenen Teilen Alaskas mit. Nach der Scheidung der Eltern, als Jewel 8 Jahre alt war, sang sie mit dem Vater im Duett. Mit 15 Jahren trat sie mit einem Soloprogramm auf.

Als Jewel am Interlochen Centre for the Arts studierte, einer privaten Kunstschule in Michigan, fuhr sie während der Frühlingsferien für zwei Wochen nach Mexiko. Sie spielte auf der Straße und war fasziniert von der mexikanischen Kultur. Diese Reise war eine weitere wichtige Erfahrung für die aufstrebende Künstlerin, die sie zum Schreiben von Liedern anregte. Die Landschaft, die Familienwerte, die sie in Alaska lernte, und die Emotionen, die jeden im Verlauf des Lebens beschäftigen sind wiederkehrende Themen. Um eine Countrysängerin zu werden, hätte Jewel sich keinen besseren Background aussuchen können. Allerdings blieb Jewel nicht nur im Bereich der Country-Musik: Nach ihrem Umzug nach San Diego, Kalifornien,musste sie aus verschiedenen Gründen für eine Weile in ihrem Auto übernachten.

"Ich verlor meine Wohnung, als ich aus meinem Job gefeuert wurde - ich hatte mich geweigert, mit meinem Boss Sex zu haben," erinnert sich Jewel. "Ich wäre damals fast an Blutvergiftung gestorben, denn ich war nierenkrank. Ich geriet in diesen Teufelskreis der Armut und konnte mich nicht daraus befreien.

"Das ganze hatte nichts mehr damit zu tun, dass ich eigentlich Künstlerin bin und versuchte, mir meinen Traum zu erfüllen," erklärt sie. "Ich habe damals angefangen, Songs zu schreiben, um Geld zum Überleben zu haben. Dann hat aber ein Radiosender einen Mitschnitt meiner Songs in einer Sendung gespielt und meine erste Plattenfirma hat ihn gehört."

Jewel; Foto: Kurt MarkusDieses Label, Atlantic Records, verhalf Jewel zu ihrem ersten Plattenvertrag - kurz vor ihrem 19. Geburtstag. 1995 brachte Atlantic dann Jewels Debütalbum, "Pieces of You", heraus. Als es sich in den ersten neun Monaten nach der Veröffentlichung etwa 3.000 Mal verkaufte, beschloss Jewel, mit ihrer Musik zu den Leuten - und erstmalig auf Tour - zu gehen.

Und ihre Musik kam an: Ein Jahr später hatte sie mit "Who Will Save Your Soul" einen großen Hit. Es war eins der Stücke, die sie auf ihren Reisen durch Mexiko geschrieben hatte. Zwei weitere Singles, "You Were Meant for Me" und "Foolish Games" trieben die Verkaufszahlen ihres Albums weiter in die Höhe. Es verkaufte sich schließlich über 11 Millionen Mal und damit wurde Jewel zu einem der erfolgreichsten lebenden Singer-Songwriter überhaupt.

Trotz ihres Erfolgs bei alternativen Radiosendern, die Musik abseits des Mainstreams spielen, war Jewel eigentlich immer der Meinung, dass ihr Songwriting in den Bereich Country gehört: Nicht zuletzt gehören die Lyrics von Merle Haggard und die frechen Songs von Loretta Lynn zu ihren wichtigsten Einflüssen, beispielsweise "The Pill" und "Fist City".

"Als ich anfing, waren alternative Radiosender meine einzige Chance, gehört zu werden - die Sendeformate waren offen, nach dem Motto: 'Alles geht'" sagt Jewel. "Aber jetzt sind auch Country-Radiosender ziemlich offen. Man hört dort traditionellen Country, wie zum Beispiel von George Strait, aber auch Interpreten, die viel mehr nach Pop klingen, wie Rascal Flatts. Es ist der Spirit, der die Country-Musik definiert. Ich glaube, jedes meiner Stücke hätte auch auf dem Country-Markt eingeschlagen."

Jewel wusste spätestens, dass sie ihrem Gespür für Musik trauen konnte, als Merle Haggard anrief und sie bat auf einer Compilation mitzusingen: "For the Record 43 Legendary Hits" versammelte 1999 Merle Haggards Nummer-Eins-Singles. "Ich war geschockt und natürlich geschmeichelt, dass Merle mich kannte" erzählt Jewel. "Ich nahm zwei Songs mit ihm auf, 'Silver Wings' und 'That's the Way Love Goes'. Und dann bat er mich auch noch, auf der CMA Awards Show, der Preisverleihung der Country Music Association, mit ihm aufzutreten."

Bald kam Jewel regelmäßig nach Nashville. Sie führte Gespräche mit Atlantic Records über ein Country-Album, aber dort war man nicht begeistert. Schließlich beendete Jewel die Zusammenarbeit mit diesem Label, weil sie "überzeugt war, dass die Country-Musik meine wahre Heimat ist."

