Tom T. Hall und Jerry Kennedy; Foto: Jerry Kennedy

Jerry Kennedy hat ein Lieblingsrestaurant in der Nähe seiner Wohnung in der Music City Nashville. Wenn er sich dort zum Mittagessen verabredet, besonders an warmen Frühlingstagen, dann sieht man ihn dort oft entspannt auf einer Bank vor der Tür in der Sonne auf seinen Gast warten.

Es ist ein solcher Nachmittag, als wir uns dort treffen. Kennedy trägt Freizeithose und kurzärmeliges Hemd und wirkt wirklich sehr gelöst. Bei dem schönen Wetter bleiben wir schließlich draußen sitzen - und auch damit Kennedy seine faszinierende Geschichte nicht unterbrechen muss.

Er erzählt gerne und ohne Eile von seinen Erfahrungen im Musikbusiness. Sie reichen über 50 Jahre zurück, noch in die Zeit vor seinen Aufstieg als einer der einflussreichsten jungen Produzenten in Nashville. Für Tom T. Hall, Jerry Lee Lewis, Roger Miller und die Statler Brothers hat er damals gearbeitet. Später, zwischen 1969 bis 1984, war er als Vizepräsident von Mercury Nashville für die Sparte Countrymusic verantwortlich. In seiner Zeit als A&R-Mann war er einer der ersten Insider, die etwas von der zukünftigen Größe einer jungen Reba McEntire oder einer Dolly Parton ahnten. Und als Studiomusiker hat Jerry Kennedy zum Beispiel den Dobro-Part zu "Harper Valley P.T.A." beigetragen, und damit Jeannie C. Rileys frechen Gesang untermalt und den Guitar-Lick gespielt, mit dem sich Roy Orbisons "Oh, Pretty Woman" unauslöschlich in das Gedächtnis jedes Hörers einbrennt. Nicht zu reden von unzähligen weiteren Sessions als Begleitmusiker von Bob Dylan, Kris Kristofferson, Elvis Presley und Ringo Starr und vielen anderen.

Kennedys Geschichte beginnt einige Zeit vor 1961, dem Jahr, in dem er nach Nashville kam: Da hatte er bereits eine Zeitlang als angestellter Musiker bei "The Louisiana Hayride" gearbeitet und wäre beinahe sogar als Studio- und Rockabilly-Musiker ein Star geworden. Letzteres war noch während seiner Schulzeit an der Byrd High School in Shreveport, Louisiana. Mit einer solchen Vergangenheit und solchen Leistungen hat sich Kennedy seinen Platz im Pantheon der Musikindustrie wohlverdient - und nun kann er darauf auch in Ruhe zurückblicken und das Leben genießen, zusammen mit einem Sandwich, einer Limonade und einem guten Gespräch.

© Jerry Kennedy
"Ich habe eine Menge von meinem Vater gelernt", sagt der Singer-Songwriter, Künstler, Produzent und Studiogitarrist Gordon Kennedy. Wie seine Brüder ist er dem Vater und der Mutter ins Musikbusiness gefolgt. Die mittlerweile verstorbene Linda Brannon war Sängerin beim "Louisiana Hayride" und hatte mehrere Alben bei Mercury Nashville veröffentlicht. Bryan ist ebenfalls Singer-Songwriter und ein vielversprechender Schriftsteller während Shelby als Geschäftsführer der Abteilung Writer/Publisher Relations bei BMI Nashville arbeitet. "Er war einer der Leute, die immer den richtigen Part fanden. Ich erinnere mich daran, dass er, als ich größer wurde, zu mir sagte: 'Im Zweifelsfall ist weniger immer mehr.' Und da ist eine Menge Wahres dran."

Jerry bestätigt das: "Viele der besten Musiker hatten ein genaues Gefühl dafür, wann es besser war, nichts zu machen - wie sie andererseits natürlich genau wussten, wann sie spielen sollten. Du musst herausfinden, was alle anderen machen und darauf achten, dass dein Part dazu passt. Das kann man nicht einfach so. Das gilt auch für Vorschläge, man ein Stück arrangiert. Dass wir immer Vorschläge machen konnten und durften, war eines der tollen Dinge an Nashville. Wenn da ein Raum voll ist mit großartigen Musikern und alle haben tolle Ideen - das ist wie eine ganze Horde von Produzenten."

Jerry Kennedy lernte die Studioarbeit gründlich kennen, gleich nachdem er aus Shreveport nach Nashville umgezogen war. Sein Mentor Shelby Singleton, der Direktor von Mercury Records, hatte ihn als Studiomusiker für eine Aufnahme mit Jimmie Skinner gebucht. "Unter den Studiomusikern waren Leute wie Harold Bradley, Ray Edenton und [Hargus] 'Pig' Robbins," erinnert sich Kennedy. "Mit denen plötzlich in einem Raum zu sein hat mich schon etwas nervös gemacht. Gott sei Dank habe ich schnell gelernt: Wenn das rote Licht anging fingen wir an zu spielen. Wenn das rote Licht wieder ausging, hatten wir eine Aufnahme."
Neuerungen in der Aufnahmetechnik haben dazu geführt, dass heute im Studio nur selten live eingespielt wird, sondern die verschiedenen Parts jeweils einzeln aufgenommen und dann schichtweise übereinander gelegt werden. Kennedy sieht die Vorteile dieser Technik, aber auch den Verlust, den sie mit sich bringt: "Die Rhythmusgruppen in Nashville waren perfekt aufeinander eingespielt", sagt er. "Das hatte viel mit den Persönlichkeiten der Musiker zu tun, die damals in einem Raum zusammen waren. Deshalb war es möglich, vier Stücke - vier gute Stücke - in nur drei Stunden aufzunehmen. Für mich fühlte sich das an, als sei ich Spieler in einer richtig guten Baseballmannschaft."

