The Mavericks - Eine Band für die Ewigkeit

The Mavericks - Live

Man nehme den bebenden Tremolo eines Gittarenakkords, eine Rattlesnake-Rassel, einige Farfisa-Keyboardklänge sowie ein paar pikante Hornakzente und heraus kommt das Opening von "Back in Your Arms Again", der erste Song des Albums "In Time", geschrieben von Raul Martinez, Gary Nicholson und Seth Walker. Das Album ist nach sieben Jahren das erste neue Werk der beliebten Progressiv-Country-Band The Mavericks.

Mehr als 20 Jahre nach ihrer ersten, von Kritikern gefeierten Albumveröffentlichung "From Hell to Paradise" ist die aus Miami, Florida, stammende Band, die bereits zweimal den CMA Award in der Kategorie "Gesangsgruppe des Jahres" gewann, noch genauso schwungvoll und draufgängerisch wie eh und je. "Als wir die Sache angingen, wollten wir wie echte Männer Musik machen - und das haben wir auch", sagte Raul Malo, der Sänger mit der samtig-rauen Whiskeystimme. "Wir wussten nicht, was passieren würde, aber wir spielten einfach und es wurde richtig gut."

Obwohl einige Mitglieder von The Mavericks viele Jahre nicht zusammen gespielt hatten, sprang der Funke bei Frontmann Raul Malo, bei Schlagzeuger Paul Deakin, Bassist und Gitarrist Robert Reynolds und den langjährigen Musikerkollegen Keyborder Jerry Dale McFadden und Gitarrist Eddi Perez sofort wieder über. Klassische Liedformen, erstklassiges musikalisches Können und das Verlangen, die verschiedensten Musikeinflüsse einzubringen, kulminierten in einem Album, das jede Musikrichtung von Cocktail Noir über Neo-Salsa und Jukebox-Country bis hin zu Balladen abdeckt und jedem Hörer den Atem verschlagen wird.

Samtiger Retro-Herzschmerz bei "In Another's Arms" (geschrieben von Raul Malo), ansteckende Tanzrhythmen in "As Long as There's Loving Tonight" (Malo, Alan Miller und Seth Walker) und das sich langsam aufbauende, von "Bolero" inspirierte "Call Me When You Get to Heaven" (Malo) machen "In Time" zu einem Potpourri diverser Stile. In nur fünf Tagen Studioarbeit mit dem für seine Arbeit mit Neil Young bekannten Co-Produzenten Niko Bolas, enthüllte die Band das Drama, das in diesen geradlinigen Songs verankert ist. Das Ergebnis lockt die Zuhörer und taucht sie gleichzeitig in ein Kaleidoskop verschiedenster Einflüsse.

In Time auch wieder mit lateinamerikanischen Einflüssen

"Natürlich kommen die lateinamerikanischen Einflüsse nicht zu kurz," bestätigte Malo, der für alle 14 Songs des Albums als Autor oder Co-Autor verantwortlich ist - 15, zählt man "Ven Hacia Mi", die spanische Version von "Come Unto Me" dazu. "Eine Prise Herb Alpert & The Tijuana Brass, Sergio Mendes, The Gypsy Kings bei "Call Me When You Get to Heaven", aber auch Johnny Cash, Roy Orbison und obendrein eine Dosis Buck Owens sind zu hören. Es ist wie immer: Viel von allem, verknüpft mit der Vergangenheit, aber auch mit einer Brücke in die Zukunft."

"Amerika ist ein Schmelztiegel", fuhr er fort. "Für mich ist es ein Album für Rednecks und Kubaner, Mexikaner und Gringos, W.A.S.P.s und jeden, der sich freut, auf dieser Welt zu sein und sich dazu seine Gedanken macht. Verstehen Sie?"

