2. Das Kino einer Nation
Eskapismus im Lichtspiel
Wir lassen den frühen Western der 1910er- und 1920er-Jahre einmal außen vor und steigen mit der Ära des Tonfilms ein. Die 1930er-Jahre waren zunächst geprägt von der größten wirtschaftlichen Krise, die die Vereinigten Staaten bis dahin erlebt hatten. Millionen Menschen verloren ihre Arbeit, Banken brachen zusammen und der Glaube an den unaufhaltsamen Aufstieg des Landes bekam tiefe Risse. Dabei war dieser Aufstiegsglaube für viele Amerikaner mehr als nur eine wirtschaftliche Hoffnung. Er war Teil einer großen Einwanderungserzählung, die etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, als Menschen aus europäischen Gesellschaften in die USA einwanderten, in denen Herkunft, Stand, ja Geburt über die Möglichkeiten (und Nicht-Möglichkeiten), die das Leben ihnen bot (und nicht bot), entschieden.
Amerika versprach ihnen eine andere Zukunft: Hier sollte nicht zählen, woher man kam, sondern was man aus sich machte. Wer bereit war, hart zu arbeiten, wer Mut bewies und die Chancen dieses jungen Landes nutzte, konnte sich eine neue Existenz aufbauen. Vom Tellerwäscher zum Millionär war immer ein hochgegriffener Mythos; man neigt in den USA zu Super-Superlativen.
In Wahrheit waren die wachsenden Vereinigten Staaten eine Erzählung der vielen kleinen Erfolgsgeschichten - vom armen Einwanderer, der als Farmer zu bescheidenem Wohlstand kam oder vom Ladenbesitzer, der genug Geld verdiente, um seinen Kindern eine höhere Schulbildung zu ermöglichen, die ihnen später den Weg zu größerem Wohlstand eröffnete. Das schneller als in Europa, ohne einen lähmenden Beamtenstaat, ohne die Fesseln der alten Stände-Welt. Das war das eigentliche Erfolgsmodell der USA.
Die Weltwirtschaftskrise erschütterte dieses Selbstbild. In dieser Zeit bot der Western eine Gegenwelt. Er erzählte von Menschen, die Schwierigkeiten nicht nur überstanden, sondern an ihnen wuchsen. Er berichtete von Männern und Frauen, die eine feindliche Umgebung bezwangen und aus scheinbar unmöglichen Situationen etwas Neues erschufen. Der Cowboy war damit in dieser frühen Inkarnation als Leinwandheld auch ein Symbol der Krisenbewältigung. Wenn die Gegenwart unsicher war, konnte man in eine Vergangenheit zurückblicken, in der Probleme noch klar erschienen. Es gab Gut und Böse, Mut und Feigheit – und Menschen, die Verantwortung übernahmen.
Natürlich war diese Welt vereinfacht. Aber genau deshalb funktionierte sie.
Nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam der Western eine zusätzliche Bedeutung. Innerhalb von nur 15 Jahren waren die Vereinigten Staaten aus tiefster Depression zur führenden Weltmacht aufgestiegen. Die ehemaligen Großmächte Europas mit Großbritannien, Frankreich und dem am Boden liegenden Deutschland sowieso, hatten ihre Vormachtstellung verloren. Die USA waren nicht mehr nur ein Land jenseits des Atlantiks, sondern die zentrale politische, wirtschaftliche und militärische Kraft der neu entstandenen westlichen Welt.
Millionen Soldaten kehrten nach Hause zurück. Sie hatten gegen die schlimmsten Diktaturen gekämpft und kamen mit dem Bewusstsein nach Hause, nicht nur einen Feind besiegt, sondern eine historische Aufgabe erfüllt zu haben. Die Vereinigten Staaten betrachteten sich nicht nur als Sieger, sondern als Bewahrer dieser neuen Welt und ihrer Freiheit. Gleichzeitig begann der Kalte Krieg. Und damit entstand ein neues nationales Selbstbild: Amerika gegen seine Feinde, Demokratie gegen Diktatur, Freiheit gegen Unterdrückung.
