Volker Lechtenbrink: Big Box – Legendäre Original-Alben
Volker Lechtenbrink war vieles. Er war Schauspieler (legendär: seine Rolle in "Die Brücke"), Synchronsprecher, Regisseur, Intendant, Texter und: Sänger. Ein Mann, der Kultur gelebt und geliebt hat. Bei den vielen Talenten des 1944 in Ostpreußen geborenen und 2021 in Hamburg verstorbenen Tausendsassas konnte in Vergessenheit geraten, dass der Mann mit der nikotingefärbten Stimme ein fantastischer Musiker war. Ein so rauer wie sensibler Song-Poet, dessen Werk – aus heutiger Sicht – erstaunlich gut zu den Grundwerten von Country, Folk und Americana passt. Wie sehr, das zeigt sich jetzt mit der kürzlich veröffentlichten "Big Box".
Die fünf CDs mit insgesamt 113 Songs (Gesamtdauer rund sechs Stunden) zeichnen das Bild eines Menschen mit Ecken und Kanten, eines glaubwürdigen Sängers, der sehr genau weiß, wovon er spricht – auch wenn es nicht autobiografisch wird. Alles Tugenden, die man seit jeher der klassischen Country Music zuschreibt. Auch da gilt: es geht nicht darum, dass eine Geschichte "wahr" ist, sondern ob sie wahrhaftig klingt.
Volker Lechtenbrink überführte die Ehrlichkeit in die deutsche Sprache
Wahrhaftig klingen die Songs von Volker Lechtenbrink alle. Auch, weil der blonde Mann mit dem markanten Seitenscheitel nie in seiner Karriere versucht hat, amerikanische (Country)Musik zu imitieren. Er ging immer seinen ureigenen Weg. Sogar dann, wenn er sich Kris Kristoffersons Signature-Song "Help Me Through The Night" ausleiht um mit "Hilf mir durch die Nacht" sein eigenes Ding zu machen.
Volker Lechtenbrink überführte aus dem Country die Ehrlichkeit, die exakte Beobachtung und die unverblümte Wahrheit in die deutsche Sprache und damit auch in die deutsche Mentalität. Ähnlich wie in Songs von Merle Haggard, Johnny Cash oder Willie Nelson drehte sich auch bei ihm vieles um romantische und existenzielle Themen wie Unterwegssein, Nähe und Distanz, verlorene Sicherheiten oder um Sehnsüchte und Sehnsuchtsorte.
Wer das Glück hatte, Volker Lechtenbrink in einem Konzert zu erleben, sah keinen smarten Entertainer. Große Gesten waren ihm fremd. Effekthascherei oder das kalkulierte Anbiedern an das Publikum sowieso. Nein, Lechtenbrink hielt sich zurück, er ließ seine Musik, seine Songs für sich sprechen. Norddeutsches Understatement? Vielleicht. Fest steht aber, dass er sich mit dieser Haltung eine zeitlose, von Moden unabhängige Qualität erschaffen hat: Storytelling in Reinkultur.
Wie viele amerikanische Country-Sänger der 1970er und frühen 1980er Jahre hatte auch Volker Lechtenbrink einen klaren Blick auf das Leben. Immer wieder fokussierte er diesen Blick aus seinen blauen Augen auf das Leben der sogenannten "kleinen Leute", um mit Titeln wie "Korn und Bier", "Ich bin pleite", "Keiner gewinnt" oder "Ich mag Fußball" zu ihrem Sprachrohr zu werden.
Die prächtig ausgestattete "Big Box" ist mehr als nur eine lückenlose Retrospektive eines unverstellten Künstlers. Sie verweist darauf, dass sich vor 40, 50 Jahren auch in Deutschland eine Singer/Songwriter-Szene entwickelt hat mit Künstlern, die ihren Platz irgendwo zwischen politischem Lied, Schlager, Country und Folk fanden.
Auch für Lechtenbrink war es der Platz zwischen den Stühlen. In seiner schonungslos aufrichtigen Art erinnert er – nicht nur in Titeln wie "Ich habe Angst" oder "Die Hölle ist in mir" – an den legendären Songschreiber Townes Van Zandt. Harter Stoff, für die damalige ZDF-Hitparade selbstverständlich völlig ungeeignet. Chartsluft schnupperte er dennoch. Mit den Alben "Der Macher" und "Herz & Schnauze" reichte es für die Top 30 der Bestenliste und auch einige Singles waren kommerziell erfolgreich.
Volker Lechtenbrink war der deutsche Kris Kristofferson
Trotzdem bringt man Volker Lechtenbrink eher als Schauspieler in Verbindung. Verständlicherweise. Schließlich arbeitete der Mann bis kurz vor seinem Tod regelmäßig vor der Kamera – von "Küstenwache" bis "Rosamunde Pilcher". Doch sobald er in den Krimis oder Schmonzetten auch nur einen einzigen sandpapier-rauen Satz von sich gab, war klar: der Mann sollte singen, er gehört vor das Mikro. Am besten Songs mit nur zwei, drei Akustik-Gitarren-Akkorden, mit simpler Melodie aber mit ganz viel Gefühl. Songs wie "Ich lösche das Licht aus". Dann wird klar, dass auch wir in Deutschland einen Kris Kristofferson hatten ...
PS: Wer noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk ist, liegt mit der "Big Box" von Volker Lechtenbrink goldrichtig. Nicht nur, weil der letzte Song der Box "Leise rieselt der Schnee" ist.














