Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts - Lola

CD Cover: Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts - Lola

Schon der Albumtitel "Lola" erinnert an Nostalgie, an die 50er und 60er. Und tatsächlich: Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts machen sich auf einen Trip in die Vergangenheit auf.

Bei "Lola" denkt man unweigerlich an eine verruchte Bar. An ein Rotlicht-Etablissement vielleicht. Vielleicht auch an den Rainer Werner Fassbinder-Film, Anno 1981, in dem Barbara Sukowa und Armin Müller-Stahl brillierten. Jetzt bekommt "Lola" noch eine weitere kulturelle Komponente - eine musikalische, aber nicht minder anspruchsvolle. Dafür sorgt Carrie Rodriguez mit ihrer neuen Band The Sacred Hearts. Ergebnis: ein Album voller Tex-Mex-, Americana- und Worldmusic-Klängen, entfacht von absoluten Meistern ihrer Zunft.

Carrie Rodriguez ist im Americana längst eine feste Größe. Der legendäre Songwriter Chip Taylor ("Angel of The Morning", "Just A Little Bit Harder", "Wild Thing") entdeckte die mexikanisch-amerikanische Tochter des texanischen Singer/Songwriters David Rodriguez 2001 beim South by Southwest-Festival in Austin. Sechs Alben nahm die 38-Jährige Singer/Songwriterin mit dem Veteranen auf, das letzte, "The New Bye & Bye", im Jahr 2010. Daneben veröffentlichte Rodriguez vier Solo-Alben, zuletzt das hoch gelobte "Love And Circumstances" ebenfalls 2010. Nach so viel Produktivität hat die Geigerin und Sängerin ein paar Gänge zurückgeschaltet - um neue Wege einzuschlagen, um neue Kooperationen einzugehen.

Ein neues Dream-Team: Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts

Das Resultat ist die Zusammenarbeit mit The Sacred Hearts. Hinter dem Projektnamen finden sich einige der stärksten und eigenwilligsten Musiker der amerikanischen Jazz- und Worldmusic-Szene. Darunter der vielfach preisgekrönte Gitarrist Bill Frisell (Rickie Lee Jones) und Bassist Viktor Krauss (Lyle Lovett). Akustik-Gitarrist David Pulkingham und Drummer Brannen Temple komplettieren das Line-Up der Sacred Hearts. Gemeinsam mit dieser Truppe an Hochtalentierten macht sich die dunkelhaarige Schönheit daran, ihren mexikanischen Wurzeln Tribut zu zollen. Sie sagt über "Lola": "Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal meine Tante und Star der 40er-Jahre, Eva Garza, gehört habe. Die Geigen und Trompeten und ihre großartige Altstimme haben mich zu Tränen gerührt." Jetzt, nach rund 15-jähriger Karriere als Sängerin, sei sie soweit, diese frühen Einflüsse zu verarbeiten - mit einem Album, bestehend aus alten und neuen Songs, komponiert von einigen ihrer mexikanischen Lieblingskomponisten. "Es ist Teil meiner Familie", sagt Carrie Rodriguez. Wer will ihr widersprechen...

Vor allem, wenn man Familiensinn und frühe Erinnerungen so großartig aufzuarbeiten versteht, wie es die Texanerin mit "Lola" macht. Man könnte jetzt viel über musikalische Finessen, Song-Stammbäume, Einflüsse und Aufbereitung von klassischem Tex-Mex-Material schwadronieren. Kein Problem. Man kann es aber auch etwas kürzer machen, denn es ist einfach nur: schöne Musik. Musik, die berührt, die zu Herzen geht, die einen keinesfalls kalt lässt. Selbst dann nicht, wenn sie sich zum Opener von "Lola", das viel gehörte, oft gecoverte "Perfidia" zur Brust nimmt. Mit dem romantischen Titel hatte Xavier Cugat 1940 einen großen Hit, und auch in den Versionen von so unterschiedlichen Künstlern wie Charlie Parker, Mel Tormé, Cliff Richard und Linda Ronstadt entfachte der Song seinen melancholischen Reiz. Nicht immer allerdings so betörend wie in der Version von Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts. Denn dem Ensemble gelingt hier ein erstaunlicher Spagat: Einerseits klingt der Track pomadig nostalgisch; andererseits cool, modern und fast schon sophisticated. Großes Kino für die Ohren!

Die zwölf Songs von "Lola" durchwehen eine geheimnisvolle, nostalgische Aura

Der Opener von "Lola" gibt für die restlichen elf Titel schon mal die Gangart vor. So durchweht jeden Song eine knisternd, geheimnisvolle Aura. Songs wie die Balladen "La Ultima Vez", "Que Manera de Perder" und das im superlangsamen Dreivierteltakt angelegte "Noche de Ronda" entführen einen in eine schummrige Bar in Chihuahua, drei Uhr morgens natürlich. Andere mexikanische Leckerbissen - wie das rührselige "Si No Te Vas" - duften Ranchero-Noten aus, die Prärie lässt herzlich grüßen. Der eigenwillige Sound des grandiosen Projekts "Lola" hält freilich auch einige Überraschungsmomente parat. Zum Beispiel das mit Reggae-Touch und großartigem Gitarrensolo versehene "Llano Estacado", das im esoterischen Worldmusic-Rock angesiedelte und damit an Sting gemahnende und dazu Titel gebende "I Dreamed I Was Lola Beltran" – aber auch der aus der Spur scherende Country-Popper "Z" (für Zorro?) und das unerwartete "The West Side", bei dem sie urplötzlich wunderbar konventionellen amerikanischen Folk-Pop auftischt.

Fazit: Carrie Rodriguez & The Sacred Hearts reisen für "Lola" in die Tex-Mex-Musik der 40er Jahre - ein Trip, den man nicht versäumen sollte. Tolles Album!

Label: Luz (Broken Silence) VÖ: 19. Februar 2016
01 Perfidia
02 Llano Estacado
03 I Dreamed I Was Lola Beltran
04 La Ultima Vez
05 Que Manera de Perder
06 Frio en el Alma
07 Z
08 Noche de Ronda
09 Caricias
10 The West Side
11 Si No Te Vas (Instrumental)
12 Si No Te Vas

Anmelden