Der Western passte perfekt in dieses Denken. Er erzählte von einer Welt, in der mutige Einzelne gegen Bedrohungen kämpften, in der Zivilisation gegen die Wildnis antrat und in der am Ende die richtigen Werte siegten. Die Frontier wurde zur historischen Vorstufe jener Rolle, die Amerika nun in der Gegenwart für sich beanspruchte: die Aufgabe, Freiheit zu verteidigen und Ordnung in eine unsichere Welt zu bringen. Die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis wurde zur filmischen Version des weltpolitischen Konflikts. Der einsame Held, der sich einer Bedrohung entgegenstellte, spiegelte das Bild einer Nation, die glaubte, eine besondere Aufgabe in der Welt zu besitzen.
Das bedeutete nicht, dass jeder Western politische Propaganda war. Aber die Muster waren ähnlich
- Eine Gemeinschaft wird bedroht!
- Ein Einzelner muss handeln!
- Die Ordnung wird wieder hergestellt!
Ein Film wie "High Noon" ("Zwölf Uhr mittags", 1952) zeigt diese Struktur besonders deutlich. Fred Zinnemanns Monolith des Kinos erzählt nicht von einer großen Schlacht. Es geht um einen Sheriff, der weiß, dass ein Verbrecher kommt, um an ihm Rache zu nehmen, und der vergeblich versucht, Unterstützung von seinen Mitbürgern zu bekommen. Der Film ist bis heute ein Klassiker, weil er die Frage stellt: Was passiert, wenn eine Gesellschaft ihre Verantwortung auf einen Einzelnen abwälzt?
Auf den ersten Blick ist "High Noon" ein Western. Viele Zuschauer sahen darin jedoch auch eine Auseinandersetzung mit dem gerade erst begonnenen McCarthyismus und der Frage, warum Menschen schweigen, wenn Unrecht geschieht. Der Western war plötzlich mehr als Abenteuer; er wurde zu einer Geschichte über Haltung und Verantwortung. Das war ungewöhnlich, denn der Film suchte den Konflikt nicht außerhalb Amerikas, sondern in der amerikanischen Gesellschaft selbst.
"High Noon" war kein Western für die ganze Familie; es war ein sehr erwachsener Film. Andere Filme gingen andere Wege. Howard Hawks erzählte mit "Red River" eine Geschichte über Führung, Macht und Generationenkonflikte. John Wayne spielt darin einen Viehzüchter, der einen riesigen Treck durch das Land führt und dabei zunehmend an seiner eigenen Härte zerbricht. Der Film handelt vom Aufbau Amerikas, aber vor allem von den Menschen dahinter. Er erzählt von Pioniergeist und Entschlossenheit, aber auch von der Härte, die entsteht, wenn ein Mann seinen eigenen Willen über alles andere stellt.
Hawks war einer der Regisseure, die den Western besonders stark prägten. Während John Ford häufig vom Mythos der Gemeinschaft und Tradition erzählte, interessierte sich Hawks stärker für Männergemeinschaften. Seine Helden waren Menschen, die sich in Extremsituationen bewähren mussten. In "Rio Bravo" (1959) etwa wird ein Sheriff, gespielt von John Wayne, von einer kleinen Gruppe Außenseiter im Kampf gegen Finsterlinge unterstützt. Der Film ist oberflächlich eine Geschichte über eine Belagerung; darunter liegt jedoch eine Erzählung über Loyalität, Vertrauen und die Frage, was eine Gemeinschaft zusammenhält.
Anthony Mann war der vielleicht nachdenklichste der großen Westernregisseure. Er nutzte den Western, um über Schuld, Rache und innere Konflikte zu erzählen. In Filmen wie "Winchester '73" (dito, 1950), "The Man from Laramie" ("Der Mann aus Laramie", 1955) oder "The Naked Spur" ("Nackte Gewalt", 1953) waren seine Helden keine strahlenden Ritter. Sie trugen Narben auf der Haut und auf der Seele. Sie waren von der Vergangenheit geprägt und manchmal kaum noch in der Lage, zwischen Gerechtigkeit und persönlicher Vergeltung zu unterscheiden.
