Der Tag, an dem der Cowboy starb oder Warum der Western in den 60ern seine Bedeutung verlor - Der Mythos bekommt Risse

Der Tag, an dem der Cowboy starb

Es gab eine Zeit, da war der Western Hollywood. Kein anderes Genre prägte das Kino, das Selbstverständnis der USA und den Blick der Welt auf Amerika so nachhaltig. Doch die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er Jahre erschütterten den Mythos von Cowboys, Sheriffs und Pionieren. Der Western verschwand nicht von der Leinwand, fand aber nie zu seiner alten Größe zurück. Wie es dazu kam, erzählt dieses Essay.vgw

3. Der Mythos bekommt Risse

Eine Nation verliert ihre Gewissheiten

Der Moment der Selbsthinterfragung kam in den 1960er Jahren. Allerdings gab es nicht "den" einen Moment, der den amerikanischen Mythos erschütterte. Es war vielmehr eine Kette von Ereignissen und gesellschaftlichen Veränderungen, die das Selbstbild der Vereinigten Staaten langsam veränderte.

Ein entscheidender Einschnitt war natürlich der Tod John F. Kennedys im November 1963. Kennedy hatte für viele Amerikaner das Bild einer neuen Generation verkörpert. Er war jung, sprühte vor Optimismus und Aufbruch. Er stand für die Vorstellung, dass Amerika nicht nur die mächtigste Nation der Welt war, sondern auch eine Nation, die voller Zuversicht in die Zukunft blickte. Hatte er nicht gerade erst ein Programm auf den Weg gebracht, das Amerika noch bis zum Ende des Jahrzehnts auf den Mond bringen sollte? Dann, über Nacht, waren die 1960er Jahre kein Jahrzehnt des grenzenlosen Fortschritts mehr. Sie wurden zu einem Jahrzehnt der Zweifel und Zweifel ist der natürliche Feind jedes Mythos.

Der klassische Western brauchte eine Welt, in der die großen Fragen beantwortet waren.

  • Wer ist der Held?
  • Wer ist der Böse?
  • Was ist richtig?
  • Was ist falsch?

Doch die amerikanische Wirklichkeit wurde komplizierter.

Der Vietnamkrieg

Der sichtbarste Bruch war natürlich der Vietnamkrieg. Jahrzehntelang hatte Amerika sich selbst als Nation verstanden, die auf der richtigen Seite der Geschichte stand. Der Zweite Weltkrieg hatte dieses Bild auf einen güldenen Sockel gehoben. Die Vereinigten Staaten sahen sich nicht nur als mächtige Nation, sondern, wie bereits erwähnt, als eine Nation mit einer besonderen Aufgabe in dieser Welt. Hollywood lieferte dazu die passenden Bilder.

Doch dann kamen die Bilder aus Vietnam und plötzlich sah die Welt nicht mehr aus wie ein Western. Die amerikanischen Fernsehzuschauer wurden zur ersten Generation, die einen Krieg nahezu in Echtzeit in ihren Wohnzimmern verfolgen konnte. Nicht nur Nachrichtenberichte von Generälen und Politikern wurden gesendet, die sich erklärten, sondern Bilder vom Schlachtfeld selbst: Soldaten im dichten Dschungel, brennende Dörfer, verletzte und getötete Zivilisten; Kinder, die vor den Folgen von Napalmangriffen flohen. Es waren Bilder, die sich nicht mit dem alten amerikanischen Selbstbild vereinbaren ließen.

Der klassische Western hatte Gewalt immer in einen moralischen Zusammenhang gestellt. Der Held zog die Waffe, weil es notwendig war. Er war kein Mörder, der Spaß am Rumballern hatte. Er zog die Waffe, wenn es nicht mehr anders ging, damit am Ende Frieden entstehen konnte. Selbst für ihre Zeit harte Western wie "12 Uhr Mittags" oder "Der schwarze Falke" stellten Gewalt niemals als sinnlos dar. Sie war tragisch, sie war nicht erstrebenswert, aber sie hatte einen Zweck.

Vietnam stellte genau diese Vorstellung infrage.

