Der Tag, an dem der Cowboy starb oder Warum der Western in den 60ern seine Bedeutung verlor - Der Western verliert seine Unschuld

Der Tag, an dem der Cowboy starb

Es gab eine Zeit, da war der Western Hollywood. Kein anderes Genre prägte das Kino, das Selbstverständnis der USA und den Blick der Welt auf Amerika so nachhaltig. Doch die gesellschaftlichen Umbrüche der 1960er Jahre erschütterten den Mythos von Cowboys, Sheriffs und Pionieren. Der Western verschwand nicht von der Leinwand, fand aber nie zu seiner alten Größe zurück. Wie es dazu kam, erzählt dieses Essay.vgw

4. Der Western verliert seine Unschuld

Das Ende der Gewissheit

Was bei Ford mit "Cheyenne" noch vorsichtig und mit einer gewissen Ambivalenz begann, sollte wenige Jahre später deutlich radikaler werden. Zunächst blieb der klassische Western jedoch ein Genre im Wandel. Er verschwand nicht, aber seine alten Gewissheiten lösten sich langsam auf. In dem Moment, in dem Amerika begann, an seinen eigenen Erzählungen zu zweifeln, musste auch der Western seine Antworten neu finden. Und wenn der Western das musste, galt dies für das gesamte Kino. Das war die Geburtsstunde des New Hollywood.

Autorenkino aus den USA

Eine neue Generation von Filmemachern übernahm Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre zunehmend die Kontrolle über das amerikanische Kino. Regisseure wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Peter Bogdanovich, Robert Altman, Hal Ashby oder Arthur Penn erzählten Geschichten, die weniger an die großen Heldensagen Hollywoods, sondern stärker an das europäische Autorenkino erinnerten. Ihre Figuren waren keine makellosen Helden mehr. Sie waren Menschen mit Fehlern, Widersprüchen und – Schuld!

Genau diese Veränderung traf den Western besonders stark. Denn kaum ein Genre war so sehr auf klare Rollen angewiesen:

  • Der Sheriff.
  • Der Revolverheld.
  • Der Bandit.
  • Der Siedler.
  • Der Indianer.

Das New Hollywood begann, diese Kategorien aufzulösen. Ein zentraler Wendepunkt des amerikanischen Kinos ist Arthur Penns "Bonnie and Clyde" ("Bonnie und Clyde", 1967). Ja, der Film ist kein Western, klar, darüber müssen wir nicht reden. Er beeinflusste aber die gesamte amerikanische Filmkultur. Penn zeigte Gewalt nicht mehr als notwendiges Mittel zur Wiederherstellung von Ordnung. Penns Gewalt war chaotisch, zynisch, brutal und zerstörerisch. Die berühmte Schlussszene des Films, in der Bonnie und Clyde in einem Kugelhagel sterben, veränderte die Sprache des amerikanischen Kinos. Das Publikum hatte Gewalt schon gesehen, aber nicht auf diese Weise, so schockierend, unkontrollierbar. Dieser neue Blick sollte auch den Western verändern.

Der wichtigste Name dabei war Sam Peckinpah.

The Wild Bunch • 1969 • Theatrical Trailer

Peckinpah liebte den Western

Bevor Sam Peckinpah mit "The Wild Bunch" ("The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz", 1969) den alten Hollywood-Western regelrecht pulverisierte, hatte er bereits drei Western gedreht. Schon sein Debüt "The Deadly Companions" ("Gefährten des Todes", 1961) zeigte, dass Peckinpah wenig Interesse an den vertrauten Mustern des Genres hatte. Der Film erzählt die Geschichte eines ehemaligen Armee-Offiziers. Bei einer Schießerei, in die er verwickelt ist, stirbt ein kleiner Junge. Von Schuld geplagt, versucht er der Mutter, einer Bar-Tänzerin, dabei zu helfen, den Leichnam durch gefährliches Terrain zu bringen, damit dieser neben seinem Vater beerdigt werden kann.

