Das Seltsame an John Anderson Stimme ist, dass irgendetwas an ihr schon in den späten 70ern und frühen 80ern, als er mit seinen ersten Riesenhits plötzlich ins Scheinwerferlicht trat, vertraut schien.

Es dauerte eine Weile, bis klar war, dass Anderson mit der Stimme singt, die Amerika im Kopf hört. Sie ist rau und ungezähmt. Sie kann so klingen, als wäre sie zum Kampf bereit oder als sehne sie sich nach Liebe. Sie kann in einer Spelunke die Hölle lostreten oder an einem sonnigen Sonntagmorgen in den Himmel steigen.

John Anderson (Bild: Tony Baker)In den letzten vier Jahren seit "Somehow, Someway, Someday", seinem einzigen Album aus seinem fünften Vertrag mit einem großen Label, ist es jedoch still um ihn geworden. Doch das dürfte sich ändern, wenn "Easy Money" [Leicht verdientes Geld] am 15. Mai auf den Markt kommt. Andersons Erstling für das Label Raybaw Records von Big & Rich, das von Warner Bros. Nashville vertrieben wird, ist in seiner emotionalen Bandbreite genau das, was man erwarten würde - mit viel Herzschmerz, Humor und einer rauen Wärme.

Es handelt sich um traditionelle Country-Musik - ein Sound, an dessen Wiederauferstehen Anderson großen Anteil hat. Noch bevor Randy Travis seinen ersten Teller in der Küche des Nashville Palace wusch, stürmte Anderson die Top Ten mit "Chicken Truck" und "1959", erreichte die Top 5 mit "I'm Just an Old Chunk of Coal" und eroberte 1982 zum ersten Mal Platz 1 mit "Wild and Blue".

Diese Hits - und die Erfolge, die er während seiner fünfjährigen Tätigkeit für Warner Bros. Nashville auf sieben Alben um sie herum packte, belebten die Country-Musik mit einer brisanten, eigenwilligen Mischung aus Elementen der Outlaw-Bewegung, des Mainstream und traditioneller Country-Musik. Während dieser Entwicklung etablierte er sich als eine der unverwechselbarsten Persönlichkeiten in der Branche - einige bezeichneten ihn als den Nachfolger von George Jones als Live-Künstler und von Merle Haggard als aufrichtigen Erzähler.

Wie viele andere Legenden oder zukünftige Legenden trennte Anderson sich dann von seinem Label und begann seine Wanderschaft von einer Plattenfirma zur anderen, wobei er nie den Respekt seiner Kollegen oder die Zuneigung seiner Fans verlor, war aber angesichts der Veränderungen, die die Musiklandschaft durchzogen, gezwungen, hart zu kämpfen. Aus diesen nicht immer angenehmen Erfahrungen zog Anderson zumindest eine Lehre. Mit einem verspielten Augenzwinkern lehnt er sich nach vorne, hebt zur Betonung den Finger und drückt es einfach aus: "Ich wollte keinen miesen kleinen Plattenvertrag."

Zu diesem Schluss kam er langsam, während seiner zweijährigen Tour durch die Sitzungsräume der Music Row. "Ich habe alle Labels der Stadt abgeklappert, Punktum. Zu meiner leichten Bestürzung zeigte niemand Interesse, nicht einmal enge Freunde und alte Kumpel, die uns vom Fleck weg unter Vertrag hätten nehmen können."

Die Chance bot sich nicht durch Freunde der alten Schule, sondern von Seiten eines jungen Superstars, der auf dem Gipfel seines eigenen Erfolgs nie vergaß, wie es sich anfühlte, aus dem Publikum zu Anderson aufzuschauen.

"John Anderson ist ganz einfach mein Honky-Tonk-Held", so John Rich von Big & Rich, der "Easy Money" produzierte. "Ich glaube, nicht einmal John selbst begreift, was für einen Einfluss er hat. Da gibt es ein Loch in der Country-Musik, wo er einmal war, und ich bin felsenfest entschlossen, es wieder aufzufüllen."

ImageDie zwei trafen sich vor zehn Jahren, als Rich, der damalige Leadsänger von Lonestar, an die Tür von Andersons Tourbus klopfte. Sie hielten Kontakt und taten sich Jahre später für ein gemeinsames Songwriting-Projekt zusammen, das zu einer Einladung führte, für eine Woche bei der Big & Rich-Tour mit an Bord zu kommen. Für Anderson stellte diese Erfahrung zugleich einen Rückblick und eine Vorahnung dar.

"Es war wie in alten Zeiten", meinte er lächelnd. "John, Kenny, James Ott, Shiny [Shannon] Lawson - wir saßen alle im Bus, reichten die Gitarre herum, sangen und schrieben Songs. Dann fragte John mich, was ich wollte. Ich sagte ihm, dass ich einen anständigen Plattenvertrag nehmen würde, aber wenn wir einfach ein paar gute Songs zusammen schreiben könnten, wäre das das Sahnehäubchen. Ich dachte mir nämlich", dabei blinzelt er verschlagen und lacht, "Mann, ich hole mir ein Stück aus dem Big & Rich-Kuchen!"

