Doug Seegers - A Story I Got to Tell

CD Cover: Doug Seegers - A Story I Got to Tell

Doug Seegers, der älteste Newcomer der Welt, setzt mit "A Story I Got to Tell" seine Erfolgsgeschichte fort.

Die Geschichte wurde schon oft erzählt. Wen wundert's, sie ist einfach zu gut. Fast zu schön, um wahr zu sein. Wobei: "schön"? Nur auf das 2014 eingeläutete, so wundersame wie wunderbare Happy-End trifft das zu. Bis dahin lebte Doug Seegers ein weniger schönes Leben. Eher das Gegenteil: Alkoholiker, drogenabhängig, obdachlos. Gescheitert in allen Bereichen. Ohne jede Perspektive - bis auf die Musik. Sie war Anker und Hoffnung des im New Yorker Stadtteil Queens geborenen Sänger und Songschreibers.

Das Happy-End der Doug Seegers-Saga läutete ausgerechnet die schwedische Country-Sängerin Jill Johnson ein, die 2014 einen Fernsehbeitrag über Nashville machte - und dabei auf den Straßensänger Doug Seegers stieß. Der Rest gehört zur der herzerwärmenden Folklore, die Music City USA in den letzten Jahren zu bieten hat: Der Geläuterte. Phoenix aus der Asche. Von Saulus zu Paulus. Eine schon fast biblische Erweckungsgeschichte ist es, die uns - der längst cleane - Doug Seegers auch auf seinem neuen Album "A Story I Got To Tell" erzählt.

Eine fast biblische Erweckungsgeschichte: "A Story I Got To Tell"

Trotz seiner vielen emotionalen Täler und manch bescheidener Höhen greift er auf dem von Alternative-Country-Legende Joe Henry produzierten Album auch auf fremdes Material zurück. Natürlich mit Bedacht. Bereits der Opener stammt aus fremder Feder: Das traurige, herrlich nostalgische und anfangs mit seiner Akkord-Progression an Neil Youngs "The Needle and the Damage Done" erinnernde "White Line" von Willie P. Bennett. Ein Auftakt nach Maß und perfekt zu Doug Seegers passend. Ja, er ist seit seinem fulminanten Aufstieg, seit seinen Hit-Alben "Going Down to the River" und "Walking on the Edge of the World" noch weiter als Storyteller gereift. Vor allem hat sich der grauhaarige Cowboy eine eigene Art des Erzählens, des Singens angeeignet. Einen eigenen Sound, eine eigene Marke.

Diese persönliche Note trägt alle elf neuen Songs der erstmals in Los Angeles aufgenommenen CD " A Story I Got to Tell". Produzent Joe Henry dürfte, als Schüler von T-Bone Burnett, der ideale Mann im Regieraum sein. Nicht nur, weil er sein Handwerk von der Pike auf von den Besten gelernt hat, sondern auch, weil Henry eine Schwäche für Outsider und Sonderlinge hat. Das hört man "A Story I Got To Tell" mit sensiblen und luftigen Arrangements an. Diese Klangumgebung rückt subtil einen Mann ins Spotlight, der mehr oder weniger sein ganzes Leben lang ein Schattendasein gelebt hat. Seine Songs, sein Vortrag berichten davon.

Doug Seegers ist trotz großartiger Kritiken, Gold- und Platin-Alben und überwältigender Medienberichterstattung nicht zum großen Star mit noch größerem Ego geworden. Im Gegenteil. Man hört in Songs wie das düstere "Six Feet Under", die an Bob Dylan erinnernde Klavier-Ballade "Angel From a Broken Home" oder das verzweifelt langsame "Can't Keep Running" immer auch die Zwischentöne, die Zweifel und Ängste. Seine Stimme wird nie, wie bei seinem Idol Johnny Cash, zum Felsen in der akustischen Brandung, sondern sie zittert und grübelt.

Doug Seegers - eine glaubwürdige Identifikationsfigur

Genau das macht es aus. Doug Seegers ist niemand, der den Leuten etwas vormacht. Er ist trotz Ruhm und - für seine Verhältnisse - Reichtum und trotz neuen und gesunden Lebenswandels immer noch der sensible Typ mit dem Schuss zu wenig Selbstvertrauen. Kein Wunder, dass sich so viele mit dieser ehrlichen Haut identifizieren können. Und es verwundert auch nicht, dass es wohl niemanden gibt, der dem grauhaarigen Newcomer diesen späten Erfolg nicht vergönnt.

Dass sich Seegers offenbar so langsam an das neue Leben gewöhnt, zeigt sich in ein paar sonnigen Tracks. Im traditionellen Folk von "Give It Away" berichtet er mit Euphorie von der Kunst des Loslassens, bei flotten "Rockabilly Bug" bringt er seine Haartolle in Form und gibt den frühen Elvis und beim versöhnlichen Finale "Life is a Mystery" zieht er Bilanz - so gemütlich und unaufgeregt, als ob er aus dem Schaukelstuhl heraus singen würde.

Für ein Glanzlicht der CD sorgt allerdings ein Titel, bei dem er weder Country noch Folk bemüht: "Falling Star" ist ein rabenschwarzer Soulsong, den Otis Redding vielleicht stimmlich besser - sicher, aber nicht glaubwürdiger interpretiert hätte.

Fazit: Von Alternative-Ass Joe Henry produziert, wird Doug Seegers mit "A Story I Got To Tell" den Erwartungen mehr als gerecht.

Label: BMG (Warner) VÖ: 31. Mai 2019
01 White Line
02 Give It Away
03 Demon Seed
04 Six Feet Under
05 Angel from a Broken Home
06 Out on the Street
07 My Little Falling Star
08 Poor Side of Town
09 Rockabilly Bug
10 Can't Keep Running (Back to You)
11 Life is a Mystery

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