1. Amerika erfindet sich selbst
Mehr als ein Genre
Der Western ist nicht nur ein Filmgenre. Der Western ist Amerika auf Zelluloid. Zumindest war er es über viele Jahrzehnte. Wenn wir über die große Zeit des klassischen Hollywoods sprechen, von der Stummfilmzeit bis in die frühen 1960er Jahre, dann gab es kein anderes Genre, das sich mit dem Western vergleichen ließ. Natürlich entstanden in dieser Zeit auch andere große Filmwelten. Hollywood feierte die goldenen Jahre des Musicals, erschuf mit dem Gangsterfilm düstere Gegenentwürfe zur amerikanischen Erfolgsgeschichte, Universal Pictures brachte mit seinen Monster- und Horrorfilmen Ikonen für die Ewigkeit hervor, die Traumfabrik erzählte große Melodramen voller menschlicher Tragik, und die Screwball-Komödien von damals bringen uns heute noch zum Lachen.
Was all diese Genres gemeinsam haben: Sie kamen, dominierten zeitweise die Leinwand … und verschwanden wieder. Manche kehrten Jahrzehnte später zurück, wurden neu entdeckt und neu belebt. Der Western hingegen war einfach da.
Seit den Tagen des Stummfilms ritt er beinahe ununterbrochen durch die amerikanischen Lichtspielhäuser. Mal als preiswerter B-Western für das Nachmittagsprogramm, mal als großes Prestigeprojekt mit Stars wie John Wayne, Gary Cooper, James Stewart oder Henry Fonda. Er konnte Abenteuerfilm sein, Charakterdrama, Komödie, politische Parabel oder romantische Legende. Kaum ein anderes Genre war so wandlungsfähig und zugleich so konstant erfolgreich.
Der Western war das Fundament Hollywoods und sein Aushängeschild, denn er erzählte nicht einfach Geschichten aus der Vergangenheit.
Er erfand einen Mythos und erschuf ein cineastisches Selbstbildnis: So, genau so wollten die Amerikaner sich selbst sehen und genau so sollte die Welt sie sehen.
Der Gründungsmythos
Es hätte genügend Anknüpfungspunkte in der US-amerikanischen Geschichte gegeben, um aus diesen einen Nationalmythos zu formen. Die Landung der Pilgerväter an der Ostküste oder natürlich den Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Krone samt der Ausarbeitung einer Verfassung, die bis heute zu den bedeutendsten politischen Dokumenten der Neuzeit zählt. Oder auch der amerikanische Bürgerkrieg erzählt seine Geschichte, schließlich hätte er die Vereinigten Staaten beinahe zerrissen, aber genau das ist eben nicht geschehen! Historisch betrachtet wären all diese Ereignisse naheliegender gewesen, weil sie klar definierte Momente der US-Geschichte darstellen, Fixpunkte, wenn man so will. Das junge Hollywood entschied sich aber für seine Cowboys. Das wirkt bei genauerer Betrachtung erstaunlich, denn der klassische Western erzählt Geschichten aus einem Territorium, das große, bedeutende Teile der USA ausschließt. Auch seine zeitliche Einordnung ist eher schwammig: Die meisten Geschichten spielen irgendwann zwischen den 1850er Jahren und dem Ende der sogenannten Frontier gegen 1890.
Dennoch wurde der Western zum emotionalen Filmgenre einer ganzen Nation.
Warum?
Ganz einfach: Weil diese Zeit all das umfasst, was eine starke Gründungserzählung braucht. In dieser Zeit wurde Land gewonnen. Es entstanden Städte de facto aus dem Nichts. Endlose Siedlertrecks zogen durch unerforschtes Land. Hier kämpften Sheriffs gegen Banditen, Farmer gegen Viehdiebe und Kavalleristen gegen feindlich gesonnene Ureinwohner. Eisenbahnlinien erschlossen das Land, Postkutschenrouten verbanden auch die abgelegensten Orte mit dem Rest der Welt. Der Westen war nicht einfach ein geografischer Raum: Er war ein Versprechen. Wer nach Westen zog, ließ seine Vergangenheit hinter sich. Dort, so lautete das große Versprechen, konnte jeder sein Glück finden, vorausgesetzt, er (oder auch sie) besaß den Mut, die Ausdauer und die Bereitschaft, für seine eigene, prosperierende Zukunft zu kämpfen. Genau hier lag die eigentliche Kraft des Westerns: Seine Helden wurden nicht geboren, sie erschufen sich selbst. Europa kannte Könige, Fürstenhäuser und jahrhundertealte Dynastien. Seine Geschichte war voller Burgen, Kathedralen und Aristokraten. Amerika besaß all das nicht. Das junge Land brauchte deshalb eine andere Ursprungserzählung. Und angelehnt an die europäische Herkunft seiner Gründerväter wurden die Cowboys zu den Equites Americae – den Rittern Amerikas!
