Cover: 20th Century Fox Film Corporation
Im 1992 erschienenen Film "Weiße Jungs bringen´s nicht" fahren der vertrottelte Billy (Woody Harrelson) und seine kecke Freundin Gloria (Rosie Perez) in einem Cabrio und hören eine Kassette mit dem Country-Klassiker von Ray Charles, "Modern Sounds in Country and Western Music". Als Charles "Careless Love" schmachtet, fragt Billy, "Kann mir bitte mal jemand erklären, warum dieser Neger Cowboy-Musik singt?"

"Weißt du, das ist mein Lieblingslied", sagt Gloria. "Ich muss dabei immer daran denken, wie ich dich vernasche. Dann will ich dich am liebsten packen, in ein Zimmer sperren und dich vernaschen, wieder und wieder und wieder". Billy drauf: "Ich habe nicht gesagt, dass es mir nicht gefällt."

Diese Szene soll natürlich zum Lachen bewegen, aber viele im Publikum, Weiße wie Schwarze, sind und bleiben skeptisch gegenüber afro-amerikanischen Künstlern, die Country singen. Dabei erforscht gerade eine neue Ausstellung in der Country Music Hall of Fame und im dazugehörigen Museum mit dem Titel "I Can't Stop Loving You: Ray Charles & Country Music" den enormen Beitrag des geschätzten Musikers zu diesem Genre.

Im Laufe seine Karriere spielte Charles über 100 Country-Songs ein - und wurde somit zum Vorreiter für andere Afro-Amerikaner, die dieses vorrangig weiße Genre daraufhin annahmen, und zwar angefangen von Charley Pride bis zu Cowboy Troy aus unseren Tagen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung über Charles steht sein Album "Modern Sounds in Country and Western Music", das 1962 veröffentlicht wurde und bald darauf über 1 Million Mal über den Ladentisch ging. Auf der LP fanden sich Country-Fixpunkte wie "You Win Again" und "I Can't Stop Loving You". Charles brachte gleich einen Nachfolger heraus, auf dem sich auch seine zeitlose Interpretation von "Take These Chains From My Heart" findet.

"In einem Interview-Ausschnitt, der auf der Ausstellung zu sehen ist, erzählt Charles, dass ihn seine Plattenfirma für verrückt erklärte, weil er 1962 ein Album mit lauter Country-Songs aufnehmen wollte", erklärt der Museumsangestellte und Ko-Kurator der Ausstellung, Michael Gray. "Wir dürfen die sozialen Zusammenhänge nicht vergessen. Das war vor dem Marsch nach Washington, also bevor Martin Luther King seine "I Have a Dream"-Rede hielt. Das ist zwei Jahre, bevor das Bürgerrechtsgesetz von 1964 die Rassentrennung im öffentlichen Raum verbot. Es war ein mutiger Schritt von Ray Charles, dass er der Musik der weißen Arbeiterklasse aus den Südstaaten zu einer Zeit Wert verlieh, als es in Amerika noch Rassenunruhen gab."

Die Ausstellung, die bis Ende 2007 läuft, beinhaltet eine Reihe von Videoclips, unter anderen Charles' Auftritt in den TV-Shows von Glen Campbell und Johnny Cash, ein Duett mit Buck Owens in der Serie "Hee Haw" und das Musikvideo "3/4 Time" aus dem Jahr 1983, das im Dusty Road Tavern im Osten von Nashville aufgenommen wurde. Es handelte sich dabei um eines der ersten Werbevideos der Countrymusic.

"Afro-Amerikaner haben schon immer eine wichtige Rolle in der Countrymusic gespielt, angefangen von den ersten String Bands bis zum heutigen Tag herauf", meint Gray. "Zwischen R&B und Countrymusic war schon immer ein fließender übergang. Die Plattenfirmen haben in der Musik schon ziemlich früh eine Trennung eingeführt, und zwar nach Farbe. Da gab es die "Hillbilly"-Linie und die "Ethno"-Linie. Aber in Wirklichkeit lernten schwarze wie weiße Musiker voneinander und tauschten Besetzungen und Liedthemen aus. Es gab viele fließende übergänge, aber wenn man in Sachen überwindung der Barrieren zwischen den Rassen schon einen bestimmten Künstler und ein bestimmtes Album nennen will, dann ist es mit Sicherheit Ray Charles und 'Modern Sounds in Country and Western Music'".

