Unveröffentlichte Aufzeichnungen zeigen eine weniger düstere Seite von Hank Williams

WSM Mirko Für Jett Williams, die Tochter von Hank Williams Sr., kommt der beste Teil einer Reihe von Radioaufzeichnungen ihres Vaters aus den fünfziger Jahren dann, wenn er erklärt, dass Tennessee nicht der einzige Staat sein sollte, der seinen eigenen Walzer haben sollte: Auch Alabama sollte einen eigenen Walzer haben.

“Mann, wenn er anfängt, über Alabama zu reden, können Sie die Ernsthaftigkeit und Liebe, mit der er über seinen Heimatstaat redet, geradezu mit den Händen greifen", sagte Jett Williams, während sie in der letzten Woche Ausschnitte aus der von Mother´s Best Flour gesponsorten WSM-Radioshow in ihrem Büro bei Hartsville vorspielte, um die ein erbitterter Rechtsstreit geführt wurde.

Dies ist nur ein kleiner Teil von 16 Stunden unveröffentlichtem Radiomaterial von Hank Williams, das bald kommerziell verfügbar werden könnte. Zu den anderen Highlights der Mitschnitte gehören 37 Songs, die noch nicht auf einem der Hank William-Alben veröffentlicht wurden, einschließlich Versionen von “Blue Eyes Crying in the Rain" und “On Top of Old Smokey".

Hank Williams Der Tennessee Supreme Court bestätigte in der letzten Woche eine Entscheidung des Berufungsgerichts aus dem Januar, in der den Kindern von Hank Williams die kommerziellen Rechte an den Aufzeichnungen gewährt wurden, d.h. dem Sänger Hank Williams Jr. und Jett Williams. Dies setzte den Schlusspunkt unter eine zähe, fast neun Jahre dauernde gerichtliche Auseinandersetzung, um eine abgeänderte, nicht autorisierte Veröffentlichung des Materials im Jahr 1997 zu verhindern.

Viele, die die Aufzeichnungen gehört haben, sind der Auffassung, dass sich Hank Williams hier auf eine lockere, unbeschwerte Art und Weise präsentiert, die dem verbreiteten Image des Countrygiganten als geheimnisvolles und einsames Genie in der Provinz widersprechen. Die Karriere von Hank Williams wurde vor 53 Jahren im Alter von gerade einmal 29 Jahren auf tragische Weise beendet.

Hank Williams CDBox Kira Florita, Executive Director von Leadership Music und Koproduzentin einer Box mit 10 CDs, die 1998 von Mercury/Polygram veröffentlicht wurde, teilte mit, dass das Mother´s Best-Material ursprünglich in die Box integriert werden sollte, dann aber aufgrund des zu diesem Zeitpunkt anhängigen Rechtsstreits herausgenommen wurde.

“Diese Aufzeichnungen sind von enormer Bedeutung. Das verfügbare Hank Williams-Repertoire wird dadurch um mindestens 20 Prozent erweitert", sagte Florita.

“Es ist schon beeindruckend, wenn ein so großer Teil des Repertoires eines Künstlers noch unveröffentlicht ist. Es gibt nichts Vergleichbares."

“Dieses Material ist in mehrerer Hinsichtlich aufschlussreich", erklärt John Rumble, leitender Historiker für die Country Music Hall of Fame und das dazugehörige Museum. Die Aufzeichnungen zeigen laut Rumble sowohl die Schlagfertigkeit des Sängers als auch seine tiefe Verbundenheit mit den meist aus dem ländlichen Raum stammenden Zuhörern der WSM-Morgenshow.

“Dies verlagert den Schwerpunkt wieder auf das Radio - über das die meisten Leute Hank zu seinen Lebzeiten auch erlebten", sagt Rumble. “Er war wirklich ein Meister dieses Mediums."

Für Jett Williams, deren Identität als Tochter des Künstlers bis zu einer dramatischen Gerichtsentscheidung des Alabama Supreme Court im Jahre 1989 geheim gehalten wurde, rücken die Aufzeichnungen die Fakten zurecht und sind außerdem in mehrfacher Weise für sie von Bedeutung.

Zuerst geben sie ihr die Gelegenheit, ihren Vater, der fünf Tage vor ihrer Geburt starb, besser kennen zu lernen.

Hank Williams “Es ist praktisch so, als ob ich ein Jahr mit meinem Vater verbringen würde", sagt Jett Williams über die Aufzeichnungen. “Ihn einfach über sich selbst lachen zu hören, bringt ihn mir viel näher".

Außerdem erhielten sie und ihr Ehemann, Rechtsanwalt Keith Adkinson, nach Abschluss des langwierigen Gerichtsverfahrens die Möglichkeit, die kommerzielle Veröffentlichung der Aufzeichnungen zu kontrollieren.

“Unsere Aufgabe besteht darin, diese Aufzeichnungen einem größtmöglichen Publikum zur Verfügung zu stellen", erklärt Adkinson. “Ich habe schon während des laufenden Verfahrens eine Reihe von Anfragen hierzu erhalten."