Mythos versus Realität
Diese Tatsache ist besonders vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass der historische Cowboy mit seinem Leinwand-Pendant nur sehr wenig gemeinsam hatte. Die meisten Cowboys waren Viehhirten – Kuhjungen eben! Ihre Arbeit bestand aus endlosen Tagen im Sattel, staubigen Viehtrieben und schlecht bezahlter Knochenarbeit. Schießereien gehörten eher zu den Ausnahmen als zum Alltag, ihre Waffen waren darüber hinaus in der Regel das, was man ironisch einen Schießprügel nennt.
Sie waren dazu da, Krach zu machen und die Rinder in der Herde zu halten. Für ein Duell auf der Main Street waren sie bei ihrer nicht vorhandenen Zielgenauigkeit eher unbrauchbar. Kurz gesagt: Der echte Cowboy war weniger der einsame Ritter der Prärie als vielmehr ein schlecht bezahlter Mitarbeiter eines landwirtschaftlichen Großbetriebs, der seine Gesundheit der Hitze, der Kälte, dem Sturm, dem Sand und der Trockenheit aussetzte. Darüber hinaus waren sehr viele Cowboys in Wahrheit Mexikaner, Afroamerikaner oder ehemalige Soldaten. Sie entsprachen kaum dem Bild des schweigsamen Revolverhelden, das Hollywood später prägte. Aber wen interessieren Fakten, wenn der Mythos so viel größer ist als die schlichte Realität?
Der Cowboy wurde nicht berühmt, weil es ihn tatsächlich gegeben hätte. Er wurde berühmt, weil Amerika in ihm jene Eigenschaften wiedererkannte, die es sich selbst zuschrieb: Freiheit, Eigenverantwortung, Mut und Unabhängigkeit. Der Cowboy wurde zum Sinnbild jener besonderen amerikanischen Grundeinstellung, dass man Probleme selbst in die Hand nehmen muss, statt auf staatliche Lösungen zu warten. Während anderswo Behörden Pläne zeichneten, Genehmigungen erteilten und jedes neue Bauvorhaben mit Formularen, Dreifachdurchschlägen und Stempeln begleiteten, ritt der Cowboy hinaus in die Weite und machte sich das Land Schritt für Schritt untertan. Er verkörperte die Idee, dass Freiheit dort begann, wo der Einzelne selbst Verantwortung übernahm.
Wer heute an den Wilden Westen denkt, sieht unweigerlich nicht nur den Cowboy vor seinem geistigen Auge, sondern natürlich auch das Monument Valley: gewaltige Felsformationen, staubige Ebenen und einen Horizont, der scheinbar niemals endet. Historisch betrachtet spielte sich, wie schon erwähnt, nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Frontier-Geschichte in dieser Landschaft ab. Doch genau diese Bilder wurden zum visuellen Symbol des amerikanischen Westens und damit zum mächtigsten Schauplatz des amerikanischen Mythos. Schon in der Frühzeit des Hollywood-Kinos in den 1920er Jahren kreierten Regisseure diese Bilder. Zum Symbol eines amerikanischen Selbstverständnisses aber wurden sie erst durch die Filme eines Mannes!
John Ford
Der Western wurde lange Zeit in der Filmwissenschaft als minderwertiges Genre betrachtet, dessen Bedeutung über die Leinwand hinaus von Kritikern und Analysten ignoriert wurde. Ein absolut bemerkenswertes Beispiel dafür bietet "Knaurs Buch vom Film" aus dem Jahr 1956, die erste ernstzunehmende deutschsprachige populärwissenschaftliche Darstellung der Filmgeschichte. Das fast ein Kilogramm schwere Buch bietet eine wirklich bemerkenswert detaillierte Reise durch die Geschichte des Kinos, seiner Stars, seiner Geburtsstätten. Ob deutscher Expressionismus, russischer Revolutionsfilm à la Eisenstein und Vertov, französisches Kino, italienisches Kino: Es wird seziert, eingeordnet, analysiert. Und natürlich wird Hollywood keineswegs ignoriert. Der Western aber findet nicht statt.