Pride's Parade

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In den Jahrzehnten nach Charles' bahnbrechenden "Modern Sounds"-Aufnahmen wurde nur ein schwarzer Country-Interpret ein echter Superstar. Charley Pride kam zwischen 1966 und 1989 mit nicht weniger als 28 Singles auf die Nummer 1.

1965 verpflichtete Chet Atkins Pride für RCA. Das Unternehmen beschloss, dass es mit dem Aussenden von Promotion-Fotos von ihm so lange warten würde, bis er einen bedeutenden Hit landete. Dahinter steckte die Theorie, dass manche Country-DJs einen Song nicht spielen würden, wenn sie wussten, dass er von einem schwarzen Interpreten war.

Prides dritte Single, "Just Between You and Me", wurde von Cowboy Jack Clement geschrieben und wurde Ende 1966 ein Top-10-Hit. Clement, ein Weißer, produzierte die ersten 20 Alben von Pride. Clement findet, dass die RCA-Marketingstrategie für Pride klug war.

"Es wundert mich heute noch, dass ein großes Label so clever war", sagte Clement verschmitzt. "Sie haben beschlossen, dass sie auf die Rassenfrage gar nicht eingehen. Sie haben alles einfach herausgebracht und sagten, "Da ist ein ganz neuer Künstler und wir stehen hinter ihm.""

Am Anfang seiner Karriere entlastete Pride sein vorwiegend weißes Publikum von dessen Unbehagen, indem er Witze über seinen "dauerhafte Urlaubsbräune" machte. Prides umwerfende Stimme und seine offene Haltung Fans gegenüber haben ihn zu einem der größten Countrystars aller Zeiten gemacht. In seiner Dankesrede für seine Aufnahme in die Country Music Hall of Fame im Jahr 2000 bedankte sich Pride bei allen, die ihn in den ersten Jahren trotz der - wie er es nannte - "Pigmentierungsangelegenheit" unterstützten.

Mit 68 Jahren ist Pride noch immer ein aktiver Künstler. Zur Zeit arbeitet er an einem Gospelalbum. Am 13. Juli trat er am Hodag Country Festival in Rhinelander (Wisconsin) auf und am 23. September in der Little Nashville Opry in Nashville (Indiana).

Troy greift an

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Trotz einiger Erfolge in den Charts hat es noch kein afro-amerikanischer Künstler auch nur annähernd so weit gebracht wie Pride. In den 70ern, 80ern und 90ern versuchten einige schwarze Künstler - unter ihnen Stoney Edwards und Cleve Francis - in Prides Fußstapfen zu treten. Aber auf der von Radio und Records kompilierten Country National Airplay-Chart war in der mit dem 23. Juni endenden Woche kein einziger der Top 50-Singles von einem schwarzen Interpreten oder von einer Band mit einem schwarzen Mitglied.

Aber es gibt eine neue Generation von afro-amerikanischen Country-Interpreten, die diesem blütenweißen Genre mehr Vielfalt verleihen.

Der prominenteste unter ihnen ist Cowboy Troy, ein Rapper - richtig, ein Rapper - der Big & Rich nahe steht. In einem geschickten Schachzug hob Cowboy Troy sein nationales Profil, indem er die letzten Staffel der TV-Show-Asting-Show "Nashville Star" neben Wynonna co-moderiert. Sein Debütalbum, "Loco Motive" (2005), präsentierte eine Mischung aus Country und Hip-Hop. Obwohl es von den Radiosendern wenig gespielt wurde, konnte sich das Album gut verkaufen.

"Meiner Meinung nach beweist der Erfolg von Cowboy Troy, dass das Publikum mehr an Experimenten interessiert ist als die Branche", sagte Diane Pecknold, Dozentin für Popular Music an der University of Louisville. "Viele in der Branche gaben [Pride] keine Chance, aber das Publikum hatte kein Problem mit ihm."

Es gibt sie

In der 2005 von Arbitron publizierten Ausgabe von Radio Today wurde angegeben, dass ungefähr 2,4 Prozent der Country-Hörer schwarz sind. Oberflächlich besehen scheint dies eine kleine Zahl zu sein, aber wenn man bedenkt, dass Country ein extrem beliebtes Format ist, kommt man auf Millionen afro-amerikanischer Fans.