The Man from Laramie (1955) ORIGIAL TRAILER [HD 1080p]
Der Westen wurde erwachsener. Er erzählte nicht mehr nur von Heldentaten und der Eroberung einer neuen Welt, sondern auch von Fehlern, Konflikten und den Brüchen in den Biografien seiner Figuren. Aber er verlor nie seinen Glauben. Ob es um den großen Siedlertreck ging oder um das Drama eines einzelnen Menschen: Hinter allen Geschichten blieb dieselbe Grundüberzeugung bestehen: Amerika konnte seine Probleme lösen. Rückschläge waren Teil des Weges, aber sie waren niemals das Ende, denn der amerikanische Mythos blickte stets nach vorne. In die Zukunft! In ein gelobtes Land!
Vielleicht war genau dies der Grund, warum der Western in den 1950er-Jahren seinen Höhepunkt erreichte. Nach dem großen Sieg 1945 begann die Welt schon wieder komplizierter zu werden. Im Western dagegen blieb die Welt überschaubar.
- Ein Mann.
- Ein Problem.
- Eine Entscheidung.
- Die Waffen waren sichtbar.
- Der Bösewicht hatte ein Gesicht.
- Die Grenze zwischen richtig und falsch waren klar gezogen.
Das machte den Western zu einer Kunstform der emotionalen Ordnung. Besonders deutlich wurde das bei John Ford. "My Darling Clementine" ("Faustrecht der Prärie", 1946) oder "She Wore a Yellow Ribbon" ("Der Teufelshauptmann", 1949)" erzählten von Gemeinschaft, Pflichtgefühl und dem Aufbau einer neuen Gesellschaft.
Konflikte waren oft schmerzhaft, doch am Ende stand die Überzeugung, dass Opfer einen Sinn hatten und sich aus Chaos Ordnung erschaffen ließ.
Ausgerechnet Ford, dessen Werk über 140 Regiearbeiten umfasst und der den Western-Mythos maßgeblich mitgestaltet hat, hat mit "The Searchers" ("Der Schwarze Falke", 1956) einen Film erschaffen, der eben genau diesen Mythos hinterfragt und daher bis heute als einer der komplexesten Western überhaupt gilt. Auf den ersten Blick erzählt er die Geschichte eines Mannes, der seine entführte Nichte sucht. Ford hätte dies als dunkle Heldenreise inszenieren können. Unter der Oberfläche ist der Film jedoch eine Auseinandersetzung mit Rassismus, Besessenheit und den seelischen Wunden eines Mannes, der nach Jahren der Gewalt keinen Platz mehr in der Gesellschaft findet. So endet die Reise des Protagonisten Ethan Edwards nicht mit der vollständigen Rückkehr zur Ordnung. Er rettet zwar Debbie, doch er selbst …? Während Debbie von ihrer Familie in Empfang genommen wird, schließt sich die Tür und Ethan bleibt nicht nur draußen, er verschwindet allein in der Weite des Westens. Der Held hat die Gemeinschaft bewahrt, er ist jedoch kein Teil mehr von ihr.
Die Nachkriegsgeneration wird erwachsen
Filme wie "Der Schwarze Falke", die den Mythos vorsichtig zu hinterfragen begannen, blieben zunächst die Ausnahme. Tatsächlich dürfte der Western im amerikanischen Alltag niemals wieder eine solche Präsenz erreicht haben wie in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre. In dieser Zeit gehörten Cowboys und Sheriffs zum festen Inventar der Popkultur.