  • Was, wenn Gewalt keine Ordnung schafft?
  • Was, wenn Gewalt nur neue Gewalt erzeugt?
  • Was, wenn diejenigen, die behaupten, für das Gute zu kämpfen, selbst Teil des Problems sind?

Diese Fragen trafen den Western ins Herz. Denn der Western war immer eine Geschichte der Eroberung gewesen. Die Wildnis musste gezähmt, das Land erschlossen und eine neue Ordnung geschaffen werden. Doch plötzlich begann Amerika sich selbst zu fragen, ob jede Eroberung automatisch Fortschritt bedeutet.

Der selektierte Traum

Die Bürgerrechtsbewegung zwang das Land dazu, sich mit einer unbequemen Wahrheit auseinanderzusetzen: Der amerikanische Traum hatte längst nicht für alle Amerikaner gegolten.

Während Hollywood jahrzehntelang Geschichten von mutigen (europäischen) Siedlern, gerechten Sheriffs und einer Nation erzählt hatte, die immer weiter zusammenwuchs, lebten Millionen Afroamerikaner weiterhin unter der Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung. Martin Luther King Jr., Rosa Parks, Malcolm X und zahllose Aktivisten machten sichtbar, was der große amerikanische Mythos oft ausgeblendet hatte: Nicht jeder war Teil dieser Erfolgsgeschichte!

Das veränderte auch den Blick auf den Western, denn die klassische Erzählung vom Westen hatte immer einen blinden Fleck besessen.

  • Wer genau hatte dieses Land eigentlich erobert?
  • Und wer hatte es verloren?

Der Indianer als Feindbild

Die Native Americans wurden im klassischen Hollywood-Western häufig als Bedrohung dargestellt.

Sie waren das Hindernis zwischen Zivilisation und Wildnis. Jede Siedlergeschichte brauchte Gegner, damit ihre Helden zu Helden werden konnten. Doch in den 1960er-Jahren begann Hollywood, diese Perspektive zunehmend zu hinterfragen. Schon John Ford hatte mit "Cheyenne Autumn" ("Cheyenne", 1964) einen wichtigen Schritt gemacht. Ausgerechnet jener Regisseur, der jahrzehntelang die großen Bilder des Westens geprägt hatte, erzählte nun von einem erschöpften Volk, den Cheyenne, das versucht, aus einem Reservat auszubrechen und in seine Heimat zurückzukehren. Nicht nur die Armee will sie daran hindern, noch schlimmer wiegen Verleugnungen, die den wahren Grund für ihren Marsch durch Lügen ersetzen.

Der Film war kein radikaler Bruch mit Fords früheren Werken, aber er zeigte eine neue Bereitschaft: Der Westen sollte nicht länger nur aus der Perspektive der Sieger dargestellt werden. Der Western musste sich neu aufstellen; seine alten Erzählungen passten nicht mehr in die Gegenwart. Aber reichten eine Perspektivveränderung und etwas mehr Wahrheit aus?

Cheyenne Autumn - Trailer #1

Parallel zu dieser Frage, die sich die Filmkünstler – Autoren, Regisseure und Produzenten – stellten, veränderte sich allerdings auch Hollywood selbst. Das alte Studiosystem, das jahrzehntelang die Regeln bestimmt hatte, verlor an Macht. Die großen Studios hatten Schwierigkeiten, ein jüngeres Publikum zu erreichen.

Mein Name ist Bond, James Bond!

Die amerikanische Popkultur der 1920er- bis hinein in die 1960er-Jahre war weitgehend ein in sich geschlossenes System. Amerikanische Künstler belieferten den amerikanischen Markt mit amerikanischer Popkultur. Natürlich gab es Ausnahmen: Die deutschen und österreichischen Exil-Regisseure wie Fritz Lang, Robert Siodmak oder Billy Wilder hinterließen deutliche Spuren im Hollywoodkino. Doch sie taten dies mit amerikanischen Filmen und amerikanischen Themen. Eine der großen Stärken der US-Unterhaltungsindustrie bestand und besteht darin, Einflüsse von außen aufzunehmen, sie zu verarbeiten und in etwas Eigenes zu verwandeln.