Die Ignoranz gegenüber dem Western als Genre geht so weit, dass die Autoren einerseits John Ford zwar als einem bedeutenden Filmemacher seinen Platz einräumen, aber nicht einen seiner Western mit Titel erwähnen. Das muss man schaffen wollen, das ist so, als würde man eine Geschichte über Cola schreiben und Coca-Cola mit keinem Wort erwähnen. Das sagt viel über den damaligen Blick auf das Genre aus.
Während man in Europa bereit war, Filme als Kunstwerke zu betrachten, wenn sie an literarische Vorbilder, Theatertraditionen oder gesellschaftlich anerkannte Themen anknüpften, galt der Western vielen als reine Unterhaltung: Cowboys, Schießereien, Pferde und Abenteuer! Es war ein populäres Spektakel, aber kein ernstzunehmender Beitrag zur Filmkunst.
Dass sich hinter diesen Geschichten eine der mächtigsten Mythologien des 20. Jahrhunderts verbarg, wurde ignoriert oder so umgebogen, dass etwa die Autoren des besagten 1956 erschienenen Buches mit "Stagecoach" ("Ringo", 1939), "My Darling Clementine" ("Faustrecht der Prärie", 1946), "Fort Apache" ("Bis zum letzten Mann", 1948), "She Wore a Yellow Ribbon" ("Der Teufelshauptmann", 1949) oder "The Searchers" ("Der Schwarze Falke", 1956) Filme ignorierten, die heute nicht nur zu den bedeutendsten Western der Filmgeschichte gezählt werden.
The Searchers - Original Theatrical Trailer
Ford erfand mit diesen Filmen die Bildsprache des amerikanischen Mythos. Seine Einstellungen wirken bis heute beinahe religiös. Kleine Menschen vor gewaltigen Felsformationen. Reiter, deren Silhouetten sich langsam am Horizont abzeichnen. Türen, die sich öffnen und den Blick auf eine scheinbar unendliche Landschaft freigeben. Es sind Bilder, die längst ihre eigentliche Geschichte verlassen haben. Selbst Menschen, die nie einen Ford-Western gesehen haben, wissen sofort, was diese Bilder erzählen.
Ford, der aus Maine stammte, also weit weg vom Geschehen seiner Filme, verfilmte keine Geschichten. Er erschuf ikonische Werke, ja Monolithen des amerikanischen Kinos und des amerikanischen Selbstverständnisses. Dasselbe gilt für John Wayne.
John Wayne, der Duke
John Wayne gehörte nie zu den vielseitigsten Schauspielern Hollywoods. Wahrscheinlich hätte er, der mit Geburtsnamen eigentlich Marion Robert Morrison hießt, selbst dieser Einschätzung nicht widersprochen.
Seine Bedeutung liegt an anderer Stelle. Er spielte den Westen nicht. Er war der Western. Zunächst übernahm er Hauptrollen in unzähligen B-Western, die ihn zum Star machten. Mit Filmen wie "Red River" (ursprünglicher dt. Verleihtitel: "Panik am Roten Fluss", 1948), Fords "The Searchers", "Rio Bravo" ("Rio Bravo", 1959), "The Man Who Shot Liberty Valance" ("Der Mann, der Liberty Valance erschoss", 1962) oder "The Sons of Katie Elder" ("Die vier Söhne der Katie Elder", 1965) wurde Wayne zu einer moralischen Konstante. Seine Figuren mochten Fehler haben. Sie konnten stur, jähzornig oder verletzend sein. Doch am Ende wussten sie stets, was richtig war. Sie standen für Ordnung in einer Welt, die noch keine Ordnung besaß. Wayne war deshalb weit mehr als ein Filmstar. Er war ein nationales Symbol. Kaum ein Schauspieler (vielleicht sogar kein anderer) wurde derart eng mit dem Selbstverständnis seines Landes verbunden.