Und Nashville empfing sie mit offenen Armen. 2007 bat man Jewel, die Talentshow "Nashville Star" zu moderieren, die damals über das USA Network ausgestrahlt wurde. Dort traf sie John Rich, eine Hälfte des Duos Big & Rich, der ihr vorschlug, als Songwriter zusammenzuarbeiten. Jewel war gerade dabei, Songs für ihr erstes Country-Album zusammenzutragen, das schließlich als "Perfectly Clear" veröffentlicht wurde. Als sie Rich etwas davon vorspielte, sah er ein, dass Jewel bereits gutes Songmaterial geschrieben hatte und bot sich für das Album als Koproduzent an.

Spontan engagierten sie Musiker, mit denen sie 10 Songs in nur zwei Tagen aufnahmen. Jewel erklärt: "Ich wusste genau, wie dieses Album klingen sollte." "Einige der Stücke habe ich schon mit 16 oder 18 geschrieben. Schon damals wusste ich, dass ich mal ein Country-Album machen würde."

Rich und Jewel sitzen übrigens bei der aktuellen Staffel von "Nashville Star" (die jetzt bei NBC ausgestrahlt wird) in der Jury. Als Produzenten bildeten die beiden ein exzellentes Tandem, denn sie beide haben die gleiche Vorstellung von der Studioarbeit. Jewel betont: "Ich glaube an die Geschichte, die ein Song erzählt." "Mein Ego sollte sich da nicht einmischen, und auch der Produzent nicht. John ist das Songwriting auch sehr wichtig, also haben wir es beide dem Song überlassen, seine Geschichte zu erzählen."

Umgekehrt war Rich ebenfalls begeistert von Jewel. Er schwärmt: "Sie ist einer der größten Singer-Songwriter überhaupt, egal in welchem Genre. Im Studio ist sie einer der kreativsten Menschen, mit denen man zusammenarbeiten kann." "Es war für mich wirklich eine große Ehre, mit jemandem ihres Formats zusammenzuarbeiten."

Jewel; Foto: Kurt MarkusAm 3. Juni 2008 wurde "Perfectly Clear", von The Valory Music Company veröffentlicht. Das Album besteht aus 11 Songs, von denen Jewel bis auf ein Stück alle selbst geschrieben oder zumindest teilweise geschrieben hat. In den Lyrics wird klar, dass Jewel Worte immer noch sehr liebt. Das zeigt sich im Titelstück "Perfectly Clear", wo es heißt: "five years worth of kisses packed in your bag" ("Küsse für fünf Jahre sind in deine Tasche gepackt") oder auch in "Love is a Garden", in dem sie die Liebe mit dem Einpflanzen von Samen in einem Garten vergleicht, die dann von ihr "mit Küssen genährt" werden. Der einzige Cover-Song des Albums, "Till it Feels Like Cheating", geschrieben von Lisa Carver und Liz Rose, kam aufs Album, weil er, wie Jewel sagt, "wie ein Song klang, den ich eigentlich hätte schreiben sollen". Darin findet sich die gleiche Sinnlichkeit und Empfindsamkeit wie in "Garden": "Kiss me like we're about to sin" singt Jewel hier - "Küss mich, als stünden wir davor zu sündigen."

Immer versucht Jewel einen Mittelweg zu finden zwischen dem extravaganten, "anspruchsvollen" Song, der kein Publikum findet und der eingängigen Eintagsfliege, der ein Hit wird aber keine Aussage hat. Jewel ist klar, dass ihre Vorbilder, Merle Haggard, Loretta Lynn und andere überdauert haben weil "ihre Sicht der Dinge damals einzigartig war". Genau so versucht Jewel, in ihrer Arbeit einen Blickwinkel zu finden, der einzigartig und zugleich leicht nachvollziehbar ist.
Jewel erklärt: "Ich würde nichts rückgängig machen wollen." "Ich bin stolz darauf, dass mein erster Song, 'Who Will Save Your Soul', sich nicht um die Dinge dreht, über die 15- oder 16-Jährige sonst schreiben. Es ging um ziemlich wichtige soziale Themen. Aus meiner Sicht gab es eine Menge Widersprüche, Brutalität - aber auch sehr viel Schönes.

Sie fährt fort: "Das Schreiben hilft dabei, sich mehr auf die hoffnungsvollen Aspekte des Lebens zu konzentrieren und auch härter zu arbeiten. Und nicht apathisch zu werden." "Ich erinnere mich daran, wie ich die großen russischen Schriftsteller gelesen habe, die während der Russischen Revolution geschrieben haben. Deren leidenschaftliche Gefühle haben mich beflügelt. Ich bin stolz auf mein Leben und stolz darauf, dass es etwas Schönes geworden ist. Ich glaube, dass es mir zu einem Geschenk verholfen hat, das ich sonst nicht bekommen hätte."

Jewel besteht darauf, dass sie jetzt genau da ist, wo sie hinwollte und dass sie in der Country-Musik ihre Heimat gefunden hat. Jewels Fazit lautet: "Man tut all das nur aus Liebe zur Kunst, und deshalb müht man sich jeden Tag ab, wirklich gut zu sein und berühmt zu werden. "Letzten Endes aber muss ich meiner Musik treu bleiben und die Geschichte so gut wie möglich erzählen."

vgw
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