Adkinson schätzt, dass Material für ungefähr vier oder fünf Alben mit niemals zuvor von Hank Williams veröffentlichten Songs sowie etwa für drei bis vier weitere Alben von Williams traditionellen Gospelhymnen reicht. Darunter gibt es allerdings keine unentdeckten, von Hank Williams selbst geschriebenen Originalsongs. Alle diese Songs wurden von anderen geschrieben.

Die Aufzeichnungen wären um ein Haar für die Nachwelt verloren gegangen.

Les Leverett, ein pensionierter Fotograf für WSM, rettete einen Stapel der Azetat-Aufnahmen von Mother´s Best, als sie Mitte der sechziger Jahre weggeworfen werden sollten und bewahrte sie bis in die 80er auf. Dann gab er sie an Jerry Rivers, einem Mitglied von Hank Williams Begleitband, den “Drifting Cowboys", weiter.

Hank Williams Schließlich schloss Hillous Butrum, ebenfalls ein Mitglied der Drifting Cowboys (obwohl er auf den Mother´s Best-Aufzeichnungen nicht mitspielt), einen Deal mit Leverett ab, um das Material kommerziell veröffentlichen zu können. 1997 bereitete sich die in Brentwood ansässige Legacy Entertainment Group darauf vor, eine “verbesserte" Version der Aufzeichnungen zu veröffentlichen, die sie von Butrum erwarb, der in der Zwischenzeit verstorben ist.

Polygram strengte zusammen mit den Erben von Hank Williams einen Prozess an, um diese Veröffentlichung zu verhindern. Dies war der Ausgangspunkt für den Rechtsstreit, der von der Familie von Hank Williams gewonnen wurde und bei dem den Erben des Sängers - und nicht etwa Legacy oder Polygram - die geistigen Eigentumsrechte am Material zugesprochen wurden.

Dennoch erklärte Kenneth R. Jones, Anwalt für Legacy Entertainment, dass es immer noch rechtliche Hindernisse geben könnte, die einer Veröffentlichung der Mother´s Best-Aufzeichnungen durch die Williams-Kinder im Wege stehen könnten.

Hank Williams “Legacy hat die Rechte am physischen Besitz der Azetat-Aufnahme ", gab Jones trocken in einem Interview an, worin er erklärte, dass das Unternehmen die tatsächlichen Master Recordings von Butrum erwarb, obwohl Jett Williams sie in ihrem Besitz hat.

Leverett, der dazu in dieser Woche von der Zeitung “The Tennessean" befragt wurde, entgegnete, dass Butrum die physischen Aufnahmen niemals hätte verkaufen dürfen. Stattdessen schlossen die beiden einen Deal ab, um alle Einnahmen aus den Aufzeichnungen zu teilen und somit potenziell allen weitergehenden Ansprüchen am Material durch Legacy zuvorzukommen.

WSM Logo “Ich habe keinen Cent hierdurch verdient. Das einzige, was ich bei dieser Sache erlebt habe, ist Kummer und ärger" sagt Leverett, der die Aufzeichnungen im Jahr 1965 eines Abends aus einer Mülltonne seines Bosses rettete. Er ging davon aus, dass der Eigentumsanspruch somit aufgegeben worden war und konnte sich nicht vorstellen, welche Rechtsstreitigkeiten daraus noch entstehen würden.

“Ich wünschte, ich hätte niemandem davon erzählt, dass ich die Aufnahmen hatte", sagte Leverett.

In einer Erklärung, die nach dem Beschluss des Supreme Court abgegeben wurde, sagte Hank Williams Jr. “Ich könnte mir keinen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung von “neuem" Material meines Vaters vorstellen." Sein Publizist reagierte jedoch nicht auf Anfragen auf ein Interview für diese Story.

Obwohl er es ablehnte, Einzelheiten zu besprechen, gab Adkinson an, dass die Williams-Kinder eine Vereinbarung über das Material ausgearbeitet hätten.

Um die Aufzeichnungen letztendlich auch einem größeren Publikum als den eingefleischten Hank Williams-Fans zugänglich zu machen, wäre laut Florita die Marketing- und Distributionskraft einer größeren Plattengesellschaft erforderlich. Von der Mercury-Box, die immerhin zwei Grammy-Awards erhielt und für USD 170,00 verkauft wird, wurden bis dato gerade einmal 18.200 Stück verkauft.

Hank Williams und Band Florita erklärte, dass es unmöglich sei, zu schätzen, in welcher Höhe die Einnahmen durch die Mother´s Best-Aufzeichnungen liegen könnten, obwohl Williams im Allgemeinen zwischen 400.000 und 600.000 Alben pro Jahr verkauft. Dies ist zwar eine ganz beträchtliche Zahl, sagte sie, aber nur ein Klacks im Vergleich zu Sängern wie Elvis Presley, von denen im Jahr um die 8 Millionen Stück verkauft werden.

Colin Escott, ein Musikhistoriker, der 1995 eine preisgekrönte Biographie über Hank Williams schrieb, ist der Auffassung, dass es sinnlos gewesen wäre, die ganzen Rechtsstreitigkeiten auszufechten, ohne die Aufzeichnungen zu veröffentlichen.

“Es vergeht kein Monat, in dem mich nicht irgendjemand fragt, wann sie zu hören sein werden", sagte er.

Vielleicht wird er bald eine Antwort auf diese Frage geben können.

Anmelden