Alan Jackson; Foto: Russ Harrington

Das Ende von Alan Jacksons neuestem Album "Good Time" wird von einem krassen Gegensatz bestimmt. Der vorletzte Track, "If You Want to Make Me Happy", spielt in einer Bar, in der der Alkohol in Strömen fließt und traurige Songs aus der Jukebox erklingen. Dagegen ist der letzte Titel, "If Jesus Walked the World Today", ein heiteres Gospelstück, in dem darüber spekuliert wird, wie Jesus wohl aussähe und was er wohl täte, wenn er im Amerika des 21. Jahrhunderts wieder auf die Welt käme. In diesen beiden Songs zeigen sich die zwei gegensätzlichen Hauptthemen der Country-Music: der Sünder, der am Samstagabend feiert, und der fromme Mann, der am Sonntagmorgen in die Kirche geht.

Und was meint Jackson selbst dazu?"Ich denke über solche Sachen nie nach, bis mich einer von euch Journalisten danach fragt", sagt er.

Vielleicht ist das einer der Gründe warum man mit ihm immer noch rechnen muss - obwohl es nun schon fast zwanzig Jahre her sind, dass er seinen ersten Plattenvertrag bei Arista Nashville bekam. Jackson bezeichnet sich nicht umsonst in einem Song als jemanden, der "bloß einfache Lieder singt".

Alan Jackson; Foto: Russ Harrington
Wie bei Merle Haggard und Hank Williams geht es in Jacksons Texten um das Leben aus der Perspektive der einfachen Leute. Und zwar in leicht verständlicher Sprache. Unter dieser Oberfläche aber werden oft die großen Fragen der menschlichen Existenz verhandelt. Diese Fragen sind für ihn so selbstverständlich, dass er keine Zeit darauf verschwendet, sich darüber Gedanken zu machen, ob seine Betrachtungen tiefsinnig sind.

"Ganz egal, was er geschrieben hatte", sagt Joe Galante, der Chef von Sony BMG Nashville, "ob es nun "Chattahoochee" war, oder "Where Were You (When the World Stopped Turning)", die Gespräche darüber liefen immer so ab: "Toller Text - wie bist du darauf gekommen?" "Keine Ahnung." "Und dieses durchlaufende Thema des Albums?" "Weiß nicht, ich finde einfach, dass das gute Stücke sind." "OK, das finden wir auch." Ich glaube, dass ihn in dem Moment irgend eine Inspiration dazu bringt, diese Texte zu schreiben. "Und bei dieser Inspiration geht es immer um die Sorgen und Nöte der Durchschnittsamerikaner aus dem Heartland. Denn Alan Jackson ist, auch mit Ruhm und Geld, immer einer von ihnen geblieben.

"Verantwortlich dafür sind offensichtlich sein Hintergrund, seine Heimat und die Tatsache, dass seine Familie in Newnan, Georgia, verwurzelt ist - und natürlich seine Frau Denise und seine drei Töchter," vermutet Keith Stegall, der "Good Time" und fast alle anderen von Jacksons Alben produziert hat. "Sie sind auf dem Teppich geblieben und führen ein ganz normales Leben."

"Good Time" beweist das wieder einmal. In "Laid Back 'n Low Key" geht es zum Beispiel um eine Sehnsucht, die viele Leute kennen - nämlich einfach auf eine Insel abzuhauen. Jacksons Vergangenheit als Automechaniker floss in den Text von "Country Boy" ein, in dem es um ein großes Auto geht. Mit dem Tod konfrontiert werden wir in durch die vielen Fragen von "Sissy's Song". Im romantischen "Right Where I Want You" und auch in "Nothing Left To Do" geht es um Liebe - beim zweiten Stück allerdings um die komischen Aspekte der Situation nach dem Sex. Einen starken Hang zur Nostalgie kann man in Stücken wie "I Wish I Could Back Up", "1976" und "I Still Like Bologna" entdecken: Alan Jackson akzeptiert Errungenschaft wie Digitaltechnologie und Vollkornbrot, aber er liebt Dinge aus der Vergangenheit.

"Das Leben hat sich durch so viele Dinge verändert - Internet, Satelliten-Fernsehen, Handys", meint Jackson. "Manchmal ist es gar nicht so einfach, damit klarzukommen. Aber ich habe diesen Song geschrieben um klarzumachen, dass ich mich damit abfinde, wie die Dinge jetzt sind - auch wenn sie früher auch nicht schlecht waren. Ich esse jetzt gesündere Sachen als früher. Normalerweise sind meine Sandwichs aus Vollkornbrot - aber ich mag immer noch Bologna-Wurst auf Weißbrot. Deswegen heißt das Stück so. Ab und zu tut es doch ganz gut, es wieder so zu machen wie früher. Das soll nicht heißen, dass das besser wäre, sondern nur, dass es manchmal eben ganz schön ist."

In gewisser Hinsicht trifft das auch auf Alan Jacksons neues Album zu - es ist eine Rückkehr zu seiner alten Art, Musik zu machen. Auf seinen beiden letzten Platten war er beträchtlich von seinem bisherigen Stil abgewichen. "Like Red on a Rose" hatte er zum ersten Mal nicht mit seinem Stamm-Produzenten Keith Stegall aufgenommen. Mit Alison Krauss an den Reglern kam eine zartere und zugleich etwas düstere Atmosphäre in seine Musik. Und "Precious Memories" war ein Gospel-Album, auf dem hauptsächlich klassische Kirchenlieder zu hören waren. Er hatte es vor allem als Geschenk für seine Mutter aufgenommen.

