Der Tag, an dem der Cowboy starb oder Warum der Western in den 60ern seine Bedeutung verlor - Die USA Kapitulieren

Der Tag, an dem der Cowboy starb

Es gab eine Zeit, da war der Western Hollywood. Kein anderes Genre prägte das Kino, das Selbstverständnis der USA und den Blick der Welt auf Amerika so nachhaltig. Doch die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er Jahre erschütterten den Mythos von Cowboys, Sheriffs und Pionieren. Der Western verschwand nicht von der Leinwand, fand aber nie zu seiner alten Größe zurück. Wie es dazu kam, erzählt dieses Essay.vgw

6. Die USA Kapitulieren

Ignorieren hilft nicht!

Anfangs nahm Hollywood die italienischen Filme nicht ernst. In den USA betrachtete man die zumeist in Spanien gedrehten Streifen eher als billige Kopien eines Genres, das man selbst erfunden hatte und dessen Regeln man besser kannte. Die großen Studios hielten Abstand. Nur wenige Filme fanden überhaupt ihren Weg in amerikanische Kinos und wenn, dann schlecht synchronisiert und so zurechtgeschnitten, dass sie in Mitternachtsvorstellungen verramscht werden konnten. Diese Ignoranz wurde jedoch schnell schwierig, denn die Zahlen, die aus Europa in die USA gekabelt wurden, ließen in den großen Studios manch eine Produzentenstirn in Falten geraten.

"Zwei glorreiche Halunken" etwa lockte allein in Deutschland über sechs Millionen Zuschauer in die Kinosäle. Darauf reagierte man in den USA derart, dass sich amerikanische Produzenten tatsächlich an "Spiel mir das Lied vom Tod" beteiligten, was die Mitwirkung Henry Fondas ermöglichte und auch diese US-Produzenten glücklich machte. Bei seiner Erstaufführung dürfte der Film in Deutschland zwischen sieben und acht Millionen Zuschauer angelockt haben (die genaue Datenlage ist da etwas schwammig); heute steht er nach diversen Wiederaufführungen mit über 13 Millionen Besuchern in den Büchern.

Doch hinter dem Erfolg des Italowesterns lag ein größeres Problem: Der klassische amerikanische Western hatte mit ihm seine gesellschaftliche Grundlage verloren. Wer nach "Zwei glorreiche Halunken" oder "Spiel mir das Lied vom Tod" wieder einen klassischen Cowboy sehen wollte, der in sauberer Kleidung auf einem Pferd in den Sonnenuntergang ritt, bekam zunehmend das Gefühl, eine alte Sprache zu hören, die nicht mehr in die Gegenwart passte. Das heißt: Auf dem internationalen Markt verlor der klassische amerikanische Western seinen Marktwert. In den USA selbst hatte sich gesellschaftlich so viel verschoben, dass der Westernmythos aus der Zeit gefallen war.

In jedem Ende steckt ein Anfang

Man kann darüber streiten, wann genau der klassische Western Ende der 1960er Jahre zu Grabe getragen wurde, doch sein Status als das amerikanische Genre schlechthin ist heute vor allem eines: nostalgisch. Was natürlich nicht das Ende des Genres als solches bedeutet hat. Hollywood kehrt immer wieder an jene Grenze zwischen Legende und Wirklichkeit zurück, um mit einem neuen Film oder einer neuen Serie um das Interesse des Publikums zu buhlen. So sind auch nach dem Ende des klassischen Western bemerkenswerte Genrebeiträge entstanden.

  • "The Outlaw Josey Wales" ("Der Texaner", 1976): Clint Eastwood verknüpfte ein klassisches Rachemotiv mit einem deutlich ambivalenteren Menschenbild und veschmolz seine Erfahrungen aus dem Italowestern mit klassischem Hollywoodkino.
  • "The Long Riders" ("Long Riders", 1980) suchte den Weg zum Realismus und zeichnete das Porträt berüchtigter Outlaw-Banden mit einem neuen, fast dokumentarischen Anspruch.
  • "Dances with Wolves" ("Der mit dem Wolf tanzt", 1990): Kehrte das klassische Feindbild um und rückte die Kultur der Ureinwohner ins Zentrum, statt sie nur als Kulisse zu verwenden.
  • "Quigley Down Under" (Quigley der Australier, 1990): Ein fast schon unverschämt altmodischer Western, dessen klassischen Helden es von den Frontiers ins australische Outback verschlägt.
  • "Unforgiven" ("Erbarmungslos", 1992): Wiederum unter der Regie von Clint Eastwood, wurde der Film zur ultimativen Demontage: eine schonungslose Abrechnung mit dem Mythos des Helden.
  • "No Country for Old Men" (2007): Die Coen-Brüder transferierten die archetypische Struktur – Sheriff jagt Killer durch die Frontier – in die moderne, nihilistische Gegenwart.
  • "Yellowstone" (2018–2024): Cowboy-Tradition verschmilzt mit Machtspielen der Moderne; die ultimative Neudefintion des Neo-Westerns und Ausgangspunkt eines eigenen Serien-Universums.
  • "American Primeval" (2025) präsentiert die Ära der Frontier zur blutigen, fast surrealen Splatter-Fabel. Die Welt wird konsequent durch die Augen eines Kindes gefiltert, auch, weil jeder andere Blickwinkel, der eines Psychopathen wäre.

Das alles sind erfolgreiche und qualitativ hochwertige Filme und Serien. Der Western ist nie verschwunden. Er kehrt bis heute immer wieder zurück, wird modernisiert, dekonstruiert oder mit anderen Genres verschmolzen. Doch den Platz, den er einst innehatte, hat er nie wieder zurückerobert. Aus dem großen amerikanischen Mythos ist ein Filmgenre geworden. Ein bedeutendes, manchmal brillantes ... aber eben nur noch eines unter vielen.

vgw
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