
Die etwas undankbare Aufgabe, das zweitägige Festival musikalisch zu eröffnen, hatte Kip Moore. Undankbar, weil der 34-Jährige nur eine gute halbe Stunde nach dem Einlass anfangen musste. Und eine Halle, die über 10.000 Zuschauer fasst und gerade einmal zu einem Drittel gefüllt ist, ist nicht ideal, um die Fans, die einen vielleicht noch nicht kennen, von sich zu überzeugen. Selbst die Kameraleute, die den Auftritt auf die Leinwände übertragen, haben zu diesem frühen Zeitpunkt Probleme, Bilder begeisterter Besucher einzufangen. Kip und seine Band The Slow Hearts geben trotzdem Gas - was in diesem Fall einen lauten Rock-Sound - geprägt von gleich drei Gitarren - bedeutet. Mit "Drive Me Crazy" und "Beer Money" wird es langsam auch im Rund voller und lauter. Nur einmal gibt’s während des Auftritts Gelegenheit, die Stimme des Mannes aus Georgia ohne die dreifache Gitarrenuntermalung zu hören, denn bei "Hey Pretty Girl" agiert der Sänger zunächst ohne Band - und beeindruckt mit überzeugender Stimme. Davon hätte man gern mehr gehört, doch das Set ist nach 35 Minuten vorbei.

Wer dachte, Kip Moore wäre laut, wird beim folgenden Auftritt von Brantley Gilbert eines besseren belehrt. Doch bevor der Kumpel von Jason Aldean loslegt, gibt es per Einspieler einen gestellten Blick hinter die Bühne. Da muss der Sänger erst mal von seiner Harley absteigen, seine Pistole ablegen und seine Muskeln und Tattoos im Closeup präsentieren. Mehr Klischee geht nicht. Und natürlich hat sein Mikro einen eingebauten Schlagring. Auch seine Musiker zeigen sich in dem Einspieler wie gerade auf Freigang. Definitiv keine potentiellen Schwiegersöhne, sondern Rednecks, optisch irgendwo zwischen den Brazil-Metallern von Sepultura und dem irischen Leprechaun angesiedelt. Erwartungsgemäß stellen Gilbert und Co. ihr letztjähriges Output "Just as I am" in den Fokus. Überraschungen gibt es keine, immerhin aber zu "My Baby's Guns N'Roses" ein schniekes Intro mit "Sweet Child of Mine" von der im Songtitel erwähnten Band. Mit "One Hell of Amen" wird es sogar mal nachdenklich, ist der Song doch eine Hymne an das Leben, die verstorbene Freunde ehren soll, wie Gilbert erklärt. Auch bei der Bebilderung dazu lässt Gilbert kein Klischee aus - so flimmern Ansichten von Kirchenfenstern, in denen sich die untergehende Sonne spiegelt und Bilder von Militärbegräbnissen über die Leinwand. Zum Ende wird’s dann wieder laut und Gilbert ist sich nicht zu schade, dem Publikum seinen tätowierten Rücken zu zeigen, auf dem zwei Revolver zu sehen sind. "Read Me My Rights" ist der passende Song dazu. "Wer in mein Haus einbricht, den erschieße ich, und dann lasse ich mich gerne von den Cops abführen", unterstreicht Gilbert die fragwürdige Aussage des Songs.