Was die amerikanische Unterhaltungsindustrie in den 1960er-Jahren jedoch vollkommen auf dem falschen Fuß erwischte, war die "British Invasion". Erstmals begann eine jüngere Generation, sich nicht mehr ausschließlich an amerikanischen Vorbildern zu orientieren. Plötzlich kamen die Impulse aus London und Liverpool und das in der Musik, der Mode und im Film. Die Beatles und die Rolling Stones eroberten die Bühnen und brachten nicht nur ihre Musik mit, sondern auch ein anderes Lebensgefühl: eine neue Art von Coolness, die sich selbst nicht immer ganz ernst nahm, ein Spaß, der sich bewusst von der Welt der "Erwachsenen" abkoppelte.

Dann betrat auch noch ein Kinoheld die Leinwand, der kaum weiter von einem klassischen Westernhelden entfernt sein konnte: James Bond. 1962 feierte "Dr. No" ("James Bond – 007 jagt Dr. No", 1962) Premiere; übrigens produziert von zwei Amerikanern, Albert R. Broccoli und Harry Saltzman. Beide hatten zunächst versucht, Hollywood für Ian Flemings Agenten zu begeistern, stießen dort aber auf wenig Verständnis. Ein britischer Geheimagent, der mit Maßanzug, Technik, Humor und einer gewissen Rücksichtslosigkeit durch die Welt reiste, passte nicht in das damalige Bild des amerikanischen Filmhelden. Also gingen Broccoli und Saltzman nach London und gründeten mit Eon Productions die Basis für eine der erfolgreichsten Filmreihen der Kinogeschichte.

James Bond verkörperte einen völlig neuen Typus Held. Er war kein schweigsamer Mann, der am Horizont verschwand, sondern ein weltgewandter Gentleman mit Charme, Stil und modernsten technischen Möglichkeiten. Er löste seine Probleme nicht in einem Duell auf der staubigen Main Street, sondern mit Gadgets, Verstand und Skrupellosigkeit! Während der Westernheld noch für eine Welt stand, in der Ordnung mit der Waffe geschaffen wurde, verkörperte Bond eine neue Ära: eine Welt des Kalten Krieges und der internationalen Konflikte. Gleichzeitig schraubten die britischen Regisseure am Action-Level, das die amerikanische Art, Action zu inszenieren, über Nacht alt aussehen ließ.

Da war aber nicht nur die British Invasion, die Hollywood zum Reagieren zwang. In den 1960ern entstand, wie schon angedeutet, auch vor der eigenen Haustür eine neue Generation von Filmemachern, die nicht mehr mit derselben Ehrfurcht auf die alten amerikanischen Mythen blickten wie ihre Vorgänger. Sie waren mit den Filmen von John Ford und Howard Hawks aufgewachsen, aber sie glaubten ihnen nicht mehr automatisch.

Diese Regisseure des kommenden New Hollywood wollten keine einfachen Antworten mehr. Ihre Helden waren nicht länger unerschütterliche Männer, die wussten, was richtig war. Sie waren beschädigt, unsicher und manchmal selbst Teil des Problems. Aber auch das Fernsehen spielte seine Rolle in der Kino-Western-Krise. Serien wie "Bonanza", "Wagon Train" (1957–1965) oder "The Virginian" ("Die Leute von der Shiloh Ranch", 1962–1971) brachten den Westen jede Woche kostenlos in amerikanische Wohnzimmer und machten den Familienabend zum gemeinsamen Lagerfeuer in der Prärie. Man musste nicht mehr ins Kino gehen, um klassische Cowboys zu sehen.

Das Kino musste deshalb etwas bieten, was das Fernsehen nicht konnte:

  • Größere Bilder.
  • Komplexere Geschichten.
  • Härtere Konflikte.

Doch genau das bedeutete auch: Der alte Western funktionierte zumindest im Kino nicht mehr.

Der Western hatte immer von der Vergangenheit erzählt. Doch plötzlich begann die Vergangenheit, Fragen an die Gegenwart zu stellen. Sein Fundament geriet ins Wanken. Vietnam war dabei nur der sichtbarste Bruch. Der eigentliche Wandel war tiefer. Amerika begann, seine eigene Geschichte neu zu erzählen und Hollywood würde bald folgen (müssen).

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