Für einen Western des Jahres 1961 war diese Handlung verdammt ungewöhnlich. Offenbar hatte das produzierende Studio keine Ahnung, was es mit diesem Film anstellen sollte. Ob man sich eher daran störte, dass die Hauptfigur ein Mörder ist - oder daran, dass die Mutter des Kindes eine unverheiratete Bar-Tänzerin war, bleibt Spekulation. Sicher ist: "Gefährten des Todes" wurde praktisch ohne nennenswerte Unterstützung durch das Studio veröffentlicht, kaum beworben und verschwand nach dem Kinostart weitgehend unter dem Radar.

Mit "Ride the High Country" ("Sacramento", 1962) ging Sam Peckinpah einen Schritt weiter.

Vordergründig ist der Film ein klassischer Western über eine Goldlieferung durch eine staubige Landschaft. Hauptdarsteller Randolph Scott, eine Legende des klassischen Westerns, war bei den Dreharbeiten 64 Jahre alt. Seine Figur lebt in einer Welt, die sich verändert hat. Die Handlung spielt im Jahr 1900: Die große Zeit des Westens ist de facto vorbei und die alten Männer sind müde. "Sacramento" war kein riesiger Erfolg, wurde aber von Kritikern für seine ungewöhnlich düstere Atmosphäre gelobt und sorgte aufgrund der für die damaligen Zeit überraschend harten Darstellung von Gewalt für Diskussionen.

Mit "Major Dundee" ("Sierra Charriba", 1965) ging Peckinpah noch weiter. Auf den ersten Blick scheint die Geschichte fast wie ein klassischer Western aufgebaut: Nachdem Apachen eine weiße Familie getötet haben, nimmt ein von Charlton Heston gespielter Offizier die Verfolgung auf. Doch je länger die Geschichte dauert, desto stärker verschwimmen die Grenzen zwischen Held und Gegner, zwischen Zivilisation und Barbarei. Peckinpah interessiert sich nicht mehr für einfache Antworten. Er zeigt eine Welt, in der jeder seine eigene Wahrheit besitzt und selbst die vermeintlichen Helden von ihren eigenen Abgründen geprägt sind. Das so hart, dass ihn das Studio zu diversen Kürzungen und Neu-Montagen zwang, die regelmäßig in gegenseitigen Zerwürfnissen endeten. Von 152 Minuten blieben 123 übrig. Man merkt der zweiten Hälfte denn auch dramaturgisch eine gewisse Zergliederung an. Obwohl Peckingpah nach diesem Film im Grunde eine persona non grata in Hollywood war (zu seinem extrem ausgeprägten Selbstbewusstsein gesellte sich leider auch noch eine ausgeprägte Alkoholsucht, die ihn schließlich auch umbringen sollte), bekam er noch einen eigenen Film produziert: "The Wild Bunch" ("The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz", 1969).

The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz

Die Geschichte spielt 1913 während der Mexikanischen Revolution. Eine Gruppe alter Revolverhelden versucht, sich in dieser modernen Welt mit Überfällen über Wasser zu halten. Sie sind keine Guten. Sie sind einfach alte Männer in einer Welt, in der Gut und Böse eh gerade Definitionssache sind und nicht zwingend auf ethisch-moralischen Grundsätzen basieren. Als sie etwa die Kasse einer Eisenbahngesellschaft stehlen, geraten sie in den Hinterhalt von Kopfgeldjägern, die bei der Verteidigung der Kasse einen feuchten Kehricht darum geben, wer Bandit und wer unbeteiligter Zivilist ist.

"The Wild Bunch" ist in vielen Belangen ein "Gewaltporno". Bei John Ford war der Schuss oft ein Moment der Entscheidung: eine Bewegung, ein Knall, ein gefallener Gegner. Die Konsequenz blieb meist außerhalb des Bildes. Bei Sam Peckinpah blieb 1969 die Kamera stehen. Sie zeigte den Einschlag und den Schmerz, die Verwirrung und den Tod. In Zeitlupe und Großaufnahme. Damit zerstörte Peckinpah einen der ältesten Mechanismen des Westerns: die Romantik der Gewalt.

Viele Kinobesucher sahen eine Verbindung zwischen den Bildern des Films und den Bildern aus den Nachrichten. Nicht, weil Peckinpah Vietnam verfilmt hätte, sondern weil beide Bilder eine ähnliche Botschaft vermittelten: Gewalt hat Folgen, und die sind nicht schön. Doch "The Wild Bunch" war nicht einfach nur ein brutaler Western; er war auch ein zutiefst melancholischer Film. Die Männer wissen, dass ihre Zeit vorbei ist. Sie gehören einer Welt an, die nicht mehr existiert. Genau diese Melancholie sollte den Western der kommenden Jahre prägen.