Die Radio-Musik-Kritikerin Ann Powers sieht, wo The Mavericks ihren Platz in der Geschichte der lateinamerikanischen Musik und deren Integration in die Country Music und andere amerikanische Genres haben. "Betrachtet man den Verlauf der Geschichte, sieht man den Einfluss der lateinamerikanischen Musik auf die Country Music in den 50er und 60er Jahren", so Powers. "Es war eine Zeit, in der Künstler Blues, Tanz und Rhythm& Blues in ihre Musik einbrachten. Und es ging um eine erwachsenere Art des Lebens."

"In der heutigen Mainstream-Country Music erzählen acht Millionen Songs davon, in seinen Truck zu steigen und Party zu machen", fügte sie hinzu. "Doch die Songs der Mavericks sind anders geschrieben und haben eine gewisse emotionale Komplexität. Sie offenbaren eine gewisse Verletzlichkeit und Raffinesse, die sich aus wirklichen Songstrukturen ergibt."

Scott Borchetta war schon vor 20 Jahren als Plattenboss für The Mavericks verantwortlich

Scott Borchetta, Präsident und CEO der Big Machine Label Group, war der Verantwortliche für die genreübergreifende Band bei MCA Nashville. Damals spielte das Quartett im ausverkauften Wembley Stadion in Großbritannien und verkaufte dank der Hits "Dance the Night Away" (Malo), "Here Comes the Rain" (Malo und Kostas) und "All You Ever Do Is Bring Me Down" (Malo und Al Anderson) mehrere Millionen Platten.

"Bevor sie sich trennten, waren sie sehr erfolgreich", erinnerte sich Borchetta. "Es waren viele kleine Dinge, aber es kam alles zusammen. Ich erinnere mich, wie ich zu Paul und Robert 1996 sagte: 'Ihr dürft nicht aufgeben, denn ihr könntet eine der berühmtesten Bands der Welt werden.'"

Damals sollte es wohl noch nicht so sein, doch als Borchetta hörte, dass The Mavs zum 20. Jubiläum ihres ersten Albums "From Hell to Paradise" eine gemeinsame Tour in Erwägung zogen, hatten er und Malo ein vertrauliches Gespräch. "Da sie auf Tour gingen, dachten sie darüber nach, ein Album aufzunehmen", so Borchetta. "Ich sagte: 'Ich will, dass ihr es hier macht. Es ist mir egal, dass es noch keine Songs gibt. Ich weiß, dass die Musik da sein wird.'"

Aufgrund seiner Vergangenheit mit der Band kannte Borchetta die Herausforderungen, die damit einhergingen. "Wir wussten, sie sind etwas alternativ, denn das waren sie schon immer", sagte er. "Es ist schon lustig. Viele Sender stürzten sich auf "Born to Be Blue", und einige sagten uns: 'Das ist sogar noch weniger Mainstream als früher'. Doch WSIX (Nashville) stürze sich darauf, sobald wir es übernahmen. Sie waren bereit. Letzten Endes muss man ehrlich zu seinen Partnern sein, und als solche sehen wir die Radiosender an."

Die genreübergreifende Musik der Mavericks

The Mavericks - In Time

"The Mavericks sind anders als The Band Perry, Florida Georgia Line oder Brantley Gilbert.", erklärte er. "Und das ist gut so, denn ich weiß, dass alle, die Adele und Mumford & Sons lieben, auch "In Time" lieben werden. So war das schon immer."

Dem stimmt auch Ann Powers zu und merkt an, dass die Band ihre genreübergreifende Anziehung deshalb hat, weil sie ihre Country-Wurzeln sowohl sähen als auch ernten. "Wir vergessen, dass das Genre des Americana mit Lucinda Williams einhergeht", hob sie hervor. "Aber begonnen hat es mit The Mavericks. Mit Ihnen konnte Musik viel mehr als nur einfache Labels repräsentieren. Sie brachten die klassische Country Music denjenigen Menschen näher, die diese Musik sonst nicht hörten."