In der Branche wird gemunkelt, dass manche dieser Fans ihre Liebe zur Countrymusic hin und wieder verbergen, um sich nicht der Kritik ihrer schwarzen Freunde auszusetzen, die glauben, dass die weiße Countrymusic mit ihren Bands und Fans im allgemeinen rassistisch sei.

Sängerin Rhonda Towns - ihre neue Veröffentlichung "I Wanna Be Loved by You" erscheint auf dem unabhängigen Label Dawn Records - glaubt, dass ihr zeitgenössischer Country-Sound Fans aller Ethnien überzeugen kann.

"Country-Fans durchschauen jemanden sofort, der etwas nur macht, weil es eine Nische eröffnen könnte", erklärt Towns. "Ich will kein Novum sein. Es gibt auch andere Afro-Amerikaner, die das versucht haben. Aber ich habe schon das Gefühl, in führender, bahnbrechender Position zu stehen. Manchmal wird einem ein Kreuz auferlegt, um ein Tor aufzustoßen, das noch nie zuvor geöffnet wurde."

Am 20. Juli tritt Towns am Country Thunder in Twin Lakes (Wisconsin) in einem Festival-Lineup auf, in dem auch Keith Anderson, Big & Rich, Cowboy Troy und Gretchen Wilson vertreten sind.

Ericka Dunlap - sie wurde zur Miss America 2004 gekrönt - ist eine weitere junge Sängerin, um die in Nashville ein Hype entsteht. Die erste afro-amerikanische Miss Florida verbrachte ihre Kindheit in Orlando und hörte Countrymusic und Clogging. Im großen Schönheitsbewerb sang sie jedoch keine Countrymelodie.

"Es galt lange Zeit das ungeschriebene Gesetz, dass wenn eine Teilnehmerin an der Wahl zur Miss America ein Countrylied singt, einen Clogging-Tanz aufführt oder Fiedel spielt, oder irgendetwas macht, dass mit Countrymusic zusammenhängt, sie höchstwahrscheinlich nicht weiter als unter die Top 10 kommt", sagte Dunlap. "Mir war nicht wohl beim Gedanken, meine "Country-Seite" zu präsentieren, deshalb ging ich auf Nummer Sicher ... Ich führte den Song "If I Could" auf - ein modernes Jazz-Stück. Es funktionierte!"

Eine Frage der Wirtschaftlichkeit

Für schwarze Künstler spielen viele Faktoren dagegen, dass sie heute in den Mainstream-Country kommen. In manchen Fällen mag Rassendiskriminierung ein Faktor sein, aber ein genauso großes Hindernis ist die Dominanz großer Labels in der Branche.

Pecknold - ihr nächstes Buch aus der Duke University Press trägt den Titel The Selling Sound: Country Music, Commercialism, and the Politics of Popular Culture - ist der Meinung, dass die Fusionierungen in der Country-Branche die Chancen für aufstrebende schwarze Künstler (oder auch alle vom Status quo abweichenden Künstler) geschmälert haben, von einem großen Label unter Vertrag genommen zu werden.

"Große Labels müssen sehr viel in jeden einzelnen unter Vertrag genommenen Künstler investieren, sodass es einfach weniger Künstler gibt", sagte Pecknold. "Aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse in der Branche sind diese Labels nicht bereit, irgendetwas zu riskieren. Den mittleren Markt, der in den 1970ern existierte, gibt es nicht mehr. Zu einem gewissen Grad wurden Alt-Country und Americana so kultiviert, dass dieser mittlere Markt mit Alben bedient wird, deren Verkaufszahlen auf einem Niveau von 500.000 liegen."

Schwarze Country-Interpreten

Etliche afro-amerikanische Künstler haben sich in den letzten Jahren auf Countrymusic konzentriert. Ein kurzer überblick über einige davon, aus der Vergangenheit und Gegenwart:

DeFord Bailey - Der Harmonika-Virtuose zählte in der Zeit der Depression zu den größten Stars der Grand Ole Opry. Er wurde 2005 posthum in die Country Music Hall of Fame aufgenommen.