Flammenwerfer, Explosionen und wie Fontänen nach oben schießende Rauchschwaden - was an Pyrotechnik in der 3Arena realisierbar ist, hat Jason Aldean mitgebracht. Mit "Hicktown" und "My Kinda Party" gibt's gleich kraftvolle Hits. Und endlich bekommen die Zuschauer auch mal Country, wenn auch in einer sehr rockigen Variante zu hören. Bei "Amarillo Sky" vom ersten Album beispielsweise ist die Pedal Steel wunderbar zu hören. Dass der 38¬-Jährige, der wie seine Vorgänger aus Georgia kommt, Titel aus fast allen Alben spielt, ist kein Zufall. Sein Label hat im Zuge der Festival-Auftritte in London und Dublin alle Alben neu veröffentlicht. Werbung gibt's auch für die nächste Single. Die soll "Tonight Looks Good On You" werden, wie Aldean verrät. Das direkt folgende "Sweet Little Somethin" von David Lee Murphy, Ben Hyaslip und Marv Green kommt allerdings noch deutlich besser an. Drei Tage seien er und seine Band vor dem Auftritt bereits in Dublin unterwegs gewesen, ist ebenfalls zu erfahren. Ein Sightseeing, das sich vor allem auf den Besuch vieler Pubs konzentriert habe. "Wir haben mehr getrunken als gegessen", erklärt Aldean. Trotzdem stehen Sänger und Band wackelfrei auf der Bühne, was auch nötig ist, als zum Ende zu "Crazy Town", "Dirt Road Anthem" und "She's Country" noch mal alles an Pyrotechnik abgefeuert wird, was geht. Der Bühnenboden gleicht einem Minenfeld, deren Explosionen in unmittelbarer Nähe der Musiker hochgehen.

Ganz ohne Spielereien aus dem Experimentenkoffer kommen zum Finale des ersten Abends Lady Antebellum aus. Auch donnernde Gitarrensounds braucht dieses Trio nicht - Hillary Scott, Charles Kelley und Dave Haywood überzeugen lieber mit ihren Stimmen. Und wie. Der 18 Songs umfassende Auftritt startet mit "Bartender" und die Menschen in der Halle sind bis auf diejenigen, die im Rundgang noch bei der Autogrammstunde von Kip Moore anstehen, schnell bester Laune. Dave Haywood zeigt bei einem Solo sein Können an der Gitarre. "Er ist der Einzige von uns, der wirklich ein Instrument spielen kann", erklärt Scott mit charmantem Lächeln, während Charles Kelley bei "Looking For A Good Time" nicht auf der Bühne, sondern im Innenraum und der Tribüne singt. Dabei trinkt er aus den Bierbechern der Fans, macht Selfies, bekommt hier und da einen Kuss und setzt sich schließlich auch noch den Hut eines Besuchers auf - mehr Nähe zur Kundschaft geht nicht. Doch nicht nur mit unerwarteten Ausflügen erfreuen Lady Antebellum. Beim gefühlvollen "One Great Mystery" beweisen Fans wie schon zuvor bei "American Honey" ihre Textsicherheit. Eine Resonanz, die Scott glatt Tränen der Rührung eins Gesicht treibt. Als Scott und Kelley von der Entstehung der Band berichten, erinnern sie auch an einen Song, den sie damals immer als Duo gespielt haben. "Islands In The Stream" von Dolly Parton und Kenny Rogers. Offenbar eins der Lieder, das die Iren schon im Kindesalter auswendig gelernt haben - denn diese Karaoke-Version lässt fast das Dach der Arena abheben. Das Set endet mit den Zugaben "Need You Now" und "Wake Me Up".

Brandy Clark eröffnet den zweiten Abend. In den vergangenen Jahren lediglich als Songwriterin unter anderem für Reba McEntire, The Band Perry und Miranda Lambert aufgefallen, erreichte die Sängerin mit ihrem ersten eigenen Album gleich eine Grammy®-Nominierung als bester neuer Artist. Clarke ist für etliche Besucher zwar die große Unbekannte des Festivals, ihre Songs und der erdige Sound ihrer vierköpfigen Band kommen dennoch gut an. Die Sängerin konzentriert sich bei ihrer Auswahl nicht nur auf Nummern ihres Debüts "12 Stories", sondern testet dazu neue und unveröffentlichte Songs an, die es auf ihr nächstes Album schaffen werden. Das handfeste "Broke" erinnert dabei ein wenig an Ashton Sepherd, während Clark mit "You Can Come Over Now" eine wirklich schöne Ballade in der Pipeline hat. Dazu spielt sie akustische Versionen ihrer Songs, die für andere zu Hits geworden sind ("Better Dig Two", "Mama's Broken Heart" und "Crazy Women") - zweifellos ein gelungener Auftritt.