Auch andere Regisseure begannen, den Mythos des Westens umzuschreiben. Arthur Penns "Little Big Man" ("Little Big Man", 1970) erzählte die Geschichte des Westens aus einer völlig neuen Perspektive. Dustin Hoffman spielt Jack Crabb, einen Mann, der zwischen der Welt der weißen Siedler und der Cheyenne lebt. Der Film macht aus dem klassischen Eroberungsmythos eine Geschichte von Gewalt, kultureller Zerstörung und verlorener Identität. Auch "Soldier Blue" ("Das Wiegenlied vom Totschlag", 1970) sorgte für heftige Diskussionen, indem der Film die Gewalt gegen indigene Völker mit einer Härte zeigte, die im klassischen Hollywood-Western undenkbar gewesen wäre.

Auch der heute eher vergessene "McCabe & Mrs. Miller" (1971) von Robert Altman verweigerte sich den alten Regeln. Der Film zeigt keine romantische Frontier, sondern eine schmutzige, kalte Welt voller Geschäftemacher und Menschen, die versuchen, in einer unbarmherzigen Umgebung zu überleben. Warren Beattys McCabe ist kein Held. Er ist ein kleiner Unternehmer, ein Spieler, ein Träumer und jemand, der glaubt, er könne in einer Welt bestehen, deren Regeln längst andere bestimmen. Altman nahm dem klassischen Western seine klare Moral. Es gab keine reine Zivilisation, die die Wildnis besiegte; es gab nur Menschen mit unterschiedlichen Interessen.

Sydney Pollack widmete sich mit "Jeremiah Johnson" (1972) einem eher modernen Thema: Ein "moderner" Mann entflieht der Hektik, indem er in die Natur zieht. Doch der Film macht aus der Natur keinen romantischen Rückzugsort. Die weithin noch unberührte Wildnis ist wunderschön, aber auch brutal und vollkommen gleichgültig gegenüber den Schicksalen derer, die hier leben.

Jeremiah Johnson | Extended Movie Preview | Warner Bros. Entertainment

Neue Sichtweisen

Figuren wurden neu definiert. Der Cowboy war nicht länger automatisch ein Symbol der Freiheit. Er konnte ein Verlierer sein, ein Zuspät-Geborener, ein alter, zynischer Mann, ja sogar ein Verbrecher. Der sogenannte Revisionist Western zerstörte den Mythos dabei nicht unbedingt. Er zeigte vielmehr seine Schattenseiten: Die gebrochenen Charaktere, denen der Westen nicht nur Glück bescherte. Eigentlich hätte daraus eine völlig neue Form des Westerns entstehen können, denn Brüche bedeuten nicht zwangsläufig das Ende alter Geschichten. Sie bieten auch neue Möglichkeiten, ein Genre für die Zukunft massentauglich zu gestalten. Wie gesagt, wenn es ein Genre gab, das für eine beständige Präsenz stand, war dies der Western. Er war immer da. Sicher, ein Film wie "The Wild Bunch" dekonstruierte den klassischen Western ohne Frage. Er zeigte, dass die alten Helden einer vergangenen Zeit angehörten und die Gewalt, auf der ihr Mythos beruhte, nicht länger romantisiert werden konnte. Aber das musste kein Ende sein.

Das Publikum liebte James Bond? Dann konnte man die Action des Westerns modernisieren. Das Publikum wollte keine makellosen Helden mehr? Hollywood hatte darauf doch Antworten. Das Publikum wollte mehr Wahrheit, weniger Romantik: Liebe Autoren, ihr habt doch Ideen!

Was dem klassischen amerikanischen Western jedoch tatsächlich den Todesstoß versetzte, waren nicht die kulturellen Brüche vor der eigenen Haustür. Auf die hatten die Kreativen noch irgendwie Antworten.

So kamen die radikalsten Veränderungen nicht aus Hollywood.

Sie kam aus Europa.

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