Big Al Downing - Der vielseitig talentierte Downing nahm R&B, Country, Rockabilly und sogar Disco-Songs auf. Sein Höhepunkt im Country trat 1978-80 ein, als er mit "Mr. Jones", "Touch Me" und "Bring it on Home" in die Charts gelangte. Downing starb am 4. Juli 2005.

Stoney Edwards - Der bereits verstorbene Interpret und Songwriter nahm fünf Alben für Capitol Nashville auf und hatte Hits mit "She's My Rock" und "Hank and Lefty Raised My Country Soul".

Ruby Falls - Ursprünglich aus Tennessee, wohnte Falls auch einmal in Milwaukee. Der bereits verstorbene Falls hatte zwischen 1974 und 1979 neun Hits in den Charts, darunter "You've Got to Mend this Heartache".

Cleve Francis - Der Kardiologe Francis gab seine Arztpraxis auf, um eine Karriere in der Countrymusic anzustreben. Er brachte in den 90ern drei Alben für Liberty Nashville heraus. Sein Wirken dauert bis heute an.

Dobie Gray - Sein bekanntester Smash-Hit war "Drift Away". Mit seinen Mitte der 80er-Jahre veröffentlichten Country-Singles schaffte er es in die Charts, unter anderem mit "From Where I Stand". Dieses Lied gab dem Box-Set mit 3 CDs, das 1998 von Warner Bros. veröffentlicht wurde, auch seinen Namen, "From Where I Stand: The Black Experience in Country Music". Gray singt auf dem Album der Blues-Belterin Shemekia Copeland, "The Soul Truth" (2005).

Linda Martell - Die erste afro-amerikanische Frau, die in der Grand Ole Opry sang, feierte 1969 mit "Color Him Father" einen Top-25-Hit.

O.B. McClinton - Der bereits verstorbene Interpret brachte auf Enterprise Records und Epic Alben heraus. 1973 verzeichnete er mit "Don't Let the Green Grass Fool You" einen großen Erfolg.

Alice Randall - Zu den Kompositionen dieser Songwriterin zählen der Hit von Judy Rodman, "Girls Ride Horses, Too" und Trisha Yearwoods Nummer 1, "XXX's and OOO's (An American Girl)".

Carl Ray - Der Texaner trat bereits im berühmten Bluebird Café und in der Schweiz auf. Er hat mit David Ball einen Track aufgenommen, der auf Rays nächstem Album erscheinen wird.

James Sharp - Seinen Stützpunkt hat er in Atlanta, doch Sharp trat bereits in Nashville und Branson (Missouri) auf. Zuletzt trat er in einem TV-Werbespot für Grillfleisch von Cargill auf.

Trini Triggs - In den 90ern wurde er von Curb unter Vertrag genommen und mit "Straight Tequila" feierte er einen Hit. Auf dem Album "Angels & Outlaws, Vol. 1" (2005) der Bellamy Brothers ist er ein Gastvokalist.

Kuriositäten und Fehltritte

In der Liste der schwarzen Künstler, die Countrymusic produzierten, finden sich auch einige überraschende Details.

1965, genau in dem Jahr, in dem die Supremes mit "Stop! In the Name of Love" die Pop-Charts stürmten, brachte Motown die LP "The Supremes Sing Country Western & Pop" heraus.

1974 gewannen die Pointer Sisters mit "Fairy-tale" einen Grammy für Best Country Vocal Performance by a Duo or Group.

1982 brachte Sammy Davis, Jr. das Album "Closest of Friends" heraus. Unter verschiedenen Titeln wurde es neuerlich auf CD veröffentlicht, unter anderem als "Sammy in Nashville: Great Country Standards".

LaToya Jackson, die mäßig talentierte Schwester von Michael und Janet, landete 1994 mit ihrem Album "From Nashville to You" einen Flop.

Völlig bizarr war das von Cowboy Jack Clement produzierte Album "Louis 'Country and Western' Armstrong" (1970). Die Scheibe wird von vielen Jazz-Aficionados als Neuerscheinung gewertet, die man getrost vergessen kann. Clement hat die schlechte Qualität des Albums immer bedauert. Seit Jahren nimmt er neue instrumentale Begleitungen auf und mischt sie mit Louis Armstrongs originalen Stimmpartien. Clement will das Projekt bald abschließen und das Album erneut herausgeben.

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