Rio Bravo (1959) Official Trailer - Johh Wayne, Dean Martin Western Movie HD
Während Europa seine Geschichte mit Königen und Feldherren erzählte, erzählte Amerika sie mit seinen Cowboys. Dabei ging es nie ausschließlich um Abenteuer. Der klassische Western erklärte Generationen von Zuschauern, wie Amerika zu America the Beautiful geworden war. Er zeigte, wie aus Wildnis Zivilisation entstand, wie Recht das Chaos besiegte und wie Einzelne Verantwortung für eine Gemeinschaft übernahmen. Selbst wenn diese Geschichten historische Ereignisse frei interpretierten oder romantisierten, vermittelten sie doch ein klares Weltbild. Und dieses Weltbild war optimistisch!
Die Frontier-These
1893 veröffentlichte der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende, in Wisconsin geborene Historiker Frederick Jackson Turner sein in den USA berühmtes Essay "The Significance of the Frontier in American History". Turner war nicht nur ein Beobachter von außen. Er selbst stammte aus einer Region, die wenige Jahrzehnte zuvor noch als Teil der amerikanischen Frontier gegolten hatte. Wisconsin war im frühen 19. Jahrhundert ein Grenzgebiet der jungen Vereinigten Staaten, ein Raum, in dem Siedler nach Westen vorgedrungen waren, Land erschlossen und neue Gemeinschaften aufgebaut hatten, während auf der anderen Seite der Grenze (Frontier) noch das Faustrecht galt.
In seinem Essay vertrat Turner die These, dass nicht die alte Ostküste mit ihren Städten, Handelszentren und europäischen Traditionen den amerikanischen Charakter entscheidend geformt habe, sondern die immer weiter nach Westen wandernde Frontier. Dort, so seine These, sei ein neuer Menschentyp entstanden: unabhängig, pragmatisch, erfinderisch und bereit, Probleme selbst zu lösen. Individualismus und Freiheitsliebe seien nicht in den Städten entstanden, sondern dort, wo Menschen gezwungen waren, unter schwierigsten Bedingungen eine neue Existenz aufzubauen.
Ob Turner mit seiner These historisch tatsächlich recht hatte, ist bis heute, vorsichtig ausgedrückt, umstritten. Historiker haben darauf hingewiesen, dass seine Darstellung viele Aspekte ausblendet: die Rolle der indigenen Bevölkerung, die Gewalt der Landnahme, die Bedeutung von Einwanderung oder wirtschaftlicher Interessen. Die Frontier war nicht nur ein Ort des Aufbruchs, sondern auch ein Ort von Konflikten und Verlusten. Entscheidend für die Geschichte des Westerns ist jedoch etwas anderes: Hollywood glaubte daran.
Die Filmindustrie nahm Turners Idee auf und verwandelte sie in Bilder. Aus der historischen Frontier wurde eine mythische Landschaft, aus Siedlern wurden Pioniere, aus Viehhirten Cowboys. Und aus einer komplizierten Geschichte wurde eine große, geradlinige Erzählung über Mut, Freiheit und die Suche nach einem besseren Leben. Oder genauer gesagt: Hollywood erkannte sehr früh, dass sich Turners Idee hervorragend erzählen ließ.
Fast jeder große Western der folgenden Jahrzehnte bebilderte sie aufs Neue. Ob John Ford, Howard Hawks, Anthony Mann oder später George Stevens mit "Shane" ("Mein großer Freund Shane", 1953): All diese großen Westernregisseure erzählten Variationen derselben Geschichte.
Gründungsmythos
Selbst Filme, die scheinbar andere Themen behandelten, kreisten letztlich um diesen einen großen Gedanken. "High Noon" (Zwölf Uhr mittags, 1952) erzählte von Zivilcourage, "Shane" vom Ende des Revolverhelden in einer zunehmend zivilisierten Welt, "Red River" vom Aufbau wirtschaftlicher Macht und "The Searchers" von Rassismus, Heimat und Besessenheit. Jeder dieser Filme setzte andere Schwerpunkte, doch alle gingen von derselben Überzeugung aus: Der Westen war der Ort, an dem sich entschied, was Amerika sein wollte. Dieser Western verstand sich nie als Geschichtsstunde. Er war Gründungsmythos. Er erklärte Generationen von Amerikanern, wer sie waren, woher sie kamen und warum ihr Land anders war als alle anderen. Und wie jeder Mythos lebte er davon, nicht allzu genau hinterfragt zu werden.
Doch Mythen besitzen eine Schwäche: Sie funktionieren nur so lange, bis eine Gesellschaft beginnt, jene Fragen zu stellen, die sie jahrzehntelang vermieden hat. Genau das sollte Amerika in den 1960er-Jahren tun.