Das scheint auch jetzt der Fall zu sein. Nachdem sie den ganzen Sommer auf den größten Country-Music-Festivals wie unter anderem dem CMA Musikfestival spielten, waren The Mavericks erstaunt von dem Feedback, das sie nach jedem einzelnen Konzert bekamen, da der Großteil ihres jetzigen Publikums noch kein Radio hörte, als die Band ihre Hits hatte. "Unsere Fans sind unglaublich", sagte Malo. "Sie sangen bei vielen Liedern mit. Keine Ahnung, wie sie das machten, da die EPs "Suited Up und Ready" (veröffentlicht 2012 vor "In Time") nur als Download erhältlich waren. Wir haben sogar Bands auf YouTube entdeckt, die die Songs gecovert haben. Das ist echt verrückt!"

Retro, Modern, Progressiv, Klassisch. Da das Quartett bei Y&T Records, einem kleinen Indielabel eines Plattenladens in Miami, unter Vertrag war, machten sie ohne Unterlass traditionelle Country Music - manchmal mit Einflüssen von Patsy Cline oder Elvis. "Wir haben noch nie wirklich ins Mainstream-Schema gepasst", sagte Reynolds. "Ab und an passte es, aber wir waren schon immer anders und wir haben schon immer die Menschen, die interessantere Musik hören wollen, gefunden."

"Man kann uns nicht einordnen", so Deakin. "Wir sind eine Garagenband aus Miami, die hinter dieser Stimme spielt. Als Sonderlinge repräsentieren wir Amerika. Sehen Sie uns an: Wir sind genauso ein Schmelztiegel wie dieses Land."

Perez, der auch schon intensiv mit den Honky-Tonker Dwight Yoakam gearbeitet hat, stimmt zu: "Diese Band hat schon immer allen Erwartungshaltungen getrotzt. Eine Country-Band aus Miami? Mit kubanischem Sänger? Aber es funktioniert, denn die Menschen fühlen die Leidenschaft."

Reynolds sieht ihre Anziehungskraft anders: Statt um Volkszugehörigkeit oder Rücksendeadresse geht es bei The Mavericks um universelle Wahrheit. "Der Geist der Nacht ist etwas sehr, sehr Gutes", sagte er. "Der Schmerz, die Spannung, der Spaß: Wenn man nie im Aufwind ist, schwimmt man nie gegen den Strom. Finde stattdessen etwas Universelles, etwas das für die Ewigkeit gemacht ist. Ich denke, darauf reagieren die Menschen."

Die Band hat keine Angst, sich Zeit zu lassen, um das Publikum sorgfältig für diese Musik aufzubauen. "Diese Musik ist für die Ewigkeit gemacht", sagt Malo. "Heutzutage hat es jeder so eilig, aber es kommt auf den Weg, das Ziel an. Doch nur wenn man es richtig macht, kann es fortbestehen."

"Sehen Sie sich um", fuhr er fort. "Die Leute essen ihr Fastfood im Auto. Bei meinem Großvater, der gelernter Metzger war, gab es jeden Tag ein ordentliches Mittagessen mit einer Tasse Kaffee dazu. Er wollte sein Leben genießen. Darum geht es bei dieser Musik. Und deshalb haben wir uns entschieden es noch einmal zu machen. Es ist unorthodox und nicht einleuchtend, aber ich denke, es wird funktionieren. Das sehe ich an der Reaktion der Leute."

Borchetta kann schon einige Erfolgsgeschichten verzeichnen, auch wenn diese eine gewisse Anlaufzeit brauchten, unter anderem die von Brantley Gilbert und Justin Moore. Als er einmal gefragt wurde, wie wichtig es sei, bei Künstlern wie The Mavericks weit voraus zu schauen, lächelte er. "Man kann die Fortbewegung von The Mavericks oder die Romantik der Musik nicht verleugnen", verriet er. "Wenn Leute etwas hören, reagieren sie. Und wir werden sicherstellen, dass sie das tun."

vgw
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