Alan Jackson; Foto: Russ HarringtonBei den Aufnahmen zu "Good Time" stellte sich schließlich heraus, dass es bei den Beteiligten neue Energie freisetzte, die ausgetretenen Pfade der Routine einmal verlassen zu haben. "Als wir uns wieder trafen, um das neue Album aufzunehmen, war da plötzlich wieder diese Energie", stellt Jackson fest. "Ich spürte sie, und ich merkte, auch Keith hatte Lust darauf, wieder zusammen zu arbeiten. Und auch bei den Musikern war mehr Inspiration, mehr Energie als sonst zu spüren. Das soll nicht heißen, dass sie sonst nicht so gut drauf wären, aber diesmal schienen sie wirklich Spaß daran zu haben, wieder traditionellen Country zu spielen - oder zumindest meine Version davon."

"Man hatte das Gefühl, das alle es kaum erwarten konnten, von der Leine gelassen zu werden", bestätigt Bruce Watkins, der Sessionmusiker, der auf "Good Time" Akustikgitarre und Banjo gespielt hat und schon seit 1989 regelmäßig bei Jacksons Alben mit dabei ist. "Das Team wieder zusammen zu haben, mit dem Alan alle seine Hits aufgenommen hat, hat uns einen ganz schönen Adrenalinschub versetzt. An Alans Lächeln konnte ich sehen, dass es ihn auch nicht kalt ließ."

Alan Jackson war tatsächlich begeistert. Normalerweise schreibt er die neuen Stücke erst kurz bevor er sie abliefern muss. So war es auch bei "Good Time", aber diesmal schrieben sie sich wie von selbst. Letztendlich nahm er über 20 Stücke auf, von denen er schließlich 17 auf seinem 17. Album "Good Time" veröffentlichte. Zum ersten Mal in seiner Musikerlaufbahn schrieb Jackson alle Stücke ganz allein - ohne Koautor. Und vielleicht beruhte ein Teil der Inspiration auf dem Gefühl, etwas beweisen zu müssen. "Die beiden Vorgängeralben hatten", sagt Joe Galante, "die Fans ziemlich verwirrt. Die Leute meinten, "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll." "Hat Alan aufgehört Platten zu machen?" Sämtlicher Mist, den man sich vorstellen kann, ist damals passiert. Es war keine Überraschung, aber es hielt länger an, als ich gedacht hatte. Ich glaube, das hat Alan noch etwas mehr unter Druck gesetzt, mit diesem Album ein Comeback hinzulegen und eben genau das zu bringen, was er schließlich abgeliefert hat."

Und seit seinem Debüt "Here in the Real World" 1989 hat Alan Jackson kontinuierlich gutes Material abgeliefert. Er hat mehrere Country-Stile kommen und gehen sehen und ist die ganze Zeit seinen Wurzeln treu geblieben. Joe Galante bestätigt, dass in Jacksons Tourbus immer noch Musik von The Carter Family und Vern Gosdin zu hören ist - "er orientiert sich nach wie vor an den historischen Stilen und den Honky-Tonk-Sounds, aus denen die Country-Musik schließlich entstanden ist. Bei anderen Bands und Interpreten sind es verstärkt aktuelle und poporientierte Einflüsse."

Alan Jackson; Foto: Russ Harrington"Wir haben eine Reihe von Testgruppen befragt", sagt Joe Galante. "Wir sprachen mit ihnen über Alan Jackson. Es waren ausschließlich Frauen und wir fragten sie: "Was fällt Ihnen zu Alan Jackson ein?" Und sie verwendeten Wörter wie "klassisch" und "zeitlos". Darum geht es. Sie haben das Gefühl, dass dieser Mann für etwas steht. Er hat viel Sinn für Humor, ein großes Herz und eine große Seele und sie spüren das. Er braucht das alles gar nicht zu thematisieren. Sie verstehen es über die Art und Weise, wie er an alles herangeht, was er tut."

Und diese Herangehensweise ist auch der Grund dafür, warum es Alan Jackson aus dem Konzept bringt, wenn man seine Musik zu analysieren versucht. Der Mann, der drei Mal zum CMA Entertainer des Jahres gewählt wurde, geht mit derselben Rechtschaffenheit an seine Arbeit heran, wie sie in "Small Town Southern Man" ausgedrückt ist. Sie basiert auf genauer Beobachtung der Menschen und der Welt um ihn herum. Seine Lyrics haben durchaus Tiefe, aber sie entsteht erst durch die vielen kleinen Bilder, die Alan Jackson in seinen Songs zusammenfügt.

"Als ich an diesem Album arbeitete", erinnert sich Jackson, "dachte ich, dass diese Songs und diese Sounds ziemlich genau so waren, wie die, die ich machen wollte als ich nach Nashville kam. Es war genau das Gleiche, Countrymusic und solche Songs eben. Und darum macht es mir noch immer Spaß, diese Musik zu schreiben, meistens jedenfalls. Mehr Spaß jedenfalls als andere Aspekte meines Berufs. Die vielen Interviews und das Fernsehen und diese ganzen Preisverleihungen langweilen mich, aber das Musikmachen liebe ich immer noch."

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