Er bekam mehr als das: ein Angebot für einen Vertrag bei Raybaw. Als sie schließlich ins Studio gingen, hatten Anderson und Rich eine Reihe von Songs auf Lager, von denen sie etwa die Hälfte zusammen geschrieben hatten und der Rest sich aus Eigenkompositionen oder Beiträgen anderer Songschreiber zusammensetzte. Dabei gehören ein rustikales Trinklied ("Brown Liquor"), eine romantische Ballade ("You Already Know My Love"), ein Klamauk-Rocksong mit einer eingängigen Hookline ("If Her Lovin´ Don´t Kill Me"), die von Herzen kommende ("Bonnie Blue") und stampfende ("Funky Country") Hommage an den Dixie, ein unerlässlicher Seitenhieb auf die geschäftliche Seite der Country-Musik ("Easy Money") und eine in musikalischer Hinsicht ehrgeizige, keltisch beeinflusste Meisterleistung ("Weeds") zu den Highlights.

"Vieles, was diese Songs zusammen funktionieren lässt, kam erst in der Produktion zum Tragen, und zwar mehr als bei meinen anderen Platten - das ist alles John Rich zuzuschreiben", so Anderson. "Okay, ein paar Songs waren ziemlich spontan, aber meistens hatte John schon ein Arrangement im Kopf, wenn er zu dem einzelnen Song kam. Er hat uns, die Musiker und mich, angewiesen, und wir haben alle an ihn geglaubt. Es gab keine langen Gesichter, wenn ihnen gesagt wurde, was sie spielen sollten. Das ist in Nashville bei Musikern dieses Kalibers als würde man auf Eiern laufen, Mann. Dass jemand wie ich das beobachten konnte - klar, da habe ich mir einiges gemerkt."

John Anderson (Bild: Tony Baker)Wie er selbst sagt, kann Anderson störrisch werden, wenn er die Songs abmischt. "Norro Wilson, Gott hab ihn selig, steuerte mich auf meinem ersten Album ein bisschen in die richtige Richtung und das zu Recht. Aber nach dem zweiten Album wurde ich Produzent und ließ mir von niemandem mehr etwas sagen. Doch innerhalb von einer Stunde, nachdem John und ich unsere erste Session begonnen hatten, stand ich am Studiofenster, sah ihm bei der Arbeit zu und beschloss, dass ich dieses Album nicht mitproduzieren würde. Ich würde einfach meine Meinungen und Ideen für mich behalten und ihm freie Hand lassen. Er sagte immer wieder, "Vertrau mir, Onkel John, ich vermurkse dir deine Platte schon nicht.´"

Rich betonte, dass es nie seine Absicht war, die ganzen Lorbeeren für die Produktion von "Easy Money" einzustreichen.

"Ich wollte nur irgendwie daran teilhaben und alles tun, was es mir ermöglichen würde, ein bisschen neue Musik von John Anderson zu hören", erklärte er. "Aber ich arbeite sehr schnell, also denke ich, er sah einfach, wie ich mein Ding durchzog und ließ mich halt machen. Nachdem wir ein paar Songs fertig hatten, bemerkte ich, dass ich mir nicht einmal die Zeit genommen hatte, John zu fragen, was er davon hielt. Aber er sagte mir, "Wenn ich etwas höre, das mir nicht gefällt, werde ich dich bremsen.´ Aber das hat er nie getan."

Sie waren Gleichgesinnte, die sich von der Energie des anderen in der Musik inspirieren ließen, ob es darum ging, sie zu spielen oder genau darzulegen, was sie objektiver gesehen brauchte.

"Die Leute, die in diesem Geschäft das Sagen haben, denken jetzt, dass sie ihre Stars planen können", meinte Anderson. "Irgendjemand mit einer beliebigen Einstellung schafft es kaum ins Blickfeld der Herren Direktoren. Nun ja, niemand hatte eine ausgeprägtere Einstellung als Johnny Cash, Merle Haggard oder Waylon Jennings. Glauben Sie mir, ich kannte sie. Man sagte Johnny Cash nicht, wie er zu singen hatte. Man sagte Waylon nicht, was er zu singen hatte. Und wenn man ein bisschen Menschenverstand hat, versucht man erst gar nicht, Merle Haggard irgendetwas zu sagen. Ich würde daher jedem Künstler sagen, er soll sein eigenes Ding durchziehen. Drängt euch ins Blickfeld und sagt ihnen, dass der alte John euch geschickt hat."

Der junge John grinst von der Seite her und sagt: "Amen"

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