Lee Ann Womack steht ebenfalls für traditionellen Country ein. Das sagt sie nicht nur, sie lässt es auch hören. Ihr aktuelles und bereits siebtes Album "The Way I’m Livin'" unterstreicht das, doch für den Auftritt in Dublin hat sie doch eher in ihrer Greatest-Hits-Auswahl nach passenden Nummern gesucht. "Little Rock" und "Talk to Me" erweisen sich als etwas zu ruhig, um die Massen in Begeisterung zu versetzen, was leider auch mit dem schnellsten Song ihres Sets "I'll Think of the Reason Later" nur in Ansätzen gelingt. Trotzdem ist Womacks klare Stimme und der Countryklang der sehr guten Musiker ein Genuss. Allein dies und die Fiddle-Begleitung zu "Never Again Again" ist einen Teil des Eintritts wert. Mit 48 Jahren ist die Texanerin schon die älteste Künstlerin des Festivals und strahlt vielleicht auch deshalb ohne Showeinlagen eine besondere Souveränität aus. Nach dem vom Publikum vehement geforderten "I Hope You Dance" endet der Auftritt mit einem weiteren Klassiker "Ashes By Now".

Als die Besucher im Innenraum schon von einer Vielzahl leerer Plastikbierflaschen umgeben sind, bricht die Zeit für "Bro-Country" mit Florida Georgia Line an. Das Duo wird nach einem HipHop-Intro nahezu euphorisch empfangen und von der ersten Minute an ordentlich gefeiert. Biertrinken, große Autos, Landstraßen fahren, Mädchen und wieder Biertrinken - thematisch singen sich Tyler Hubbard (der aus Florida) und Brian Kelley (der aus Georgia) durch bekannte Gefilde. Doch das scheint keinen zu stören, sind Partyhymnen wie "This Is How We Roll" oder "It's Just What We Do" doch so eingängig, dass man sie mitsingen kann, auch wenn man sie kaum kennt. Filigrane Feinheiten gibt's von Seiten der Band nicht - dafür sind die Bässe einfach zu laut eingestellt. Die beiden Sänger zeigen sehr agil und rennen ständig mehr oder weniger koordiniert auf der Bühne hin und her. Man wartet irgendwie auf drei weitere Herren ebenfalls in Muskelshirts, die das klassische Bild einer Boygroup komplettieren könnten, doch die tauchen nicht auf. Dafür gibt es bei "Get Your Shine On" ein mit Handylichtern erzeugtes Lichtermeer, bei dem selbst One Direction neidisch würden.

Für nicht wenige gehört auch Luke Bryan in die Schublade des "Bro-Country", doch dass der Mann deutlich mehr drauf hat, bewies der Superstar erst vor wenigen Tagen in Deutschland (Veranstaltungsbericht lesen). Seine Show unterscheidet sich inhaltlich nicht großartig von den beiden Konzerten in Germany, allerdings fallen Produktion und Bühne in Dublin größer aus. Erfreulicherweise gibt es auch hier eine unterhaltsame und stimmungsvolle Mischung aus alten Hits wie "All My Friends" oder "Corn" neben den bekannten Singles und Material vom Erfolgsalbum "Crash My Party". Die letzte Show der Europa-Visite wird zum Erfolgszug für den sympathischen Entertainer. Auch wenn sich Bryan eine Erkältung eingefangen hat, meistert er seine Songs in gewohnt hoher Qualität. Selbst bei Titeln, die nicht als Single erschienen sind, ist dazu das Publikum textsicher, was der Sunnyboy auf der Bühne entsprechend würdigt. "In keiner anderen Stadt haben die Leute so gut mitgesungen - ich sollte Euch mitnehmen und als Chor engagieren". Bei einem Teil der Show sitzt Bryan am Keyboard und gibt Hymnen von Alabama, Garth Brooks, Alan Jackson und Brooks & Dunn zum Besten. Das kommt nicht nur großartig an, sondern zeigt auch, dass der Mann ein Herz für die Musik besitzt, mit der er aufgewachsen ist, selbst wenn er ein (sehr guter) Vertreter der neuen Country-Generation ist und hoffentlich noch lange bleiben wird. Das denken auch die begeisterten Fans, die Bryan und seine tolle Band nach 90 Minuten mit viel Applaus zurück in die Staaten schicken.