Im Kino feierten Filme wie "Rio Bravo", "The Big Country" ("Weites Land", 1958), der heute leider etwas in Vergessenheit geratene Edelwestern "Warlock" (dito, 1959) von Edward Dmytryk, "The Hanging Tree" ("Der Galgenbaum", 1959) oder "The Magnificent Seven" ("Die glorreichen Sieben", 1960) große Erfolge. Sie alle liefen schließlich in "How the West Was Won" ("Das war der Wilde Westen", 1962) zusammen, der mit James Stewart, John Wayne, Henry Fonda, Gregory Peck, Debbie Reynolds, Karl Malden, Richard Widmark, Eli Wallach und Spencer Tracy (als Erzähler der US-Fassung) nicht nur das Who's Who der Kino- und insbesondere der Westernstars seiner Zeit versammelte. Das Monumentalwerk brachte hinter der Kamera mit John Ford, Henry Hathaway und George Marshall gleich drei Regiegrößen zusammen: nicht aus Prestigegründen, sondern weil die gewaltige Produktion für einen einzelnen Regisseur kaum zu bewältigen gewesen wäre. Daneben entstanden Jahr für Jahr zahllose kleinere Produktionen: solide B-Western, die zwar keine Filmgeschichte schrieben, die das Publikum aber zuverlässig in die Kinos lockten und den Western zum verlässlichsten Genre Hollywoods machten.
Gleichzeitig eroberte der Westen das Fernsehen. Serien wie "Gunsmoke" ("Rauchende Colts", 1955–1975), "Wagon Train" (1957–1965), "The Rifleman" ("Josh", 1958–1963), "Rawhide" ("Tausend Meilen Staub", 1959–1965) oder "Bonanza" (1959–1973) machten Cowboys, Marshals und Siedler zu wöchentlichen Gästen in den amerikanischen Wohnzimmern. Der Western war längst nicht mehr nur ein Kinogenre. Er war das Fundament der amerikanischen Popkultur und sein Mythos schien unerschütterlich.
Doch während Hollywood weiterhin Geschichten von Cowboys und Pionieren erzählte, begann sich das Land zu verändern. Die erste Nachkriegsgeneration (in Deutschland als "Halbstarke" bezeichnet) begann, Autoritäten zunehmend infrage zu stellen. Die Bürgerrechtsbewegung gewann an Kraft. Der Kalte Krieg erzeugte derweil nicht nur Stolz auf die eigene Stärke, sondern auch Ängste und Zweifel. Spätestens der Sputnik-Schock von 1957 erschütterte das amerikanische Selbstbild: Die Sowjetunion hatte den ersten künstlichen Satelliten ins All gebracht und damit gezeigt, dass der technologische Vorsprung der Vereinigten Staaten nicht selbstverständlich war. Eine jüngere Generation von Filmemachern und Zuschauern war nicht mehr bereit, die alten Geschichten einfach hinzunehmen.
Vielleicht lag darin die größte Ironie des klassischen Westerns. Ausgerechnet in dem Moment, in dem er seine größte kulturelle Macht erreichte, begann das Fundament zu bröckeln, auf dem er über Jahrzehnte gestanden hatte. "How the West Was Won" dominierte 1963 die Kinokassen und machte sein Studio MGM sehr glücklich. Doch der Erfolg konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Welt außerhalb der Kinos veränderte. Der Mythos funktionierte noch, aber er begann, Fragen aufzuwerfen.
Der Western hatte immer von einer Grenze erzählt. Von Menschen, die ins Unbekannte aufbrachen, von einer alten Welt, die einer neuen weichen musste, und von dem Glauben, dass Fortschritt am Ende möglich war. Doch nun stand diese Grenze nicht mehr nur irgendwo im Westen Amerikas. Sie verlief mitten durch das Land! Und damit in gewisser Weise durch das Genre selbst. Die Frage war nicht länger, wie Amerika entstanden war. Die Frage lautete plötzlich: Was, wenn die Geschichte, die Amerika sich über seine eigene Entstehung erzählt hatte, nicht die ganze Wahrheit war? Denn wie das so ist: Wenn eine Gesellschaft sich in der Gegenwart verändert, beginnt sie immer auch, ihre Vergangenheit zu hinterfragen.