Das heißt aber nicht, dass die "Nashville Cats" jeden Song so schnell im Kasten hatten. In seltenen Fällen dauerte es auch schon einmal etwas länger, die perfekte Aufnahme einzuspielen. "Ich habe erst vor Kurzem mit Harold Bradley darüber gesprochen," meint Kennedy. "Damals, 1962, wurde ich gebucht, um bei der Aufnahme von 'It Keeps Right on A-hurtin' mit Johnny Tillotson mitzuspielen. Es war das einzige Mal, dass ich mit Archie Bleyer zusammenarbeitete. Er war Johnnys Produzent und wirklich ein Perfektionist. Wir nahmen drei Stunden lang nur diesen Song auf und er sagte: 'Das ist es immer noch nicht.' Also kamen wir am nächsten Tag zurück ins Studio und spielten noch einmal drei Stunden, bis er seine Aufnahme hatte. Wir arbeiteten sechs Stunden nur an dieser einen Aufnahme - und als wir fertig waren, hat es sogar noch Spaß gemacht, das Stück anzuhören."

Kennedy findet es gelegentlich komisch, wie sich die Sprache und die Aufnahmepraxis im Tonstudio verändert haben. "Neulich erzählte mir mein Sohn [Gordon], dass er bei einer Studiosession Gitarre spielen würde. Was er meinte war: Er ging ins Studio, spielte seinen Part ein, nachdem schon eine ganze Reihe anderer Musiker das Gleiche getan hatten. So wie ich das verstanden habe, war er dabei allein. Das wäre nichts für mich. Ich fand es immer toll, mit den Jungs zusammen zu spielen, und den Geist der Kameradschaft - und immerhin haben wir so ein paar richtig gute Platten aufgenommen."

Gordon geht tatsächlich ins Studio und legt Gitarrenparts über eine schon existierende Rhythmusspur. Allerdings geht er dadurch, dass sein Vater ein Meister der Live-Aufnahme ist, auch an diese Studiojobs mit dem Geist der "alten Garde" heran. "Du musst so spielen, als wärst du mit allen Musikern zusammen im Studio" erklärt Gordon. "Es kommt vor, dass ich ins Studio komme, und bisher wurden nur die Spuren mit Schlagzeug und Bass, und vielleicht auch die Akustikgitarre aufgenommen. Auf diese Instrumente muss man dann beim Spielen genau hören - aber man muss genauso auf die hören, die noch gar nicht da sind. Deshalb frage ich nach: 'Was passiert denn noch so in dem Stück?' Dann sagt der Produzent beispielsweise: 'Da kommt noch eine Steel Guitar dazu,' und dann versuche ich, meinen Part so zu spielen, dass dafür noch Platz ist. Aus diesem Grund ist es genauso wichtig, zu wissen, was man nicht spielen sollte, wie es wichtig ist herauszufinden, wie man seinen Part spielt. Und das habe ich definitiv von meinem Dad gelernt und indem ich ihm und den anderen Musikern zugehört habe, mit denen er gespielt hat."

© Jerry Kennedy
Kennedy gelang es, in die Studiomusiker-Elite von Nashville aufzusteigen, während er zugleich auch auf der geschäftlichen Seite des Musikbusiness Fuß fassen konnte. Angefangen hatte er als Assistent von Shelby Singleton, danach wurde er A&R-Manager bei Mercury Nashville um 1969 Vizepräsident des Labels für die Sparte Countrymusic zu werden.

Jerry Kennedy verließ Mercury Nashville schließlich 1984, als er seine eigene Firma JK Productions gründete. Durch seine Vergangenheit bei einem Majorlabel weiß er genau, welche Rolle eine große Plattenfirma für die Karriere der Musiker spielt, die bei ihr unter Vertrag sind. "Meiner Meinung nach sollte man sich als Künstler von der geschäftlichen Seite fernhalten," meint Kennedy. "Das ist natürlich nur meine eigene persönliche Meinung, und es passieren im Moment sicher auch viele Dinge, die das Gegenteil beweisen könnten. Aber wenn ein Künstler auch in die geschäftliche Seite involviert ist - meiner Meinung beeinflusst das die Kreativität negativ. Wenn ich ein Künstler wäre, ich würde mir da helfen lassen."

Wenn es um die Qualität der heutigen Countrymusic geht, ist Kennedy nicht so zurückhaltend. Obwohl er selbst im Ruhestand ist, hält er seine Ohren immer noch offen und wenn ihm etwas gefällt, dann schient er immer noch Dinge an. Das passierte zum Beispiel, als seine Buchhalterin eine Kassette an ihn weitergab, die eine junge Sängerin in ihrem Büro abgegeben hatte. Kennedy hörte sich das Demo an, es gefiel ihm und er schickte es an seinen Sohn Shelby bei BMI. Für Ashton Shepherd öffnete sich eine Tür nach der anderen, bis schließlich MCA Nashville sie unter Vertrag nahm.

Doch das ist eine Ausnahme, heute setzt Jerry Kennedy andere Prioritäten. "Ich lese viel", lächelt er. "Ich versuche, ein guter Großvater zu sein. Ich höre meinen Jungs zu, wenn sie mir erzählen, wie es im Musikgeschäft läuft - ich bin wirklich stolz auf meine Söhne. Ich bin sehr zufrieden damit, wie mein Leben verlaufen ist."

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