Jason Isbell and the 400 Unit - Weathervanes

CD Cover: Jason Isbell and the 400 Unit - Weathervanes
 

Auf ihrem neuen Album "Weathervanes" machen sich Jason Isbell & The 400 Unit auf zu einer Standortbestimmung

Wie ungerecht das Pauschalisieren ist, zeigt sich am Beispiel von Jason Isbell. Der 1979 in Green Hill, Alabama, ist durch und durch ein Südstaaten-Guy. Dennoch ist er maximal von den damit verknüpften Klischees entfernt - er singt nicht über Trucks und ice cold beer, sondern packt heiße Eisen an und er lässt sich auch musikalisch nicht in eine Schublade stecken. Das gilt für seine Solo-Werke genauso wie für seine Zusammenarbeiten mit den getreuen Begleitern von The 400 Unit. Das neue Album "Weathervanes" macht da keine Ausnahme.

Es ist im Grunde - erneut - das Resultat seiner musikalischen Sozialisierung, die bereits in frühen Kindheitstagen Formen annahm. Verantwortlich dafür war sein Großvater, der ihm das Gitarrespielen beibrachte und ihn mit den Roots-Urformen Gospel und Blues vertraut machte. Dass ganz in der Nähe der Musik-Kult-Gemeinde Muscle Shoals aufwuchs, hat ihm auch nicht geschadet. So konnte er schon früh die großen Session-Musikern bei Konzerten in der Nachbarschaft erleben. Neben den klassischen Roots-Genres konnte sich der junge Isbell aber auch für den Rock begeistern: Eddie Van Halen, der fingerfertige Wundergitarrist der gleichnamigen Band, hat es ihm - so bekannte er in einem Interview - besonders angetan. Angeblich hat er sich so manches Solo von der 2020 verstorbenen Gitarristen-Legende draufgeschafft.

Den Auftakt für den zehn Titel starken Song-Reigen übernimmt eine Ode, eine Huldigung an die Interpretin: "Tanya" heißt das knapp einminütige A-Cappella-Stück von Billy Joe Shaver. Der 2020 verstorbene Country-Rebell interpretiert es wohl auch selbst (der CD-Waschzettel gibt hierüber leider keine Auskunft). Diese kleine Pretiose macht klar, in welcher Liga Tanya Tucker in Nashville spielte und spielt, mit wem sie klarkommt, wer ihre Geistesbrüder und -schwestern waren und sind. Es sind nicht die makellosen Glamour-Acts, sondern eher die rauen Gesellen wie Shaver. Oder die Unangepassten wie Shooter und Brandi.

Jason Isbell: schon als Kind in Gospel und Blues geschult

Respekt, muss man sagen. Andererseits ist es eine Fertigkeit, die er in seinem professionellen Musikerleben nie zur Geltung bringen durfte. Schon mit seiner ersten Band, die vielgerühmten Drive-By Truckers, ging es schnurstracks in Folk- und Americana-Gefilde. Sechs Jahre war er in der Band. Und mit jedem Bandjahr wurde sein Einfluss größer und sein Talent deutlicher zu erkennen. Die Kehrseite der Medaille: Whiskey war fester Bestandteil der Setlist. Sein Ausstieg 2007 war für ihn somit eine gesundheitliche Notwendigkeit. Doch auch künstlerisch hat es ihm nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Seine nachfolgenden Solo-Werke eroberten mitunter Platz eins in verschiedenen Charts und auch die Alben, die er mit The 400 Unit einspielte, waren auf Erfolg gepolt.

Zumindest bis zur letzten LP. "Georgia Blue" aus dem Jahr 2021 muss man nach einer Serie von Volltreffern als Rückschlag bezeichnen: mehr als ein 83. Rang in den allgemeinen amerikanischen Charts sprang für den Longplayer nicht heraus. Ob das Jason Isbell stutzig gemacht hat? Man weiß es nicht. Fest steht aber, dass er sich von dergleichen Banalitäten nicht von seinem Kurs abbringen lässt, wie nun "Weathervanes" jetzt klar macht.

"Weathervanes" (Wetterfahnen) ist keine besonders weit hergeholte Metapher für eine kritische Standortbestimmung. Wo weht der Wind her? Mit Sicherheit werden Jason Isbell & The 400 Unit mit dem neuen Album auch wieder ordentlich Gegenwind bekommen. Schließlich scheuen sie sich nicht, polarisierende Themen wie schärfere Waffengesetze, Klimawandel und Abtreibung in ihren Songs zu verhandeln. Themen, die im Country-Establishment tabu sind. Wer weiß, vielleicht macht sie das gerade attraktiv für den überzeugten gegen-den-Strom-Sänger.

Gegen ein herzhaftes Anecken kann Jason Isbell jedenfalls nichts haben. Das zeigt sich schon im Opener, ultra-düster mit "Death Wish" betitelt: ein im Mid-Tempo angesiedelter, an einen rockenden Neil Young erinnernder Folk-Rocker. Nicht übel. Aber auch nicht der ganz große Bringer. Kaum fröhlicher geht es im nachfolgenden Track "King Of Oklahoma" zu, eine bittere Abrechnung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem und ebenfalls in kernige Country- und Folk-Rock-Klänge verpackt.

Jason Isbell & The 400 Unit breiten auf "Weathervanes" des ganzen Americana-Kosmos aus

In diesen beiden Tracks lassen Isbell & The 400 Unit an die seit Jahrzehnten bestens funktionierende Wertegemeinschaft Neil Young und Crazy Horse denken. Musikalisch, inhaltlich aber auch in der Art, wie Isbell hier singt und Gitarre spielt. Noch deutlicher wird der Fingerzeig in Richtung Old Neil beim finalen "Miles", ein über sieben Minuten langer, gegen Ende sessionartiger Track in der Stimmungslage des Young-Klassikers "Cortez The Killer".

In den 13 Tracks von "Weathervanes" weht der Wind aber natürlich nicht nur aus einer Richtung. Nein, nein, die Windrose zeigt mal in diese, mal in jene Richtung. Mal ist es nur ein laues, akustisches Folk-Lüftchen ("Strawberry Woman"), mal pustet es ganz in Muscle Shoals-Manier heiß und soulig ("Middle Of The Morning") und mal bläst der Wind aus herrlicher Country-Folk-Richtung ("If You Insist"). Damit nicht genug. Genau genommen hält jeder einzelne Song eine kleine Überraschung parat. In "White Beretta" ist es eine inhaltliche: da verarbeitet er eine in jungen Jahren gemachte Abtreibungs-Erfahrung – ein verstörend offener Song, von gefälligen Folk-Klängen musikalisch konterkariert. Etwas irritieren könnte einen musikalisch das zupackende "This Ain't It". Hier verschmelzen die Damen (Isbells Gemahlin Amanda Shires gehört zur Begleitband) und Herren das Beste von den Stones, den Allman Brothers und dem Heartland Rock à la John Mellencamp.

Fazit: Jason Isbell & The 400 Unit präsentieren auf "Weathervanes" ein Füllhorn an originellen, eingängigen und sperrigen, kritischen und Genregrenzen überwindenden Songs. Je öfter man das Album hört, desto besser wird's.

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